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Aaron Hunt und ein heikler Satz nach der Derby-Pleite

| Lesedauer: 7 Minuten
Kai Schiller und Henrik Jacobs

HSV-Kapitän könnte sich in seiner Analyse der 0:2-Schmach gegen St. Pauli geirrt haben. Hecking ging etwas "richtig auf den Keks".

Hamburg.  Ein wenig Hilfe habe er schon gebraucht, um am Vorabend die schmerzhafte Derbypleite gegen den FC St. Pauli zu verarbeiten, sagt Dieter Hecking am Sonntagmorgen. „Jeder geht mit so einer Niederlage anders um. Und meine Frustbewältigung war riesig“, gibt der HSV-Trainer ehrlich zu – und zählt am Morgen nach dem 0:2 gegen St. Pauli seine wichtigsten Helfer vom Vorabend auf: „Chips, Cola, Schokolade und Weingummis. Und das alles in einer Dreiviertelstunde.“

Es ist 10.45 Uhr – und der exzessive Zuckerkonsum ist dem Fußballlehrer am Sonntagmorgen nicht mehr anzumerken. Dieter Hecking, die Hände in den Taschen, steht kerzengerade in den Katakomben des Volksparkstadions an genau der Stelle, an der er knapp 20 Stunden zuvor die wahrscheinlich bitterste Niederlage dieser Saison immer wieder in zahlreiche Kameras erklären musste.

"Wenn man zweimal in einer Saison das Derby verliert, dann ist das nie gut“, sagte Hecking am Sonnabend – und nahm das zuvor geschehene heroisch auf seine Kappe: „Den Schuh muss ich mir anziehen. Wir haben versucht, von außen aus und durch die Wechsel Einfluss zu nehmen. Das hat aber diesmal alles nicht gepasst“, sagte Hecking am Sonnabend. "Deswegen war es auch für mich als Trainer ein gebrauchter Tag.“

Hecking: "Die Häme und den Spott nehmen wir hin"

Deutliche Worte, von denen Hecking auch nach seiner grenzwertigen Junk-Food-Völlerei und einer Nacht des Drüberschlafens nicht abrücken wollte. "Ich bin verantwortlich – und an dieser Einschätzung ändert auch eine Nacht nichts", sagt der Trainer – und wiederholt am Sonntag, dass weder seine Einwechslungen (Kinsombi für Hunt, Harnik für Kittel und Hinterseer für Jatta), noch seine Taktikänderung (4-4-2 mit Raute statt 4-3-3) aufgegangen seien.

"Das war eine Niederlage, die keiner braucht“, sagt Hecking, der trotz des Rückschlags an der bisherigen Zielsetzung festhalten will: „Aufgrund einer Niederlage müssen wir nicht alles über den Haufen werfen." Sein Fazit: "Die Häme und den Spott nehmen wir jetzt hin. Aber dann werden wir unser Ziel weiter verfolgen – und das heißt Aufstieg.“

Harnik fand die Anfangsphase "sensationell"

Fußball ist schon ein kurioses Unterfangen. Denn wie nah und gleichzeitig wie fern der HSV seinem großen Ziel in Wahrheit ist, konnte man am Sonnabend während der Partie gegen St. Pauli sehr eindrucksvoll beobachten. „Die ersten 20 Minuten waren die besten 20 Minuten dieses Jahres“, sagte der eingewechselte Martin Harnik direkt nach dem Spiel. "Das war sensationell, was die Jungs da gespielt haben.“

Doch weil Sonny Kittels Schuss statt ins Tor an die Latte (7.) und Joel Pohjanpalos Versuch statt ins Netz an den Pfosten ging (10.), brauchte es nur eine Fehlerkette (Schaub-Fehlpass, Leibold-Zögern und ein verlorener Zweikampf van Drongelens), um das HSV-Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. St. Paulis Henk Veerman traf zum 1:0 (20.), Matt Penney erhöhte auf 2:0 (29.) – und das so gut begonnene Spiel war entschieden.

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Parallelen zur Darmstadt-Schlüsselpleite

Eine Momentaufnahme, die in beängstigender Weise an eine Schlüsselniederlage im Vorjahr gegen Darmstadt 98 erinnerte. Seinerzeit überrollte der HSV-Tornado die Darmstädter in der ersten Halbzeit regelrecht, ehe in der zweiten Halbzeit aus einer 2:0-Führung plötzlich eine 2:3-Pleite wurde.

Ein Vergleich, der aus Sicht von Sportvorstand Jonas Boldt aber hinkt: „Wir hatten in dieser Saison schon mehrere Situationen, in denen alle darauf gewartet haben, dass wir einbrechen. Wir sind aber nicht eingebrochen. Und wir werden auch diesmal eine Reaktion zeigen.“

Auch mit dem Hinweis eines Medienvertreters, dass noch nie eine HSV-Mannschaft zweimal in einer Saison gegen St. Pauli verloren habe, konnte Boldt nur wenig bis nichts anfangen. „Und jetzt?“, stellte er die Gegenfrage. „Haben wir halt eine neue Statistik. Wir gucken trotzdem nach vorne.“

Hecking sieht den HSV jetzt als Verfolger

Neben dem Blick nach vorne muss der HSV sich nun aber auch an den Blick nach oben gewöhnen. Denn die Konkurrenz aus Stuttgart (2:0 gegen Regensburg) und Bielefeld (1:0 gegen Hannover) ist den Hamburgern fürs Erste enteilt. Der VfB hat drei Punkte Vorsprung, die Arminia sechs. „Wir sind jetzt in der Rolle des Verfolgers“, stellt Hecking fest. Eine Rolle, die das Team nun laut Aaron Hunt annehmen müsse: „Wir haben noch elf Spiele und ein klares Ziel. Wir wollen aufsteigen. Da wird sich an der Herangehensweise nichts ändern.“

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Aaron Hunt äußert einen heiklen Satz

Nach seiner Dopingprobe war Hunt der letzte HSV-Profi, der lange nach dem Schlusspfiff am Sonnabend noch durch den Bauch des Volksparkstadions irrte. Der Mittelfeldmann verteidigte den spielerischen Ansatz seiner Mannschaft („Das ist unser Spiel. Warum sollen wir das jetzt umstellen?“) und sprach begangene Fehler direkt an („Wir haben uns nicht gut angestellt bei beiden Gegen­toren. Die kann man so nicht kassieren, gerade das erste. Das müssen wir viel besser verteidigen“).

Doch dann sagte der Führungsspieler noch diesen einen Satz, den sich Führungsspieler nach der zweiten Niederlage gegen St. Pauli innerhalb einer Saison vielleicht besser sparen sollten: „Es ist nichts passiert, außer dass wir jetzt das Derby verloren haben.“

HSV hält am Aufstiegsziel fest

An dieser Stelle könnte sich Hunt gewaltig geirrt haben – oder goldrichtig liegen. Denn so schmerzhaft für die HSV-Anhänger dieses zweite verlorene Stadtduell in Folge auch sein mag, so bedeutungsarm wäre es am Saisonende im Falle des ab sofort versprochenen Aufstiegs. Eine nun offizielle Zielsetzung, die vor der Derbypleite noch kein HSV-Verantwortlicher explizit kommunizieren wollte, ist damit ein für alle Mal klar.

"Direkt nach dem Spiel hatte ich das Gefühl, dass hier alle den Aufstieg abgehakt haben. Diese Reaktion ging mir richtig auf den Keks“, sagt Hecking, der eines im Rest der Saison nun wirklich nicht gebrauchen und vielleicht sogar verkraften kann: noch mehr Frust-Süßigkeiten.

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