Zweite Liga

Die Leiden von HSV-Profi Jairo Samperio in der Coronakrise

Jairo Samperio trainierte auch am Freitag wieder im Volkspark. Nach einer Einheit an diesem Sonnabend ist am Sonntag frei.

Jairo Samperio trainierte auch am Freitag wieder im Volkspark. Nach einer Einheit an diesem Sonnabend ist am Sonntag frei.

Foto: Witters

Den Spanier hat die Pandemie besonders hart getroffen. Seine Hochzeit fällt aus und sportlich steht er vor einer ungewissen Zukunft.

Hamburg. Vor drei Monaten hat Jairo Samperio ein Buch gekauft. „Fast Food Saludable“ von Roberto „Chef“ Bosquet. Ein Kochbuch für glutenfreies und gesundes Essen, das der spanische Spitzenkoch gemeinsam mit dem Fußballer Marcos Llorente von Atletico Madrid veröffentlicht hat. „Ich wollte etwas Neues probieren“, sagt Jairo, als er dem Abendblatt vor seiner Trainingseinheit per Telefon zugeschaltet ist. „Im Nachhinein war das ein glücklicher Moment.“ Seit dem Beginn der Coronakrise ist der HSV-Profi dank seines Buches selbst zum Chefkoch geworden. Vor zwei Wochen erst hat er seiner Verlobten Carmen einen Cheesecake gebacken. „Es war ihr 25. Geburtstag. Der Kuchen musste gelingen“, sagt Jairo und lacht.

Der Spanier kann wieder lachen. Hinter ihm liegt ein halbes Jahr voller Probleme und schlechter Nachrichten. Es begann mit einer Verletzung und ging weiter mit einem Streit mit Trainer Dieter Hecking. Doch das waren nur Kleinigkeiten im Vergleich zum Ausbruch der Coronapandemie, die vor allem in seiner spanischen Heimat zu einer schlimmen Krise des Gesundheitssystems führte. Mit persönlichen Folgen für Jairo: Er muss seine für den 9. Juni geplante Hochzeit mit Carmen in seinem Heimatort Cabezon de la Sal absagen. Voraussichtlich wird er sie um ein Jahr verschieben.

Ende Juni läuft der Vertrag von Jairo Samperio in Hamburg aus

„Das ist sehr schade. Wir haben ein Jahr lang alles für die Feier vorbereitet und uns richtig gefreut“, sagt Jairo. Er überlegte zunächst, die Trauung in den Juli zu legen. Aber so schnell wird sich die Situation in Spanien wohl nicht erholen. „Ich will ja auch, dass meine Großmutter kommen kann. Das ist mir wichtig.“ Jairo wird etwas leiser und sagt dann: „Manchmal muss man eben Geduld haben.“

Ein Satz, der auch für seine sport­liche Situation beim HSV zutrifft. Ende Juni läuft sein Vertrag in Hamburg aus. Trotz der Pläne der DFL, die Saison mit Geisterspielen zu beenden, ist noch völlig unklar, ob die Saison bis dahin vorbei ist. Die Gespräche über einen neuen Vertrag zwischen seinem Berater und Sportvorstand Jonas Boldt wurden auf Eis gelegt. Stand jetzt ist Jairo von Juli an arbeitslos. „Ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken. Die Situation ist für alle Menschen extrem. Andere Dinge sind im Moment wichtiger.“

Muskelfaserriss im Oberschenkel

2020 sollte eigentlich sein Jahr werden. Im Januar träumte er noch von einer erfolgreichen Rückrunde. Von seinem ersten Tor im Volksparkstadion. Vom Aufstieg und einer Vertragsverlängerung. Und natürlich von seiner Traumhochzeit. Es wäre das Happy End gewesen nach einer langen Leidenszeit, die im August 2018 mit seiner schlimmen Knieverletzung begann.

Stattdessen verletzte sich Jairo im Januar erneut. Nicht schlimm. Ein Muskelfaserriss im Oberschenkel. Aber der Kampf um die Stammplätze war für ihn in der entscheidenden Phase der Vorbereitung beendet. „Der Zeitpunkt war sehr ärgerlich. Ich habe einen Monat Zeit verloren“, sagt Jairo rückblickend. Anfang März war er wieder in guter Verfassung. Der HSV hatte gerade gegen St. Pauli und bei Erzgebirge Aue verloren und schlitterte in die sportliche Krise. Trainer Hecking plante Veränderungen in der Mannschaft. Eine Idee: Jairo sollte in einer Doppelspitze mit Martin Harnik gegen Jahn Regensburg stürmen. Im Training durfte der Flügelspieler in der A-Elf ran. Doch nur einen Tag später strich ihn Hecking überraschend aus dem Kader. „Ich war natürlich enttäuscht. Jeder Spieler möchte immer im Kader sein. Also machst du dir Gedanken, was du falsch gemacht hast.“

Hecking wartete kurz, ehe er mit Jairo sprach. Dabei war der Grund ganz simpel. Dem Cheftrainer hatten Jairos defensive Laufwege im Training einfach nicht gefallen. Am Tag nach dem 2:1-Sieg gegen Regensburg suchten die beiden das Gespräch. „Ich denke, dass ich ein intelligenter Spieler bin und mein taktisches Verhalten entsprechend der Vorstellungen der Trainer ändern kann“, sagt Jairo. Doch sein Ärger über sich, die Situation und den Trainer ist verflogen. „Wir haben uns ausgesprochen. Der Trainer hat mir gesagt, dass ich in einer guten Form war und auf meine nächste Chance warten soll. Das war gut. Für mich ist das Thema erledigt.“

Kleingruppentraining ist für die Spieler immer noch ungewohnt

Aktuell hat Jairo wieder die Gelegenheit, sich dem Trainer anzubieten. Die beiden gehören zur ersten von drei Gruppen, die täglich zusammen im Volksparkstadion trainieren, dienstags bis sonnabends jeweils um 13 Uhr. Das Kleingruppentraining ist für die Spieler aber noch immer ungewohnt. „Es ist schon ein sehr komisches Gefühl. Du kannst mit dem Ball alles machen, aber es fehlt einfach etwas“, sagt Jairo. Im Mai, so der Plan der DFL, könnte es wieder weitergehen mit der Saison. Für Jairo kein Problem. „Es gibt viele Schutzmaßnahmen. Wenn die Politiker entscheiden, dass es weitergehen kann, dann machen wir das. Es wäre ein erster Schritt zurück zur Normalität.“

In Spanien ist das anders. Ob und wann es mit der Saison in der Primera Division weitergeht, ist völlig ungewiss. Als die Ligabosse kürzlich eine Fortsetzung planten, protestierten die Profis. „Ich kann das ein Stück weit verstehen. Sie haben Angst um ihre Familien. Auch ich bin in Gedanken die ganze Zeit bei meiner Familie“, sagt Jairo. Die ältere Schwester seiner Freundin Carmen lebt in Madrid und hatte sich offenbar mit dem Coronavirus infiziert.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Die Symptome waren da. Aber ins Krankenhaus durfte sie wegen der Überlastung nicht, solange ihr Zustand nicht schlechter wurde. „Vielleicht sind viel mehr Menschen infiziert, als wir wissen“, sagt Jairo. Zuletzt hat sich die Situation in Spanien etwas gebessert. „Wir können wieder etwas Licht sehen, aber wir brauchen noch Zeit und Geduld.“

Die hat Jairo für den Moment nicht mehr. Er muss zur Physiotherapie, bevor das Training beginnt. Noch eine Verletzung will er in dieser Phase nicht riskieren. „Ich weiß mittlerweile, wie mein Körper reagiert“, sagt er. Sollte die Saison wieder weitergehen, will er sofort da sein und seine Chance nutzen. Es könnte schließlich seine letzte sein beim HSV.