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Bremser über Ängste der Profis: "Immer menschlich bleiben"

Dirk Bremser (r.) mit Robert Enke im Training von Hannover 96.

Dirk Bremser (r.) mit Robert Enke im Training von Hannover 96.

Foto: Imago

Vor der Rückkehr nach Hannover spricht HSV-Co-Trainer Dirk Bremser über den Tod Robert Enkes – die schwierigste Zeit seiner Karriere.

Hamburg. Diesen einen Anruf wird Dirk Bremser wahrscheinlich niemals vergessen. „Ich war zu Hause in Scharbeutz“, sagt der Co-Trainer des HSV, damals noch Co-Trainer bei Hannover 96, als er über den 10. November vor etwas mehr als zehn Jahren spricht. „Am Sonntag hatten wir gegen den HSV 2:2 gespielt. Montag hatten wir dann noch Training. Und am Dienstag ist es passiert.“

Dirk Bremser schluckt, spricht langsam. „Ich habe zu Hause mit meinen Söhnen gespielt, als Dieter (Hecking, die Red.) anrief. Er war zwar kein Trainer mehr in Hannover, hatte das aber trotzdem gehört.“ Das. Das war der Selbstmord von Robert Enke, der ganz Fußball-Deutschland in seinen Grundfesten erschütterte. "Meine Söhne sagen noch heute, dass sie mich so, wie in diesem Moment, noch nie gesehen hätten.“

Bremser dachte bei Heckings Anruf an Unfall

Dirk Bremser hat einen großen Kopfhörer auf und sitzt im kleinen Podcaststudio des Abendblatts. Der 54 Jahre alte Fußballlehrer gilt als brillanter Anekdotenerzähler – und soll fünf Tage vor dem Spiel gegen seinen ehemaligen Club (Sonnabend, 13 Uhr/im Liveticker auf abendblatt.de) ein paar alte Schmonzetten aus seiner Hannover-Zeit zum Besten geben.

Doch die 29. Ausgabe des wöchentlichen Abendblatt-Podcasts "HSV – wir müssen reden“ verläuft ganz anders als sonst. Bremser redet bedächtig, macht lange Pausen. "Als Dieter mir am Telefon von einem Unglück mit einem Zug berichtete, dachte ich am Anfang an einen Unfall“, sagt Bremser.

Als er dann aber den Suizid des Nationaltorhüters begreift, steht Bremser unter Schock. "Ich bin dann noch am gleichen Abend nach Hannover mit dem Auto gefahren. Wir haben uns mit der gesamten Mannschaft in den Katakomben getroffen. So etwas erlebt zu haben, wünsche ich wirklich keinem. Ich werde diesen Abend nie vergessen.“

Bremser über Enkes Tod: "Keiner hat es verstanden"

Was kaum einer weiß: Dieter Hecking war drei Monate vor dem Selbstmord Enkes in Hannover zurückgetreten. Und Dirk Bremser, der seit knapp 20 Jahren immer an der Seite des HSV-Cheftrainer ist, blieb trotz des Rücktritts zunächst als Assistenztrainer unter Andreas Bergmann in Hannover.

Bedingt durch die Ereignisse am 10. November sollte es die schwierigste Zeit seiner Karriere werden. "Überhaupt das alles zu verstehen“, sagt Bremser. "Es war ein Schock."

Er habe zu dem damaligen Zeitpunkt nichts von Enkes Depressionen gewusst. "Hinterher sieht man das alles mit anderen Augen“, sagt Bremser. "Robert war ein außergewöhnlicher Mensch: hilfsbereit, freundlich, authentisch.“ Bremser nimmt einen Schluck Wasser. "Keiner hat verstanden, warum das passiert ist. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu Robert und habe mich natürlich auch hinterfragt: wieso, weshalb, warum?“

Bremser haderte mit Ausmaß der Trauerfeier

Eine zufriedenstellende Antwort auf all seine Fragen sollte Bremser nie bekommen. "Wenn man wieder nach Hannover fährt, ist dieses Gefühl immer noch da. Ich habe es grundsätzlich verarbeitet. Aber das ist eine Geschichte, die mich immer noch mal beschäftigt.“

Die Bilder der Trauerfeier, die nur fünf Tage nach dem Suizid in Hannovers Stadion stattfand, würden Bremser sein Leben lang begleiten. Er habe lange mit sich gehadert, ob der Ablauf richtig oder falsch war. Zu groß? Zu klein? Letztendlich war es aus seiner Sicht aber genau richtig.

"Das war ein angemessener Rahmen. Man hat gesehen, welche Beliebtheit Robert hatte. Für die Mannschaft war es eine hohe Bürde. In einem vollen Stadion den Sarg von der Mittellinie wegzutragen, das hing bei vielen Spielern später tief drin.“

Bremser imponierte Teresa Enkes Stärke

Aber in diesen Tagen ging es eben nicht um Fußball. Besonders die Stärke von Enkes Ehefrau Teresa habe ihm imponiert. Sie habe eine unglaubliche Kraft gehabt. Kraft auf der Trauerfeier – und auch Kraft noch danach, um sich weiter gegen Robert Enkes Krankheit zu engagieren.

"Der Umgang mit dem Thema Depression hat sich positiv verändert“, sagt Bremser. "Vor allem dadurch, was Teresa Enke geschaffen hat mit der Initiative des DFB.“

Das Thema Depression sei endlich kein Tabuthema mehr, sagt Bremser. Das sei gut. Aber grundsätzlich habe sich zehn Jahre danach noch viel zu wenig geändert. „In der Öffentlichkeit hat sich im Umgang mit den Menschen leider nicht viel verändert. Im Gegenteil.“

Bremser ärgert sich über "Versager"-Urteile

Bremser ärgert es, dass in zu vielen Medien noch immer Begriffe wie "Versager“ die Runde machen würden. "Man kann und soll kritisieren. Aber man muss immer menschlich bleiben“, sagt der zweifache Familienvater, der später selbst die Hilfe einer Mentaltrainerin suchte. Ihm habe das sehr geholfen – und den Profis würde er auch raten, auf professionelle Hilfe zu setzen.

"Auf die Spieler wirkt so viel ein. Da brauchen sie sicherlich auch Hilfe. Man muss ihnen zuhören können. Was haben sie für Ängste? In der heutigen Zeit hat man viele Möglichkeiten, sich zu helfen."

Robert Enke konnte nicht mehr geholfen werden. Lange ist das her. Nur vergessen wird es Dirk Bremser nie.

Alle Podcast-Gespräche unter www.abendblatt.de/hsv-podcast