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Das ist dran am HSV-Interesse an Torró und Dorsch

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Kai Schiller und Henrik Jacobs
Bald gemeinsam für Hamburg am Ball? Heidenheims Niklas Dorsch (r.) und HSV-Profi Khaled Narey.

Bald gemeinsam für Hamburg am Ball? Heidenheims Niklas Dorsch (r.) und HSV-Profi Khaled Narey.

Foto: Witters

Wie der HSV und die Aufstiegskonkurrenten aus Bielefeld, Stuttgart und Heidenheim mit der erschwerten Kaderplanung umgehen.

Hamburg. Mehr als fünf Wochen hat Jonas Boldt durchgehalten. Seit Beginn der Coronakrise habe er keine einzige TV-Serie geschaut, sagt der HSV-Sportvorstand stolz. Doch für die Sportdoku "The last dance" über Michael Jordan und die Chicago Bulls, die am Montag bei Netflix gestartet ist, will Boldt sein freiwilliges TV-Fasten unterbrechen. "Die muss ich gucken", sagt der US-Sportfan, dem die Glotzen-Abstinenz ansonsten leichtgefallen ist.

Der Hauptgrund: Zu tun gab und gibt es auch ohne Spielbetrieb in der Coronazeit mehr als genug. Boldt muss das Kunststück schaffen, nicht nur alle Eventualitäten im Hinblick auf Corona im Blick zu haben. Sondern unabhängig davon auch für den Fall Aufstieg und Nicht-Aufstieg. Eine Herkulesaufgabe, die seine Kollegen von den Aufstiegskonkurrenten Bielefeld, Stuttgart und Heidenheim aber genauso angehen müssen. Alle hoffen darauf, dass es am 9. Mai endlich weitergehen kann.

Arminia Bielefeld (1. Platz/51 Punkte)

Am Montag hatte Boldts Kollege Samir Arabi eine Veränderung zu vermelden. Der Sportdirektor von Arminia Bielefeld freute sich, dass seine Mannschaft ab sofort in bis zu acht Spieler großen Gruppen trainieren wird. In den vergangenen zwei Wochen hatte der Tabellenführer noch in Vierergruppen im Stadion gearbeitet. "Wir sind einen kleinen Schritt Richtung Normalität gegangen", sagte Arabi, als er dem Abendblatt via Skype im HSV-Podcast zugeschaltet ist. Fotos vom Training gibt es allerdings keine. Von der Stadt gab es die Auflage, dass die Einheiten komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit bleiben.

Für Bielefeld kam die Saisonunterbrechung durch Corona zum denkbar schlechten Zeitpunkt. Trotzdem plädiert Arabi dafür, die Saison fortzusetzen, anstatt sie vorzeitig abzubrechen, wovon sein Club profitieren könnte. "Der Fußball ist eine Solidargemeinschaft. Wir haben uns einstimmig mit allen Vereinen dafür ausgesprochen, die Saison zu Ende zu spielen." Der 41-Jährige freut sich stattdessen, dass die Arminia nach Jahren der finanziellen Sorgen mit dem Bündnis Ostwestfalen ein wirtschaftliches Fundament geschaffen hat, mit dem der Club die Krise überstehen kann.

Auch sportlich gibt es positive Aspekte: Topstürmer Andreas Voglsammer (Fußbruch) könnte in dieser Saison doch noch sein Comeback geben. "Ich gehe davon aus, dass er uns noch zur Verfügung stehen wird", sagt Arabi. In der kommenden Saison soll Voglsammer dann gemeinsam mit Kapitän und Liga-Toptorschütze Fabian Klos (32) zusammen in der Bundesliga stürmen. Arabi stellt noch einmal klar, dass Klos seine Karriere in Bielefeld beenden wird.

Der HSV-Podcast mit Samir Arabi:

VfB Stuttgart (2./45)

Kurz nachdem Sven Mislintat ans Telefon geht, ist Kindergeschrei im Hintergrund zu hören. "Wenn diese Coronakrise etwas Gutes hat, dann, dass man jetzt seine Familie ein wenig öfter sieht", sagt der zweifache Familienvater. "Ich genieße das jedenfalls, auch wenn meine Kinder durch ihre Schulaufgaben gut beschäftigt sind. Aber das bin ich ja auch...“

Stuttgarts Sportdirektor braucht sich über Langeweile tatsächlich nicht zu beschweren. "Normalerweise schließt man die Kaderplanung natürlich früher ab. Das ist in diesem Jahr aus zwei Gründen unmöglich“, sagt er, und zählt auf: "Zum einen weiß niemand, wie lange die Coronakrise andauert. Und unabhängig davon wissen wir zum anderen auch nicht, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen werden." Vier Verträge laufen aus (Gomez, Kobel, Stenzel und Phillips) – ansonsten ist Mislintats Bedarf an Neuzugängen übersichtlich. "Wir können uns sehr gut vorstellen, mit ziemlich genau dem gleichen Kader ligaunabhängig in die neue Saison zu gehen."

Sein Problem: Keiner weiß, wie viel Geld im Sommer tatsächlich übrig ist. Beim VfB geht man im schlimmsten Fall von einem Millionenloch von 16,5 Millionen Euro aus. Bis auf die Direktoren und die Bereichsleiter sind die meisten der 250 Mitarbeiter in Kurzarbeit – anders als beim HSV sogar die komplette zweite Mannschaft. Die Profis haben auf 30 Prozent ihres Gehalts verzichtet, trainieren in Fünfergruppen – und hoffen auf Neuigkeiten von der DFL-Videokonferenz am Donnerstag. "Einen konkreten Termin für den Neustart der Liga kann man für den kommenden Donnerstag aber wohl noch nicht erwarten, da natürlich auch der Fußball von der Politik und der gesellschaftlichen Lage abhängig ist."

HSV (3./44)

Viel mehr erhofft sich auch Mislintats HSV-Kollege Jonas Boldt nicht. Seine Erwartung an die DFL-Sitzung, zu der er als Vertreter seines Clubs per Video zugeschaltet ist: "Dass wir auf den neusten Stand gebracht werden."

Kurz nach 11 Uhr traf der HSV-Sportvorstand am Montag in den verwaisten Räumlichkeiten der Geschäftsstelle im Volkspark ein. Auch der Spielertrakt, der seit zwei Wochen wieder gut besucht wird, war gestern leer. Die Profis müssen erst an diesem Dienstag wieder im unveränderten Kleingruppenmodus trainieren. Die Hoffnung, dass Trainer Dieter Hecking bereits in dieser Woche wieder mit der ganzen Mannschaft gleichzeitig trainiert, zerplatzte bereits am vergangenen Freitag. Abends wurde die Entscheidung allen Mitarbeitern in der täglichen Videokonferenz mitgeteilt. Bevor der HSV nun einen erneuten Anlauf beim Hamburger Sportamt wagt, will Boldt zunächst einmal abwarten, welche Lockerungen im Gesamt-Sport in den kommenden Tagen durchgesetzt werden.

Das Transfergeschäft wartet allerdings nicht auf Entscheidungen der Politik. Doch mit schnellen Vollzugsnachrichten müsse durch die unklare Ausgangslage auch niemand rechnen. Neben der besonderen Coronasituation "wissen weder wir noch Bielefeld, Stuttgart oder Heidenheim, in welcher Liga wir kommende Saison spielen werden. Dementsprechend wird es keine zeitnahe Entscheidungen geben können.“

Das gilt auch für Frankfurts 1,90 Meter langen Lucas Torró, den die "Bild"-Zeitung am Montag als "Wunschturm" bezeichnet hatte. Richtig ist, dass der Mittelfeld-Staubsauger im Winter im erweiterten Kandidatenkreis war. Nach Abendblatt-Informationen ist das aktuelle Interesse am ohnehin lange verletzten Eintracht-Profi deutlich abgekühlt.

1. FC Heidenheim (4./41)

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass der FC Heidenheim der Stadt für nur zwei Millionen Euro die Voith-Arena abgekauft hat. Im Sommer dann nahm der Club auf dem Transfermarkt zehn Millionen Euro ein. So viel wie noch nie in der jungen Vereinsgeschichte auf der schwäbischen Ostalb. "Das hat unserer wirtschaftlichen Stabilität enorm geholfen", sagt Vorstandschef Holger Sanwald am Montag am Telefon. Der Macher des Heidenheimer Märchens sitzt gerade beim Mittagessen auf der Geschäftsstelle und plant die wirtschaftliche Zukunft des HSV-Verfolgers, während im Stadion die Mannschaft in Fünfergruppen trainiert.

"Aktuell sind wir möglicherweise besser aufgestellt als andere Clubs", sagt Sanwald. Trotzdem hat auch der FCH Maßnahmen getroffen und etwa ein KfW-Darlehen bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau beantragt. Heidenheim hat als Tabellenvierter große Chancen, erstmals in die Bundesliga aufzusteigen. Sanwald setzt auf Geisterspiele: "Die Saison soll sportlich entschieden werden, und zwar nach 34 Spieltagen."

Auch ohne Transfererlöse hätte der Club keine Probleme, die Coronakrise zu überstehen. Dabei dürfte Heidenheim erneut hoffen, auf dem Markt Millionen einzunehmen. So ist etwa Mittelfeldmann Niklas Dorsch (22/Vertrag bis 2021) begehrt – auch beim HSV. Sanwald aber will seinen Kader zusammenhalten. "Uns hilft es, wenn wir Transfererlöse erzielen, aber vom Grundsatz her ist es mir lieber, dass die Spieler hierbleiben." Der Transfermarkt steht auch in Heidenheim still. Sanwalds Schlusswort: "Wir haben alle Aktivitäten auf Eis gelegt."

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