Zweite Bundesliga

Elf Endspiele entscheiden über die Zukunft des HSV

Elf Spieler und noch elf Spiele: Bakery Jatta (v. l.), Jordan Beyer, Joel Pohjanpalo, Timo Letschert, Daniel Heuer Fernandes, Rick van Drongelen, Louis Schaub, Gideon Jung, Aaron Hunt, Tim Leibold und Sonny Kittel werden wohl auch beim Spiel in Aue in der Startelf stehen. Trainer Dieter Hecking will dann elf Leader auf dem Platz sehen.

Elf Spieler und noch elf Spiele: Bakery Jatta (v. l.), Jordan Beyer, Joel Pohjanpalo, Timo Letschert, Daniel Heuer Fernandes, Rick van Drongelen, Louis Schaub, Gideon Jung, Aaron Hunt, Tim Leibold und Sonny Kittel werden wohl auch beim Spiel in Aue in der Startelf stehen. Trainer Dieter Hecking will dann elf Leader auf dem Platz sehen.

Foto: Imago

Für den HSV beginnt bei Erzgebirge Aue das letzte Saisondrittel. Die Zeit der Schönspielerei ist jetzt für das Team vorbei.

Hamburg.  Am Freitagnachmittag stiegen die Spieler des HSV in die Bahn. Mit dem Zug ging es für die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking zunächst drei Stunden nach Leipzig. Von dort aus fuhr der Tross noch weitere 90 Minuten mit dem Bus nach Aue, wo die Hamburger an diesem Sonnabend (13 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) zum 24. Spieltag der Zweiten Liga antreten. Es war eine mühsame Anreise. Vor allem aber war es eine Reise ins Ungewisse. Im Erzgebirge startet der HSV heute in das letzte Saisondrittel. Es ist das erste von elf Endspielen, die darüber entscheiden, wie die Zukunft des HSV in den kommenden Jahren aussehen wird. Schafft der HSV im zweiten Anlauf die Rückkehr in die Bundesliga? Oder werden die einst Unabsteigbaren zu den Unaufsteigbaren?

Dieter Hecking hatte unmittelbar nach der 0:2-Derbyniederlage gegen den FC St. Pauli vor einer Woche schon die Richtung vorgegeben: „Wir werden unser Ziel weiterverfolgen – und das heißt Aufstieg.“ Schaut man sich die Zahlen des HSV etwas genauer an, liegt der Club nach wie vor im Soll. 41 Punkte nach den ersten zwei Saisondritteln bedeuten einen Punkteschnitt von 1,78. Hochgerechnet würden Heckings Hamburger nach 34 Spielen auf 61 Punkte kommen. Statistisch gesehen reichten seit Einführung der Dreipunkteregel in der Saison 1995/96 durchschnittlich 60,83 Punkte für Platz zwei und damit für den direkten Wiederaufstieg.

Höhere Qualität im HSV-Kader als vor einem Jahr

Dass diese Rechenspiele nur wenig verlässlich sind, wurde dem HSV vor einem Jahr schmerzhaft vor Augen geführt. Damals holte das Team von Trainer Hannes Wolf nur noch zwölf Zähler in den letzten elf Spielen und erlitt den „überflüssigsten Nichtaufstieg der Fußballgeschichte“, wie es Clubchef Bernd Hoffmann formulierte. Damals sei das Sportsystem schon in der Winterpause zusammengebrochen, so Hoffmann.

Und dieses Mal? Die sportlichen Zahlen sprechen zumindest dafür, dass der HSV eine höhere Qualität im Kader hat als vor einem Jahr. Die Hamburger haben sich offensiv und defensiv verbessert. Waren es zum selben Zeitpunkt der Vorsaison noch 31:26 Tore, steht das Torverhältnis nach 23 Spieltagen bei 46:24. Allerdings waren es vor zwölf Monaten 44 Punkte, aktuell sind es 41.

Führungsspieler sind in der Pflicht

Damit der HSV im letzten Saisondrittel nicht erneut einen Einbruch erleidet, braucht er in den elf Endspielen bis zum 17. Mai vor allem seine Führungsspieler. Die zentrale Achse enttäuschte zuletzt gegen St. Pauli. Vizekapitän Rick van Drongelen patzte vor dem 0:1, Kapitän Aaron Hunt hatte keinen Einfluss auf das Spiel. Der HSV funktionierte nur in der Anfangsphase. „20 Minuten hatten wir elf Leader auf dem Platz“, sagte Trainer Hecking. „Die 70 Minuten danach habe ich keine Leader mehr gesehen.“

HSV-Trainer Hecking sorgt sich um Platzverhältnisse in Aue

Was vielen HSV-Fans Sorgen macht: Nach dem 0:2 gab es keinen erkennbaren Widerstand mehr. Dazu passt, dass die Hamburger im Derby nur drei Fouls begangen, St. Pauli dagegen 14. Es gab keine Gelbe Karte, bei St. Pauli waren es vier. Ligaweit bekommt der HSV mit Abstand die wenigsten Gelben Karten (23). Auch in der Foulstatistik liegt Heckings Mannschaft auf dem hintersten Platz. 189 Fouls (8,22 Fouls im Schnitt pro Spiel) sind extrem wenig. Ist der HSV zu lieb?

Aue geht gerne über die Grenze des Erlaubten

Zum Vergleich: Erzgebirge Aue liegt in der Foulwertung auf Platz fünf (301). Der Tabellenneunte geht gerne an und über die Grenze des Erlaubten. Nur Wehen Wiesbaden, Dynamo Dresden und der VfL Bochum (je 56) sahen bislang mehr Gelbe Karten als Aue (55). Hinzu kamen schon drei Platzverweise. Dazu hat Aue den passenden Trainer. Dirk Schuster sah in 200 Bundesligaspielen 52 Gelbe Karten, dreimal flog er vom Platz. Es dürfte daher nicht allzu schwer vorherzusehen sein, mit welchem Ansatz Aue dem HSV Schmerzen hinzufügen will: mit Härte. „Wir können es jedem Gegner schwer machen, gegen uns Chancen zu kreieren“, sagte Schuster.

Allerdings ist Aue in diesem Jahr die schwächste Mannschaft der Liga. In fünf Spielen gab es erst zwei Punkte. Erst ein Tor hat Schusters Team 2020 erzielt. Aue war aber auch der einzige Club, der gegen Tabellenführer Arminia Bielefeld in diesem Jahr punktete. Mit viel Kampf schaffte Aue ein 0:0. Vor zwei Wochen gab es für den FC Erzgebirge gegen Holstein Kiel die erste Heimniederlage der Saison. Schuster sagt einerseits: „Wir wollen den HSV ärgern und punktemäßig etwas hier behalten.“ Und andererseits: „Die große individuelle Klasse des HSV kann Spiele immer entscheiden.“

Zeit der Schönspielerei ist jetzt vorbei

Für den HSV geht es im letzten Saisondrittel aber nicht nur darum, die individuelle Klasse auf den Platz zu bringen, sondern Punkte einzufahren. Egal wie. Die Zeit der Schönspielerei ist jetzt vorbei. Das gilt insbesondere für das Spiel im Erzgebirgsstadion, dessen Rasen durch Schnee und Regen aufgeweicht sein wird. Aber auch bei den weiteren zehn Endspielen werden noch ein paar Gegner der Kategorie Aue dabei sein.

HSV-Trainer Hecking will trotzdem an seiner Spielweise festhalten. Dass sein Team die Fairplay-Tabelle deutlich anführt, sei für ihn kein Zeichen fehlender Einsatzbereitschaft. Unnötige Karten und Foulspiele will er daher auch nicht sehen. Dass der HSV die Spiele mit der richtigen Einstellung bestreitet, zeigen die Laufwerte. Mit durchschnittlich 117,37 gelaufenen Kilometern pro Spiel liegt der HSV ligaweit auf Platz eins – vor Bielefeld und Heidenheim.

Viele Zahlen, die man verschieden auslegen kann. Eine Zahl kann aber keiner leugnen: Der HSV hat noch elf Endspiele. Und bis dahin hilft ein abgenutzter Satz, der es aber immer auf den Punkt bringt: Abgerechnet wird zum Schluss.

FC Erzgebirge Aue: Männel – Mihojevic, Samson, Rasmussen – Fandrich, Riese – Rizzuto, Hochscheidt, Nazarov, Strauß – Krüger.

Hamburger SV: Heuer Fernandes – Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold – Jung – Schaub, Hunt – Jatta, Pohjanpalo, Kittel.