Trainingslager in Lagos

Wie der HSV gegen den erneuten Winterkollaps kämpft

Vor einem Jahr zerbrach im Trainingslager das sportliche System. Hecking erhöht daher in Portugal den Druck auf das Team.

Lagos.  Nach 110 Minuten war Schluss. Dieter Hecking pfiff in seine Trillerpfeife und beendete die erste Trainingseinheit. Sichtbar erschöpft schlichen Louis Schaub und seine neuen Teamkollegen des HSV Richtung Eistonnen. Hecking war der Letzte, der den Trainingsplatz verließ und zum Mittagessen ins benachbarte Teamhotel Cascade marschierte. „Wir haben ein großes Ziel. Und wenn ich nicht zufrieden bin, muss ich mit der Mannschaft eben mehr arbeiten“, sagte Hecking, als er auf dem Rückweg zum Hotel über den Start des einwöchigen Trainingslagers im portugiesischen Lagos sprach.

Und Hecking, das ließ die lange erste Einheit erkennen, war nicht zufrieden. Weder mit dem letzten Saisondrittel noch mit dem ersten Testspiel am vergangenen Freitag gegen Schalke 04 (0:4). „Wir haben die Vorrunde analysiert, und wir haben das Schalke-Spiel analysiert“, sagte Hecking und schlussfolgerte: „Da waren wieder die gleichen Dinge zu sehen, an denen wir arbeiten wollen.“

HSV-Trainer Hecking erhöht den Druck

Auf den Tag ein Jahr war es am Montag her, dass der HSV im Trainingslager im spanischen La Manga die erste Einheit bestritt. Und der damalige Trainer Hannes Wolf war unzufrieden. Doch nicht nur der Trainer. Auch die Spieler waren unzufrieden. Die Stimmung zwischen Team und Trainer, das wurde erst später bekannt, erlitt in La Manga einen ersten Bruch. „Das Sportsystem hat irgendwann im Winter angefangen zu kollabieren“, hatte Vorstandschef Bernd Hoffmann im Mai nach der Saison gesagt. Am Sonnabend wiederholte er seine Worte auf der Mitgliederversammlung des HSV e. V. „Wir haben den Aufstieg in der Winterpause verpasst. Die nächsten drei Wochen müssen wir daher das Fundament für den Rest der Saison legen“, mahnte Hoffmann.

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Einen neuen Kollaps im Sportsystem soll es nicht wieder geben. Auch deswegen erhöht Hecking den Druck auf die Mannschaft. „Wir fahren jetzt den Berg runter Richtung Ziel. Da kann jeder unnötige Punktverlust wehtun“, sagte der 55-Jährige und nannte beispielhaft die letzten Spiele vor der Winterpause, aber auch die erste Einheit von Lagos. „Wir erarbeiten uns gute Dinge, aber im entscheidenden Moment sind wir oft nicht da“, sagte Hecking und monierte Mängel im Anlaufen, in der Kompaktheit und im defensiven Umschaltverhalten, die zuletzt gegen Schalke erneut offensichtlich wurden.

Atmosphäre beim HSV ist offenbar in Ordnung

Schon am ersten Abend an der Atlantikküste zeigte Hecking seiner Mannschaft daher in einer Videoanalyse Bilder aus dem Schalke-Spiel. Beim Training am Montag ließ der Chefcoach zunächst aggressives Pressing trainieren. Immer wieder rief er lautstark in die Übungen rein. „Es war heute noch sehr unruhig“, sagte Hecking über die Spielformen.

Vorstand Boldt erklärt, was sich der HSV von Schaub erhofft

Anders als vor einem Jahr sieht der Trainer aber nur fußballerische und keine atmosphärischen Probleme innerhalb der Mannschaft. Damals hatte Wolf nach und nach den Rückhalt bei seinen Führungsspielern verloren. Mit Christoph Moritz legte er sich noch während eines Testspiels in Spanien an, auch Ersatzkapitän Lewis Holtby klagte in Abwesenheit des verletzten Aaron Hunt über seine Rolle. „Irgendwann ist es auch mal gut, immer der Buhmann zu sein“, hatte Holtby gesagt. Im Laufe der Rückrunde sollte er sich endgültig mit Wolf überwerfen. Dem HSV zerbrach schließlich die gesamte Hierarchie im Team.

Hunt will beim HSV weiterspielen

Ein Jahr später ist Holtby nicht mehr dabei, Hunt aber immer noch Kapitän und diesmal auch im Trainingslager dabei. Wegen eines Bänderrisses steigt der 33-Jährige erst im Laufe der Woche wieder mit der Mannschaft ein. Hunt will dazu beitragen, dass es in dieser Rückrunde besser läuft. Persönliche Eitelkeiten sollen dabei keine Rolle spielen. Auch nicht bei Hunt selbst. Wie vor einem Jahr bei Holtby und Pierre-Michel Lasogga läuft sein Vertrag im Sommer aus. Mit Louis Schaub hat der HSV gerade erst seinen möglichen Nachfolger bereits verpflichtet.

Hunt nimmt den Transfer zumindest äußerlich gelassen. „Spieler kommen und gehen. Das ist normal. Ich muss einfach nur zusehen, dass ich fit werde“, sagte der Kapitän am Montag. An ein mögliches Ende beim HSV im Sommer will er noch nicht denken, obwohl er einen Anschlussvertrag für eine Funktion im sportlichen Bereich hat. „Fakt ist, dass ich weiterspielen will und werde.“

Aufstieg ist für HSV das Ziel

Bis zum Sommer zählt für Hunt aber derzeit nur eines: „Jeder weiß, dass wir aufsteigen wollen. Das ist unser Ziel. Das müssen wir nicht jeden Tag erzählen, sondern jedes Wochenende zeigen“, sagt Hunt, der bis dahin ein zentraler Bestandteil der internen HSV-Hierarchie bleiben soll. Die weitere Führungsachse muss sich in den kommenden drei Wochen aber noch herausarbeiten. So soll etwa David Kinsombi im Mittelfeld die Rolle einnehmen, für die er eigentlich schon in der Hinrunde angedacht war.

Routinier Martin Harnik, der mit einer Wadenverhärtung in Lagos zunächst nur individuell trainiert, muss genau wie Hunt um seinen Platz kämpfen. Zudem sollen nach Schaub möglicherweise noch zwei Neuzugänge bis zum Ende der Transferperiode kommen, die das Mannschaftsgefüge weiter verändern könnten. Probleme innerhalb der Mannschaft befürchtet Trainer Hecking allerdings nicht. „Die Stimmung ist gut, da müssen wir nicht dran arbeiten.“ Wichtig sei bloß, sich „immer wieder aufs Neue einzuschwören“.

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Nach den Problemen in der Winterpause vor einem Jahr will der HSV die Sinne für falsche Strömungen im Club und in der Mannschaft in den kommenden Wochen schärfen. „Bei uns dominiert das Gefühl der Wachsamkeit“, sagte Vorstandschef Hoffmann. Die Tage bis zum ersten Spiel am 30. Januar gegen den 1. FC Nürnberg werden zeigen, ob der HSV aus den Fehlern des Vorjahres lernt – und Hecking das Fundament für den Aufstieg in Lagos gelegt hat.