Streit im Vorstand

Machtkampf zwischen Hoffmann und Boldt beim HSV ausgebrochen

Die HSV-Vorstände Jonas Boldt (r.) und Bernd Hoffmann (M.) tragen einen internen Machtkampf aus. An ihrer Seite steht Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen.

Die HSV-Vorstände Jonas Boldt (r.) und Bernd Hoffmann (M.) tragen einen internen Machtkampf aus. An ihrer Seite steht Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen.

Foto: Witters

Beim HSV herrscht hinter den Kulissen ein großer Krach. Innerhalb des Vorstands gibt es seit Monaten große Differenzen.

Hamburg.  Eigentlich war es ein ganz normaler HSV-Dienstag. Am Nachmittag wurde trainiert. Anhänger debattierten über die Corona-Folgen, Medien spekulierten über eine eventuelle Verpflichtung von Heidenheims Niklas Dorsch. Und natürlich regnete es. Zumindest bei den Fans herrschte aber eitel Sonnenschein, weil sich am Vorabend die Konkurrenten Stuttgart und Bielefeld beim 1:1 gegenseitig die Punkte weggenommen hatten. Dass aber hinter den Kulissen längst ein veritabler Sturm aufgezogen ist, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand wissen.

Nach intensiven Recherchen und zahlreichen Gesprächen bat das Abendblatt am Dienstag die HSV-Vorstände Bernd Hoffmann und Jonas Boldt um schriftliche Stellungnahmen, nachdem sich der Eindruck verfestigt hatte, dass es innerhalb der Chefetage nicht nur ein wenig brodelt. Sondern dass es bereits seit Langem blitzt und donnert.

Wie es zum HSV-Krach zwischen Boldt und Hoffmann kam

Das HSV-Unwetter in Kurzform geht so: Seit Monaten wird hinter vorgehaltenen Händen über Streitigkeiten zwischen Vorstandschef Hoffmann und Sportvorstand Boldt getuschelt. Es geht um das Übertreten von Kompetenzen, Hinterzimmerpolitik und atmosphärische Spannungen zwischen den Alphatieren. Doch was, wenn all diese Gerüchte nur das sind: Gerüchte? Und wann und warum fingen diese „Gerüchte“ an?

Auf Frage zwei gibt es bei der genaueren Betrachtung des HSV-Gewitters eine überraschend präzise Antwort: Am frühen Abend des 21. Juni. Im Restaurant Pulvermühle in Lokstedt. Dort trafen sich Bernd Hoffmann und der Spielervermittler Marcus Haase, um über den sich hinziehenden Millionentransfer von Douglas Santos zu Zenit St. Petersburg zu beraten.

Das Problem an diesem Treffen: Boldt hat erst Wochen später von diesem Geheimtreffen erfahren – genauso wie von zahlreichen anderen Gesprächen hinter seinem Rücken in dieser Angelegenheit. Und über all das soll der neue Sportchef – vorsichtig formuliert – nicht wirklich erfreut gewesen sein.

Santos-Berater dokumentiert Gespräche mit Hoffmann

Herausgekommen ist dieser Zwist ohnehin nur, weil sich der HSV und der Santos-Vermittler nach Abschluss des Transfers nicht auf eine Provision einigen konnten, Haase zunächst eine zehnseitige Dokumentation dieses Deals an Vorstand und Aufsichtsrat schickte und anschließend Klage einreichte. Unter dem Aktenzeichen 308 O 402/19 soll der Fall nun beim Landgericht Hamburg verhandelt werden, wobei der HSV nach einem erbetenen Aufschub noch rund drei Wochen Zeit für eine Stellungnahme hat.

Wer die sehr detaillierte Ausarbeitung Haases kennt, der versteht schnell, warum es nur wenige Wochen nach Boldts Verpflichtung erstmals zum großen Krach kam. So steht in Haases Schreiben an Hoffmann: „Am Freitag, den 21.6. 2019, trafen wir uns um kurz nach 18 Uhr auf Ihren Vorschlag hin im Restaurant Pulvermühle in Hamburg. Dabei sagten Sie mir, wir müssen jetzt irgendwie zusehen, den Transfer durchzubekommen. Sie baten mich, alle Hebel in Bewegung zu setzen, dass Zenit ein verbessertes Angebot macht. Ich versicherte Ihnen, dass ich das tun werde.“

Auf Seite sechs wird zudem Hoffmann von Haase zitiert: „Ich werde das intern besprechen“, soll der HSV-Chef in dem Vieraugengespräch versichert haben. Und: „Es ist mir schon klar, dass jetzt, in der entscheidenden Phase, auch Ihre Motivation hochgehalten werden muss.“

Santos-Deal: Hoffmann und Boldt handelten unabgestimmt

Was man in diesem Zusammenhang wissen muss: Bevor es zu diesem Treffen zwischen Hoffmann und Haase kam, hatte Boldt eine knappe Woche zuvor ein erstes Angebot von Zenit St. Petersburg in Höhe von neun Millionen Euro plus weiterer Bonuszahlungen von zweimal 500.000 Euro entschieden abgelehnt.

Laut der Dokumentation soll Boldt gedroht haben, die Fifa einzuschalten. Zudem soll Boldt Haase, der im ständigen Austausch mit Hoffmann war, gesagt haben, dass er die weiteren Verhandlungen übernimmt. Auf erneute Nachfrage zu den damaligen Vorgängen sagte Haase: „Aus meiner Sicht wurde der Transfer durch die von Herrn Boldt gegenüber Zenit St. Petersburg formulierte deutliche Ablehnung des ersten von mir vermittelten Angebots, inklusive seiner Androhung gegenüber Zenit, die Fifa einzuschalten, gefährdet. Zenit äußerte sich mir gegenüber entsprechend.“ Und weiter: „Als der Transfer ins Stocken geriet, intensivierte Herr Hoffmann seinen Einsatz und die Kommunikation mit mir.“

Sollte es stimmen, was Haase behauptet, mag das Vorgehen Hoffmanns einerseits verständlich sein, weil der HSV-Chef offenbar den wichtigen Millionentransfer gefährdet sah. Andererseits wäre es ein krasses – und vor allem unabgesprochenes – Einmischen in Boldts Entscheidungsbereich. Nachfragen hierzu ließen beide Vorstände unbeantwortet.

Die nächsten Spiele des HSV:

  • 26. Spieltag: Fürth – HSV (Fr., 13. März, ohne Zuschauer)
  • 27. Spieltag: HSV – Bielefeld (Sa., 21. März)
  • 28. Spieltag: Stuttgart – HSV (Mo., 6. April)
  • 29. Spieltag: HSV – Wiesbaden (10. bis 13. April)
  • 30. Spieltag: HSV – Kiel (17. bis 20. April)

HSV: Wettstein und Boldt vs. Hoffmann

Doch der Santos-Transfer sollte auch Monate später noch den Vorstand nachhaltig beschäftigen. Nachdem Haase zunächst 1,2 Millionen Euro Provision forderte, hatten er und Hoffmann kurz vor Weihnachten einen Vergleich von 300.000 Euro ausgehandelt. Hoffmann hatte hierfür extra ein Gutachten erstellen lassen, zudem die renommierten Kanzleien CMS und „von appen/jens legal“ beauftragt. Auch der HSV-Aufsichtsrat war informiert. Allerdings legten Boldt und Finanzvorstand Frank Wettstein in einer Vorstandssitzung offiziell ihr Veto ein.

Wie das Abendblatt aus zahlreichen Gesprächen erfahren hat, soll die Kon­stellation Boldt und Wettstein auf der einen und Hoffmann auf der anderen Seite keine Ausnahme gewesen sein. Ohnehin wird Wettstein, der in der Übergangsphase nach der Freistellung von Heribert Bruchhagen selbst Interims-Hauptverantwortlicher war, schon lange vor Boldts Verpflichtung ein schwieriges Verhältnis mit Hoffmann nachgesagt.

Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen, den das Abendblatt ebenfalls zu allem befragte, sieht das Miteinander im Vorstand unkritisch: „Ich begleite die Arbeit des Vorstands sehr eng. Mein klarer Eindruck ist, dass im Vorstand konstruktiv zusammengearbeitet wird. Natürlich wird manchmal in der Sache hart gestritten. Das ist aber auch meine Erwartung an Vorstandsarbeit.“

Und explizit zum Verhältnis zwischen Hoffmann und Boldt sagte Köttgen: „Ein Vorstand muss meiner Meinung nach nicht nach dem Kindergartenprinzip ,Piep piep piep – wir haben uns alle lieb‘ agieren, sondern soll zum Wohle des HSV handeln. Das bedeutet bisweilen ein hartes Ringen um Entscheidungen.“

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Hoffmann und Boldt uneins in der Causa Jatta

Das Ringen um die richtige Entscheidung hat es zwischen Boldt, Wettstein und Hoffmann nicht nur beim Santos-Transfer gegeben. Dem Abendblatt sind eine Reihe von Fällen bekannt, bei denen es zu Meinungsverschiedenheiten gekommen sein soll. So sollen die Vorstände über das Vorgehen in der Affäre rund um die angezweifelte Identität Bakery Jattas nicht immer einig gewesen sein. Genauso wie über den Besuch des „Sport Bild“-Awards, den Boldt und Trainer Dieter Hecking im Gegensatz zu Hoffmann, Köttgen und Präsident Marcell Jansen aufgrund der ihrer Meinung nach unangemessenen Berichterstattung über Jatta boykottierten.

Auch in der Wintertransferperiode soll es rund um den gescheiterten Transfer Robert Bozeniks Unstimmigkeiten gegeben haben. Schriftliche Nachfragen hierzu ließ Hoffmann unbeantwortet, er sagte nur: „Wir arbeiten konstruktiv im Team zusammen und werden unserer Verantwortung in jeder zugeschriebenen Rolle gerecht. Fürs Kuscheln werden wir nicht bezahlt, sondern für die bestmögliche Arbeit im Sinne des HSV.“

Was in Wahrheit die bestmögliche Arbeit im Sinne des HSV ist – darüber lässt sich natürlich trefflich streiten. So wartete eine Führungskraft des HSV, die vor zehn Wochen ein lukratives Angebot eines Champions-League-Clubs erhielt, bis zuletzt auf das von Hoffmann angeblich versprochene Gegenangebot des HSV. Ein Vorgang, der sogar bei Aufsichtsratschef Köttgen hinterlegt wurde. Das Ende vom Lied: Der leitende Mitarbeiter sagte beim Bundesliga-Topclub zu und beim HSV ab. Ob er im Falle eines Gegenangebots zu halten gewesen wäre, ist natürlich hypothetisch.

Boldt erfuhr vom Treffen mit Kühne aus der Zeitung

Kontrollchef Köttgen sieht auf Nachfrage trotzdem keinen Anlass für ein klärendes Gespräch. „Für mich als Aufsichtsratsvorsitzenden gibt es für die Zusammenstellung und die Zusammenarbeit im Vorstand keinen Handlungsbedarf.“ Wie sehr aber trotz öffentlicher Beteuerungen das Vertrauensverhältnis innerhalb des Vorstands gelitten haben muss, wird auch bei einer kürzlich abgehaltenen Elefantenrunde mit Klaus-Michael Kühne deutlich.

Vor genau einem Monat trafen sich der Investor, Hoffmann, Köttgen und Jansen im Alster-Hotel The Fontenay, um über eine Verlängerung der Namensrechte am Stadion zu sprechen. Wettstein, dem ein enger Draht zu Kühne nachgesagt wird, war nicht eingeladen, genauso wenig wie Boldt. Der Sportvorstand erfuhr lediglich aus der Zeitung von diesem Treffen.

Boldt vs. Hoffmann: Ist der Krach zu lösen?

Doch wie geht es weiter? „Als oberste Priorität sollten immer die Interessen des Clubs und nicht der Einzelpersonen gelten, daher werde ich weiterhin auf interne Kommunikation setzen und mich zu diesen Fragen nicht weiter äußern“, sagt Boldt, der offiziell am Dienstag nur noch eines zum mutmaßlichen Vorstandsstreit sagen will: „Dass ich als Verantwortlicher für den Sport selbstverständlich klare und eigene Meinungen habe, die ich intern einbringe und die auch kontrovers diskutiert werden können, versteht sich für mich von selbst.“

Und Hoffmann? Ließ lediglich ausrichten, dass man sich „keinen Zwist einreden“ lassen wolle. Vor ein paar Jahren, als er in der Retrospektive zum Vorstandskrach zwischen ihm und Dietmar Beiersdorfer befragt wurde, klang das noch anders: „Ein wenig Moderation durch den Aufsichtsrat hätte sicherlich gutgetan“, sagte er. Und weiter: „Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn wir einfach mal einen Kurzurlaub gemacht hätten. Haben wir aber nicht.“

Doch man lernt ja. Am Dienstag war der HSV-Chef: im Kurzurlaub.