Fussball in Hamburg

HSV gegen St. Pauli: Als aus „11:9“ ein 9:0 wurde

Ein historisches Foto vom Sportplatz am Rothenbaum, entstanden Mitte der 20er-Jahre.

Ein historisches Foto vom Sportplatz am Rothenbaum, entstanden Mitte der 20er-Jahre.

Foto: Trede-Archiv / Broder-Jürgen Trede

Vor 100 Jahren stieg das erste Fußball-Duell zwischen dem HSV und St. Pauli. Eine Premiere unter kuriosen Umständen.

Hamburg.  Wie später noch so häufig bei diesen Duellen, so war auch bei der Erstauflage an jenem Sonntag, dem 7. Dezember 1919, die Favoritenrolle klar verteilt. Auf der einen Seite der Großverein HSV, ein knappes halbes Jahr zuvor aus dem SC Germania, dem Hamburger FC von 1888 und dem FC Falke entstanden. Auf der anderen Seite die Kicker des erstmals aufgestiegenen Klassenneulings vom Hamburg-St. Pauli Turnverein. Deren 1910 gegründete Fußballabteilung war noch verhältnismäßig klein, und ihre Angehörigen hatten keinen leichten Stand gegen ihre deutschtümelnden Turnbrüder, die die von der britischen Insel importierte „Fußlümmelei“ teilweise noch immer verachten.

Das Spielfeld der St. Paulianer, ein auf dem Heiligengeistfeld abgesteckter „Grandacker“, genügte kaum Erstliga-Ansprüchen. Zum Duell gegen den HSV, formal eigentlich ein Heimspiel für die Braun-Weißen, wich man deshalb – und vor allem auch in der Hoffnung auf höhere Einnahmen – auf den schmucken Rasenplatz des Gegners am Rothenbaum aus. Etwa 1000 Zuschauer bezahlten die zwischen 50 Pfennig und zwei Mark liegenden Eintrittspreise.

Ein Spieler St. Paulis hatte seine „Spieltracht“ vergessen

Doch offenbar hatten nicht alle St.-Pauli-Spieler den Platztausch mitbekommen. Der Teambetreuer des Turnvereins wird nervös auf seine Taschenuhr geblickt haben, denn zum Anpfiff um 14 Uhr waren lediglich acht Mann erschienen. „Mehr als beschämend für einen A-Verein“, wie der Beobachter des „Hamburger Anzeigers“ in seinem nur wenige Zeilen umfassenden Spielbericht kopfschüttelnd vermerkte.

Fünf Minuten nach Spielbeginn erschien zwar noch der neunte St. Paulianer, doch auch dessen „Einwechslung“ ging nicht ohne Gelächter vonstatten. Die nicht näher benannte Schlafmütze war nämlich ohne „Spieltracht“ erschienen. Ihr musste „vom HSV noch ein altes Hemd aus Germanias Zeiten zur Verfügung gestellt werden“.

Das Spiel bot nur wenig Interessantes

Zu diesem Zeitpunkt stand es bereits 1:0 für den HSV. Die Ehre, das erste Tor der Derbygeschichte erzielt zu haben, wurde Carl Ohrt zuteil. Der zentrale Mittelfeldspieler, zu Saisonbeginn von Holstein Kiel gekommen, hat in einem kürzlich auf Ebay versteigerten Album mit Fotos und Zeitungsschnipseln die entsprechende Passage in einem Artikel mit einem roten Buntstift stolz unterstrichen: „Nach 5 Minuten fällt durch Prachtschuß von Ohrt das erste Tor“.

Ansonsten bot das Spiel nur wenig Interessantes. Aufgrund der numerischen (11:9) und spielerischen Überlegenheit des HSV fand es fast ausschließlich in der Hälfte der „recht eifrig“ kämpfenden Turner statt, die das von Dr. Walter Borck gehütete HSV-Tor niemals ernstlich gefährden konnten. Der Arzt, im Sommer von Schwerin 03 zurück an die Alster gewechselt, hatte bereits 1907, als 16-Jähriger, das Tor des HSV-Vorgängerclubs HFC 88 gehütet. Während seines Medizinstudiums in München war er, für den dortigen MTV spielend, 1911 sogar zu Länderspielehren gekommen. Seine einzige Sorge an diesem Tag: sich in der Dezemberluft zu verkühlen.

Spektakulärer Paraden von Sump am Rothenbaum

Ganz anders die Lage bei seinem Gegenüber im St.-Pauli-Kasten: Richard Sump konnte sich über mangelnde Beschäftigung kaum beklagen. Als Straßenspieler hatte Sump für den „FC Apollo“ gekickt, ehe er 1915 im Alter von nur 15 Jahren beim St. Pauli Turnverein ins Tor der Liga-Mannschaft gestellt wurde. Der Aufstieg in die höchste Klasse war auch das Verdienst des talentierten Schlussmanns. Abseits des Sportplatzes betrieb Sump ein kleines Feinkostgeschäft und kredenzte seinen Kunden in der Nähe des Michels schmackhafte Wurstspezialitäten und Geflügelpasteten. Viele Jahre trug Sump den Dress der Ligamannschaft und engagierte sich anschließend im Verein als Betreuer, Trainer, Obmann, Vizepräsident und Mäzen. Bekannt wurde er aber später als Hamburger „Eier- und Geflügelkönig“.

Am Rothenbaum riss Sump an diesem Nachmittag das Publikum angesichts manch spektakulärer Parade mit. „Sump im Tor zeigte hübsche Leistungen“, heißt es in einem Bericht. Doch manches, was St. Paulis Keeper in seinem Strafraum buchstäblich „um die Ohren“ flog, war nur schwer verdaulich. 15:0 (!) lautete am Ende das Eckenverhältnis zugunsten des HSV, neun Bälle schlugen in Sumps Gehäuse ein.

Lupenreiner Hattrick von Otto "Tulli" Harder

Allein sechs Treffer verbuchte dabei HSV-Mittelstürmer Otto „Tull“ Harder. Der kantige Draufgänger mit dem Gardemaß von 1,90 Metern hätte mit seiner Erkältung das Bett hüten sollen. Doch selbst angeschlagen war er von den St. Paulianern nicht zu stoppen und markierte einen durch die Halbzeit unterbrochenen sowie einen lupenreinen Hattrick.

Dass das Ergebnis nicht zweistellig ausfiel, lag neben der starken Torwartleistung vor allem daran, dass sich der HSV „in Überkombination“ gefiel, wie das Fachblatt „Turnen, Spiel und Sport“ kritisch anmerkte. Kalle Schneider, der linke Halbstürmer des HSV, verschoss noch einen Handelfmeter und kassierte nicht nur deshalb tags darauf vom „Hamburger Anzeiger“ einen bösen Tadel: „Das oftmals launische und lustlose Spiel von Schneider schafft dem veranlagten Spieler keine Freunde. Bei einem schwereren Gegner als dem gestrigen können solche, die gesamte Mannschaft schädigenden Rücksichtslosigkeiten schlimme Folgen haben.“

Am Saisonende stieg St. Pauli wieder ab

Ein Rückspiel gab es in der Spielzeit 1919/20 nicht mehr. Der Modus sah vor, dass nach Ende der Hinrunde im Februar 1920 die Tabelle geteilt wurde. Anschließend ermittelten nur die ersten sechs Teams (mit dem HSV) den Meister, die übrigen sieben (mit St. Pauli) kämpften um den Klassenerhalt. Die bis ungeschlagenen Rothosen vergeigten den Titel im März 1920 durch drei Niederlagen in Serie gegen Altona 93 (0:1), den SC Victoria (1:3) und den ETV (2:6). Die Braun-Weißen stiegen nach nur zwei Siegen und deftigen 15 Niederlagen als Schlusslicht ab. Zu einem sportlichen Wiedersehen kam es deshalb erst mehr als zwei Jahre später, im Januar 1922, diesmal auf Grand am Millerntor. Wieder war es eine klare Sache für den HSV (7:0).

Die Matchhistorie des Hamburger Stadtduells weist bis heute exakt 135 Vergleiche mit 90 HSV- und 25 St.-Pauli-Siegen aus. Tordifferenz: 419:162. Ein Freundschaftsspiel im April 1945 wurde zur Halbzeit wegen Fliegeralarms abgebrochen und fließt deshalb nicht mit in diese Zahlen ein. Ein einziges Mal, 1995 anlässlich eines Turniers im niederbayerischen Landshut, maßen die Vereine ihre Kräfte außerhalb der Hamburger Stadtgrenze. Auf Kapitel Nummer 136 dürfen sich die Fußballfreunde im Februar im Volkspark freuen – zu deutlich höheren Eintrittspreisen und mit wohl etwas weniger und nicht ganz so ungleich verteilten Toren wie anno 1919.

Harders Sechserpack

7. Dezember 1919, Hamburger Liga: St. Pauli TV – Hamburger SV 0:9 (0:3).

St. Pauli TV: Sump – Götze, Bergmann – Gütschow, Röver, Gube – Schmelzkopf, Jordan, Biermann.

HSV: Borck – A. Werner, Agte – Flohr, Ohrt, Fick – Gröhl, Lowien, Harder, Schneider, Ad. Hansen.

Tore: 0:1 Orth, 0:2, 0:3, 0:4 Harder, 0:5 Werner, 0:6 Lowien, 0:7, 0:8, 0:9 Harder.

SR: Weymar (Eimsbütteler TV).

Zuschauer: 1000 am Rothenbaum.