Geisterspiel-Debatte

Forscher bricht eine Lanze für Ultras von HSV und St. Pauli

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Henrik Jacobs und Alexander Berthold
Durch diesen Tunnel zwischen S-Bahnhof Stellingen und Volksparkstadion laufen am Spieltag Tausende Fans. Bei den Geisterspielen soll es auch hier gespenstisch ruhig bleiben.

Durch diesen Tunnel zwischen S-Bahnhof Stellingen und Volksparkstadion laufen am Spieltag Tausende Fans. Bei den Geisterspielen soll es auch hier gespenstisch ruhig bleiben.

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Auch Hamburger Polizisten warnen vor Protesten der harten Szene. Fanvertreter ärgern sich darüber. Sie sehen eine viel größere Gefahr.

Hamburg. Am Mittwochabend geht Ole Schmieder mit gutem Beispiel voran. Der 44-Jährige wird sich als Gast virtuell zuschalten lassen, wenn der beliebte „Tankstellen-Talk“ der gleichnamigen HSV-Kneipe auf dem Kiez erstmals digital stattfindet und live auf YouTube zu sehen ist.

Der Sozialpädagoge, der für das HSV-Fanprojekt arbeitet, spricht dabei ab 19.27 Uhr (unter HSV-Fans heißt es 18.87 Uhr) über die aktuellen und zurückliegenden HSV-Themen.

HSV-Fans bei Spielen in digitaler Gesellschaft?

Ähnliche Wege will Schmieder auch für die HSV-Fans finden, sollten die Proficlubs im deutschen Fußball im Mai wie von der Deutschen Fußball Liga (DFL) geplant mit Geisterspielen die Saison zu Ende bringen.

Schmieder und seine Kollegen suchen nach Ideen, wie die HSV-Fans auf digitalen Wegen die Spiele in Gesellschaft verfolgen könnten. „Wir sind am Planen, wie die Fans im Austausch sein können“, sagt Schmieder, der normalerweise im HSV-Fanhaus an der Stresemannstraße verschiedene Projekte mit jungen Anhängern erarbeitet.

Geister-Rheinderby als mahnendes Beispiel

Die gemeinsamen Pläne des Fanprojekts, der HSV-Fanbetreuung und des Supporters Clubs haben einen Hintergrund. Die Clubs wollen verhindern, dass sich die Anhänger bei möglichen Geisterspielen vor dem Stadion treffen.

So wie es beim bislang letzten Spiel ohne Zuschauer passierte, als sich vor sieben Wochen bei der Partie Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln (2:1) trotz Coronawarnungen Hunderte Fans vor der Gladbacher Arena versammelten. Dieser Vorfall wird aktuell gern als Beispiel genannt, wenn Politiker in Talkshows vor Geisterspielen warnen.

Polizeigewerkschaft sieht "Gefährdungsmomente"

Auch die Polizeigewerkschaft vermutet ähnliche Ereignisse, wenn die Ligen ihre Saison unter Ausschluss der Fans fortsetzen. „Auf diese Weise wird die Fankultur wieder aufgebaut“, sagte Horst Niens (55), Vorsitzender der Hamburger Polizeigewerkschaft, am Dienstag dem Abendblatt. „Der geneigte Fan sucht zum Fußballgucken die Geselligkeit. Da sehe ich Gefährdungsmomente.“

Niens teilt damit die Meinung des Bundesvorsitzenden Jörg Radek, der ein mögliches Szenario als „verheerend“ bezeichnet hatte, wenn die Stadien wieder zu einem Ziel der Fans werden, die ihr Team unterstützen wollen.

HSV-Ultras senden keine Versammlungs-Signale

Das Ganze ist bislang aber nur eines: ein Szenario. Hört man sich in der aktiven Fanszene um, ergibt sich ein anderes Bild. Auch in der Ultra-Szene des HSV gibt es keine Signale, dass die Fans versuchen würden, ihren Protest in Form von Ansammlungen vor den Arenen auszudrücken, um so einen Abbruch der Spiele zu provozieren.

Schmieder ist sich sicher, dass ein möglicher Protest nicht vor dem Stadion stattfänd. „Die Ultras können ja nicht auf der einen Seite gesellschaftliche Verantwortung fordern und auf der anderen Seite mit 50 Leuten vor dem Stadion stehen und die Ansteckungsgefahr vergrößern“, sagte Schmieder am Dienstag im täglichen Abendblatt-Podcast „HSV – wir reden weiter“.

Zuletzt hatten die Fanszenen Deutschlands, ein Zusammenschluss hiesiger Ultragruppen, ihre Ablehnung gegenüber Geisterspielen deutlich zum Ausdruck gebracht. Seitdem fürchtet nicht nur die Gewerkschaft der Polizei, dass es zu Ansammlungen von Fans vor den Stadien kommen könnte. Schmieder hält das für Unsinn: „Was sollen die Fans denn vor dem Stadion machen? Der Polizei in die Arme laufen? Das hat doch alles keinen Sinn.“

Der HSV-Podcast mit Ole Schmieder:

Polizei noch ohne Geisterspiel-Konzept

Die Polizei Hamburg hat für Geisterspiele bislang keine Pläne vorbereitet, wie sie auf Abendblatt-Nachfrage mitteilte. Klar scheint nur, dass Beamte vor dem Stadion bereitstünden, um eine mögliche Lage zu beobachten. Ob es so weit kommt, ist weiter offen.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschen­tscher sagte jetzt, dass die Entscheidung über Geisterspiele auch im Zusammenhang mit den zum 7./8. Mai angestrebten Lockerungsmaßnahmen für den Amateur- und Freizeitsport getroffen werden soll. Am Donnerstag wollen Bundesregierung und die 16 Ministerpräsidenten diese Problematik diskutieren.

St. Pauli im Austausch mit seinen Fans

Für St.-Pauli-Anhänger wäre auf dem weitläufigen Heiligengeistfeld die Chance noch größer, direkt am Millerntor etwas Atmosphäre zu erleben. Bislang sind in dieser Fanszene aber keine Aktionen bekannt.

„Sollte sich die Politik für eine Fortsetzung des Spielbetriebes aussprechen, appelliert der FC St. Pauli an ein verantwortungsbewusstes Handeln aller“, sagte Präsident Oke Göttlich. „Zudem befindet sich der FC St. Pauli in einem konstruktiven Austausch mit den Fans für Spiele ohne Publikum.“

Politikwissenschaftler stellt sich hinter Ultras

Was viele Fanvertreter ärgert, ist die pauschale Vorverurteilung der Ultrabewegung. Auch Jonas Gabler hat dafür kein Verständnis. Der Politikwissenschaftler aus Berlin forscht seit Jahren über Fans. Sein Buch „Die Ultras“ sorgte bundesweit für Beachtung.

Gabler glaubt nicht, dass sich Ultras bei Geisterspielen versammeln würden. „Ich wundere und ärgere mich über solche Äußerungen, weil ich das Gefühl habe, dass da an übliche Diskurse angeknüpft wird. Wenn im Fußball etwas schiefläuft, wird das schnell mit dem Label Ultras versehen“, sagt Gabler.

„Diese Gruppen haben mit ihrem Engagement in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie so vernünftig sind, dass man nun – bei allem Ärger über mögliche Geisterspiele – nicht zu so einem unvernünftigen Mittel greift. Damit würden sie sich und ihre Position zu Geisterspielen diskreditieren.“

Sky-Abonnenten als größere Gefahr?

In einem Punkt sind sich aber sowohl Gabler, Schmieder als auch die Polizeigewerkschaften einig: Die viel größere Gefahr bei Geisterspielen seien Fans, die ein Sky-Abo haben und größere Gruppen von Freunden zum gemeinsamen Gucken einladen könnten.

„Gesamtgesellschaftlich ist das ein viel größeres Problem“, sagt Schmieder vom HSV-Fanprojekt. „Auch wir können da nur an die Vernunft appellieren.“​

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