HSV verliert in Osnabrück

Boldt poltert nach Pleite: „Das war nicht zweitligatauglich“

Felix Agu (l., mit Khaled Narey und HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes) bereitete das zweite Osnabrücker Tor per Kopf vor.

Felix Agu (l., mit Khaled Narey und HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes) bereitete das zweite Osnabrücker Tor per Kopf vor.

Foto: Thomas F. Starke / Bongarts/Getty Images

HSV verliert beim Zweitliga-Aufsteiger nach schwacher Leistung. Trainer Hecking und Boldt nehmen sich die Spieler zur Brust.

Osnabrück.  Es war 20.25 Uhr am Freitag, als in Osnabrück ein kleines bisschen Fußballgeschichte geschrieben wurde. 2:1 hatte Zweitliga-Aufsteiger VfL Osnabrück gegen den Möchtegern-Bundesligaaufsteiger HSV gewonnen, als sich das ganze Stadion erhob. „Gegen Osna kann man mal verlieren“, sangen die begeisterten Zuschauer, die ihr Glück noch gar nicht fassen konnten. Und während sich die ganze Stadt auf eine geschichtsträchtige Partynacht freute, schlichen die Hamburger durch die Katakomben und suchten nach Worten für das eben Geschehene.

„Das war nicht zweitligatauglich“, schimpfte Sportvorstand Jonas Boldt. „Ohne Zweikämpfe und Körperkontakt kann man kein Fußballspiel gewinnen. Wir waren beschissen, das muss man so deutlich sagen.“

Einen „beschissenen Abend“ hatte zuvor niemand erwartet. Dass dieser Abend aber historisch werden würde, stand schon vor dem Anpfiff fest. Zwar hatten sich der HSV und der VfL Osnabrück in ihren langen Clubgeschichten bereits 31-mal duelliert, aber seit Gründung der Bundesliga noch nie in einem Ligaspiel.

Ein gutes Pflaster war die Bremer Brücke für die Hamburger allerdings nie. So setzte es im DFB-Pokal für den HSV zuletzt zwei bittere Erstrundenniederlagen: Vor zwei Jahren in der Abstiegssaison und vor zehn Jahren, als der HSV als Tabellenführer der Bundesliga anreiste und trotz Staraufgebots rund um Mladen Petric, Zé Roberto und Frank Rost nach Elfmeterschießen 2:4 verlor.

Hecking: „Wir haben verdient verloren“

Zehn Jahre später hatten sich die Hamburger erneut als Tabellenführer auf die 240 Kilometer lange Reise gemacht – diesmal allerdings als Spitzenreiter der Zweiten Liga. Und Petric, Zé Roberto und Frank Rost hießen Bobby Wood, Christoph Moritz und Daniel Heuer Fernandes. Letztgenannter, der selbst zwei Jahre in Osnabrück gespielt hat, konnte nach den 93 Minuten allerdings auch nicht glauben, was da gerade passiert war. „Wir sind alle enttäuscht über diese Niederlage, die wir uns selbst ankreiden müssen.“

Was Fernandes noch vorsichtig formulierte, brachte Trainer Dieter Hecking wenige Minuten später sehr deutlich auf den Punkt. „Wir haben verdient verloren“, sagte der angefressene Coach. „Nach 20 Minuten haben wir gedacht, dass wir hier ein bisschen Primaballerina spielen können. Das geht so nicht. Gerade in der ersten Halbzeit haben wir kaum einen Zweikampf gewonnen.“

Schwer erträglicher Nicht-Angriffspakt

Was Hecking maßlos ärgerte: Nachdem sich beide Mannschaften in den ersten 20 Minuten offenbar auf einen schwer erträglichen Nicht-Angriffspakt geeinigt hatten, war es schließlich der VfL, der das Kommando übernahm. Lediglich einen Pfostenschuss von Martin Harnik konnte Hecking noch bestaunen (23.). Wer dachte, dass die Hamburger nun endlich loslegen würden, der irrte. Und zwar ganz gewaltig. Viel mehr legte Osnabrücks Niklas Uwe Schmidt los. Zunächst scheiterte die 21-jährige Leihgabe von Werder Bremen noch an Ex-VfL-Keeper Fernandes (35.). Doch nicht einmal 120 Sekunden später nutzte Schmidt einen selten dämlichen Fehlpass Bobby Woods aus, umdribbelte die halbe HSV-Hintermannschaft und traf platziert zur verdienten 1:0-Führung (37.).

HSV in Osnabrück – die besten Bilder:

Als dann Herr Schmidt kurz vor dem Pausenpfiff noch einmal knapp vorbeischoss, hatte man sich beim HSV bereits mit der schlechten ersten Halbzeit arrangiert. Doch diese sollte dann sogar noch als „extrem schlecht“ betitelt werden, weil VfL-Kapitän David Blacha Sekunden vor der Pause auf 2:0 erhöhte. Ein schwarzer HSV-Freitag am Shopping-Feiertag Black Friday.

Dieter Hecking reagierte und wechselte genau wie vor einer Woche die schwachen Wood und Moritz aus. „Wir müssen lernen, dreckig zu werden. Wir sind zu lieb, zu nett, zu brav. Ich hätte zur Halbzeit auch fünf oder sechs Spieler auswechseln können“, schimpfte der HSV-Trainer später. Doch da die Fifa-Regularien maximal drei Korrekturen vorsehen, kamen zunächst nur Jairo Samperio und David Kinsombi, der Last-minute-Held der vergangenen Woche. Und immerhin: Wie gegen Dresden wurde das HSV-Spiel auch diesmal besser – und auch Sonny Kittel traf wieder (64.).

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Nur lassen sich Heldengeschichten dummerweise nicht per Copy-and-paste kopieren. 15.800 Zuschauer konnten zwar verfolgen, dass der HSV nun mehr Druck machte und sogar „Goldköpfchen“ Kinsombi zu seiner Kopfballchance kam (82.). Doch aus dem Black Friday wollte einfach kein HSV-Friday-for-Fu­ture werden. Und die weitere HSV-Zukunft? Hecking kündigte nach sechs sieglosen Auswärtsspielen in Folge Konsequenzen an. „Wir sind nicht so gut, wie uns alle sehen. Wir müssen schnellstmöglich lernen. Und wenn wir es nicht lernen wollen, dann müssen wir es eben personell verändern.“

Neben dem indisponierten Bobby Wood darf sich wohl auch Gideon Jung angesprochen fühlen, den Hecking überraschend dem zuletzt guten Timo Letschert vorzog. Die gute Nachricht: Am kommenden Freitag steht nach sechs sieglosen Spielen auswärts zunächst ein Heimspiel an. Der Gegner: Heidenheim. Und zumindest Sportvorstand Boldt hat vor einem erneuten Black Friday keine Angst: „Wir müssen jetzt nicht alles schwarzmalen.“