Corona-Krise

Neue Zahlen: So hoch ist der finanzielle Schaden für den HSV

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Bobby Wood (27) ist beim HSV chancenlos, würde beim Aufstieg aber wieder rund 3,5 Millionen Euro verdienen.

Bobby Wood (27) ist beim HSV chancenlos, würde beim Aufstieg aber wieder rund 3,5 Millionen Euro verdienen.

Foto: Witters

Trotz des Gehaltsverzichts der Mannschaft droht dem Club ein hoher Verlust. Nun steht der Trainingsstart in Herzogenaurach an.

Hamburg. Am Montagabend um 18 Uhr begann für den HSV eine Reise ins Ungewisse. Mit einem Charterflug ging es nach Nürnberg, später checkte der Zweitligist im Hotel HerzogsPark im fränkischen Herzogenaurach ein. Auf der gegenüberliegenden städtischen Sportanlage startet die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking am heutigen Dienstagvormittag mit der ersten Einheit in die entscheidende Vorbereitungsphase auf das Spiel am Sonntag (13.30 Uhr) bei Greuther Fürth.

Es ist das erste von neun ausstehenden Spielen der unterbrochenen Saison, die die Deutsche Fußball Liga in Form von Geisterspielen und einem ambitionierten Hygienekonzept beenden will. Ob der Plan am Ende aufgeht, ist ungewiss.

HSV verliert acht Millionen Euro wegen Corona

Gewissheit haben in jedem Fall die Finanzchefs der 36 Proficlubs, wie hoch der wirtschaftliche Schaden ausfällt. Der „Kicker“ hat errechnet, dass die Clubs wegen fehlender Einnahmen insgesamt 91 Millionen Euro verlieren. Rund 70 Millionen Euro entfallen davon auf die 18 Erstligisten. Der HSV rechnet für den Fall, dass die Saison regulär zu Ende gespielt wird, nach Abendblatt-Informationen mit einem Verlust von bis zu acht Millionen Euro.

Sieben Millionen Euro entfallen davon allein auf die fehlenden Einnahmen der fünf ausstehenden Heimspiele. Allerdings ist noch nicht klar, wie viele Fans auf die Rückerstattung der bereits verkauften Tickets für die Spiele gegen Arminia Bielefeld, Wehen Wiesbaden und Holstein Kiel verzichten werden. Hinzu kommt für den Club der Verlust von rund einer Million Euro durch fehlende Einnahmen aus dem Merchandising, dem Betrieb der Fußballschule oder den Konzerten im Volksparkstadion. Dem HSV droht damit im laufenden Geschäftsjahr ein zweistelliges Millionenminus.

Experte: Gehaltsverzicht beim HSV nur symbolisch

Weitere Gewissheit hat Finanzvorstand Frank Wettstein seit Sonntag auch über die geplanten Gehaltsverzichte. Der Club hatte selbst verkündet, dass sich die Mannschaft mit Sportvorstand Jonas Boldt darauf einigte, in den letzten beiden Monaten der laufenden Saison auf Teile des Gehalts zu verzichten. Rund zehn Prozent des jeweiligen Grundgehalts kann der HSV einsparen.

Was der Club nicht mitteilte: Der freiwillige Gehaltsverzicht betrifft auch den Vorstand sowie weitere Mitarbeiter. Bei den Fans kam diese Meldung sehr gut an. Sonderlich hoch ist die ausgehandelte Summe allerdings nicht. Zum Vergleich: Beim FC Bayern München gab es Gehaltsverzichte von 20 Prozent, bei anderen Clubs waren es bis zu 30 Prozent.

„Zehn Prozent Gehaltsverzicht sind nur symbolisch“, sagt etwa Michael Hedtstück, der Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „Finance“, im Abendblatt-Podcast „HSV – wir reden weiter“. Mit dem gesparten Geld könne der Club maximal Verluste aus den Ticketeinnahmen wettmachen. „Fragen Sie mal die Millionen von Kurzarbeitern, die im Moment deutlich mehr als zehn Prozent Gehaltseinbußen haben und das auf einem anderen Niveau als die Profifußballer“, sagt Hedtstück.

HSV-Finanzen: Wie viele Ideen hat Wettstein noch?

Der Wirtschaftsexperte, der die finanzielle Entwicklung beim HSV und in der Bundesliga seit Jahren verfolgt, setzt auf die Kreativität von Finanzchef Wettstein. „Letztlich waren es seine Finanzierungsideen, die den HSV immer wieder über Wasser gehalten haben“, sagt Hedtstück. „Wenn es beim HSV aber so weitergeht, fürchte ich, dass auch in Wettsteins Werkzeugkasten irgendwann nichts mehr drin sein wird.“

Eine kreative Lösung erarbeitete der HSV beim Gehaltsverzicht seiner Spieler in einem weiteren Punkt. Wie zuerst die „Bild“ berichtete, verzichtet die Mannschaft in den kommenden Wochen auf ihre jeweiligen Sieg- und Einsatzprämien. Diese siebenstellige Summe spart sich der Club aber nur dann, wenn der Aufstieg misslingt.

Schafft der HSV die Rückkehr in die Bundesliga, zahlt er seinen Spielern das Geld als zusätzliche Aufstiegsprämie. Damit wollten die Verantwortlichen den Anreiz des sportlichen Erfolgs weiter erhöhen.

HSV hat ein Drittel der TV-Rate bekommen

Wettstein würde die Zahlung der Prämien in diesem Fall sicherlich leicht fallen, schließlich könnte der HSV bei einem Aufstieg wieder mit höheren Einnahmen aus den TV-Verträgen planen. Das meiste Geld würde dann wieder in die höheren Spielergehälter fließen, die sich bei einem Aufstieg um rund 30 Prozent erhöhen.

So würde etwa der beim HSV perspektiv- und chancenlose US-Stürmer Bobby Wood in der Bundesliga wieder rund 3,5 Millionen Euro pro Saison verdienen. Der 27-Jährige steht beim HSV noch bis Mitte 2021 unter Vertrag.

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Ungewissheit herrschte bei den Clubs in den vergangenen Wochen noch über die Zahlung der ausstehenden vierten TV-Rate für die laufende Saison. Mittlerweile haben die Clubs, auch der HSV, ein Drittel dieser Summe überwiesen bekommen. Die weiteren Beträge der Rechteinhaber werden stückweise nach jedem bestrittenen Spieltag ausgezahlt.

HSV vor ungewisser Zukunft

In DFL-Kreisen soll davon gesprochen werden, dass zwölf Proficlubs die Einnahmen der letzten TV-Rate bereits wieder verkauft oder vorfinanziert hätten. Der HSV gehört nach Abendblatt-Informationen nicht dazu. Er kann frei entscheiden, wofür er das Geld einsetzt. Angesichts der Verluste wird es sich der Club aber kaum leisten können, das Geld gleich wieder in die Verstärkung des Spielerkaders zu investieren.

„Man sieht an den Zahlen, dass auch der HSV zu den Clubs gehört, die finanziell ziemlich ausgezehrt sind“, sagt Finanzexperte Hedt­stück. „Es würde mich wundern, wenn der HSV zurzeit besser dasteht als die meisten anderen Clubs.“

Klar ist, dass die Reise des HSV ins Ungewisse sowohl sportlich als auch wirtschaftlich noch lange nicht abgeschlossen ist.

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