Pleite in Osnabrück

Wie Thioune die Schwachstellen des HSV-Systems aufdeckte

Osnabrücks Trainer Daniel Thioune ließ sich nach dem Sieg gegen den HSV minutenlang von den Fans feiern. Das Coaching-Duell gegen Dieter Hecking hat er gewonnen.

Osnabrücks Trainer Daniel Thioune ließ sich nach dem Sieg gegen den HSV minutenlang von den Fans feiern. Das Coaching-Duell gegen Dieter Hecking hat er gewonnen.

Foto: imago / Nordphoto

Dieter Hecking verliert das Coaching-Duell gegen Daniel Thioune. Eine Analyse der HSV-Pleite bei Aufsteiger Osnabrück.

Hamburg/Osnabrück. Osnabrücks Pressesprecher Sebastian Rüther hatte dem HSV auf der Pressekonferenz am Freitagabend gerade eine staufreie Rückreise gewünscht, da blickte Dieter Hecking bereits mit einem leichten Grinsen nach rechts zu seinem Amtskollegen Daniel Thioune. Schnell stand der HSV-Coach auf und beglückwünschte seinen früheren Stürmer aus gemeinsamen Lübecker Zeiten zum überraschenden 2:1-Sieg gegen den Favoriten aus Hamburg.

Hecking klopfte Thioune noch einmal auf die Schulter, beide Trainer guckten sich anerkennend an. Es war die Geste eines fairen Verlierers, der in den 90 Minuten zuvor nicht nur das Spiel mit seiner Mannschaft, sondern auch das Coaching-Duell verloren hatte.

HSV von Osnabrücks Spielweise überrascht?

Daniel Thioune stellte seine Mannschaft optimal ein und schaffte es, mit seinen taktischen Kniffen, die Schwachstellen des HSV-Systems aufzudecken. Schon im Vorfeld der Partie hatte das Abendblatt den gebürtigen Niedersachsen als einen modernen Trainer beschrieben, der seine Spieler besser macht. Thiounes Matchplan lautete, die Hamburger mit Wille und Leidenschaft in die Knie zu zwingen. Eine für einen Außenseiter vermeintlich simple Idee, die den HSV dennoch vor überraschend arge Probleme stellte. Dabei war schon mit der Bekanntgabe des Spielplans im Sommer klar, dass den Aufstiegsfavoriten ein Kampfspiel an jenem 30. November bei Flutlicht an der Bremer Brücke erwartet.

"Das ist das schöne am Fußball: Jeder weiß alles und am Ende kommt es doch anders", sagte der sichtlich erboste Sportvorstand Jonas Boldt in den Katakomben des Osnabrücker Stadions. Ohne die Bereitschaft Zweikämpfe bestreiten zu wollen und Körperkontakt zu suchen, könne man kein Spiel gewinnen, ergänzte der Manager und brachte damit die Kernproblematik der Niederlage des HSV auf den Punkt. "Wir müssen lernen, dreckig zu spielen", sagte auch Trainer Hecking, der in der gefühlten Wahrnehmung seinem Team eine miserable Zweikampfquote von 20 Prozent bescheinigte.

Es waren zwar mit 51 Prozent sogar mehr als der Gegner, doch der ehemalige Tabellenführer der Zweiten Liga (Bielefeld zog am Sonntag durch ein 3:1 in Darmstadt am HSV vorbei) wirkte vor allem in den entscheidenden Duellen nicht präsent genug.

Wie Hecking die HSV-Pleite in Osnabrück analysiert

Wie Thioune den HSV ausguckte

Das körperlose Spiel der Hamburger, die sich auswärts schwer tun, den Kampf anzunehmen, ist allerdings nur einer der Gründe, weshalb der HSV in Osnabrück verlor. Die offensichtlich optimale Spielvorbereitung von Heimtrainer Thioune trug ihr Übrigens bei. Mit den beiden 21 Jahre alten Niklas Schmidt und Etienne Amenyido agierte der Aufsteiger mit zwei sogenannten Zehnern. Beide spielfreudigen Youngster hatten die Aufgabe, sich immer wieder in die Räume zwischen der gegnerischen Abwehrreihe und dem Mittelfeld zu bewegen.

Hintergrund dieser Idee war es, die defensiven Schwächen des HSV in dieser Zone auszunutzen. Denn unter Hecking ist Adrian Fein der einzige Sechser, der sich bei Kontern der Heimelf immer wieder für einen der beiden Osnabrücker Zehner entscheiden musste. Meistens fiel die Wahl auf Amenyido, weshalb Schmidt so viele Freiräume erhielt, wie wohl noch nie zuvor in der laufenden Saison. Der Ex-Bremer war an nahezu jedem Angriff beteiligt und belohnte sich selbst mit seinem sehenswerten Solo zum 1:0, als er die komplette Hintermannschaft der Hamburger narrte.

Natürlich hätte der HSV diese Räume für Schmidt zustellen können. Doch dafür hätten sich entweder Dudziak, Moritz oder in der zweiten Hälfte der eingewechselte Kinsombi fallen lassen müssen, um Fein zu unterstützen. So wurde der 20 Jahre alte Youngster, der bislang eine starke Saison spielt, von seinen offensiv denkenden Mitspielern im Stich gelassen. Und das wusste VfL-Trainer Thioune. „Unsere Mittelfeldspieler sind zu nachlässig in der Rückwärtsbewegung", klagte Hecking, der allerdings überwiegend Fein für diesen Umstand verantwortlich machte.

„Adrian ist in der Arbeit gegen den Ball in erster Linie ein Sechser und kein Spielmacher. Da muss er schon mal gucken, wo sein Gegenspieler rumläuft. Wenn ein Schmidt auf der Zehnerposition auftaucht, ist es sicherlich die Aufgabe von Adrian Fein: ‚wo ist Schmidt‘", sagte der HSV-Coach. „Genauso wie Dudziak und Moritz im Verbund gucken müssen, wo ihre beiden Gegenspieler sind. Die Zuteilung war relativ klar und einfach.“

Heckings Maßnahmen verpufften

Noch einfacher war es allerdings für Schmidt, offensive Akzente zu setzen. Anders als bei seinem Gegenüber blieben Heckings Maßnahmen dagegen teilweise wirkungslos. Bobby Wood, der mangels Alternativen erneut von Beginn an spielte, fehlte jegliche Bindung zum Spiel. Der US-Stürmer strahlte keine Torgefahr aus und verlor zu viele Bälle. Der Tiefpunkt war sein Fehlpass, mit dem er das Führungstor von Osnabrück einleitete.

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Auch die zweite umstrittene Personalie, das Startelf-Comeback von Gideon Jung, brachte nicht den erhofften Effekt. Der Innenverteidiger sah bei den ersten beiden Gegentoren unglücklich aus. Fast schon grotesk war sein Verhalten beim 0:2, als er hinter der Torlinie entlang der Bandenwerbung joggte, und dadurch grob fahrlässig das Abseits aufhob. Allerdings kann Jungs Aufstellung nicht alleine Hecking angekreidet werden, denn der Coach wollte eigentlich den kampfstarken Timo Letschert einsetzen. Doch der Niederländer laborierte an muskulären Problemen.

Unter dem Strich bleibt der Eindruck, dass Thioune das Trainer-Duell gegen seinen früheren Lehrmeister gewann. Dass der HSV hinterher die von Osnabrücks Pressesprecher Rüther gewünschte staufreie Rückreise antrat und dabei einer Vollsperrung auf der A1 rund 60 Kilometer vor Hamburg nur um wenige Minuten entging, dürfte für Hecking nur ein schwacher Trost sein.