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Wie Osnabrück Schmedes dem HSV ganz zufällig ausspannte

Benjamin Schmedes (34) war von 2009 bis 2017 beim HSV.

Benjamin Schmedes (34) war von 2009 bis 2017 beim HSV.

Foto: Michael Rauhe / HA

Im Winter 2017 ging der damalige HSV-Chefscout Benjamin Schmedes das Risiko VfL ein. Nun gibt er einige Hamburg-Anekdoten preis.

Hamburg.  Es war rund um die Mittagszeit, als Benjamin Schmedes am 11. September 2016 eine Begegnung mit dem Schicksal hatte. Schmedes, damals noch Chefscout beim HSV, stand vor dem Stadion von Hannover 96, um sich am Abholschalter seine bestellte Karte für das Zweitligaspiel gegen Dynamo Dresden (0:2) zu holen. Allerdings: Der Name Schmedes fehlte auf der Gästeliste. Das Glück des damals 31-Jährigen: Hinter ihm in der Schlange stand Jürgen Wehlend. Der Geschäftsführer des VfL Osnabrück bekam das Problem mit, sagte Schmedes, dass er ein Ticket überhabe, und fragte, ob sie die Partie nicht gemeinsam sehen wollten.

Gesagt, getan. Schmedes und Wehlend verstanden sich bestens, unterhielten sich 90 Minuten lang über die Feinheiten des Fußballs und tauschten am Ende des Nachmittags Visitenkarten aus. Das sollte sich ein gutes Jahr später auszahlen. Wehlend suchte einen Nachfolger des beurlaubten Lothar Gans und erinnerte sich an Schmedes. Ob er sich vorstellen könnte, als neuer Sportdirektor beim VfL anzufangen, fragte Wehlend ganz direkt. Schmedes konnte, löste seinen Vertrag beim HSV auf und unterschrieb zum 1. Dezember 2017 als jüngster Sportchef der ersten drei Ligen einen Vertrag bis Sommer 2021.

Beim Wechsel war der VfL 19. in der 3. Liga

Ziemlich genau zwei Jahre später sitzt Schmedes im Podcast-Studio des Abendblatts und muss lachen. „Wir haben uns tatsächlich erst vor dem Spiel in Hannover kennengelernt“, gibt der dreifache Familienvater zu. „Anschließend haben wir uns mal unverbindlich auf einen Kaffee getroffen – und dann kam der Anruf.“

Der Rest ist Geschichte. Als Schmedes im Winter 2017 nach Osnabrück wechselte, hätten die Welten sowohl des HSV als auch des VfL nicht weiter von­einander entfernt sein können. Der HSV war noch immer Bundesligadino, Osnabrück stand auf dem 19. Platz der dritten Liga. „Natürlich war das auch für mich ein großes Risiko“, sagt Schmedes, der zwei Jahre später weiß, dass sich das Risiko gelohnt hat.

Osnabrück gegen HSV ist eine Premiere

Erstmals in der Geschichte der Bundesligen treffen der VfL und der HSV in einem Ligaspiel an der Bremer Brücke aufeinander (Fr, 18.30 Uhr). Die Welten, die noch vor zwei Jahren Galaxien von­einander entfernt schienen, sind nun deckungsgleich. Der seit acht Spielen ungeschlagene Tabellenführer HSV muss beim seit fünf Spielen ungeschlagenen VfL ran. „Die Spiele gegen die gefühlten Bundesligisten Stuttgart und Hamburg haben wir für uns zu Pokalspielen erklärt“, sagt Schmedes. „Das Achtelfinale gegen den VfB haben wir schon mal mit 1:0 gewonnen. Nun wollen wir mal schauen, was für uns beim Viertelfinale am Freitag gegen den HSV so drin ist.“

Dabei macht Schmedes natürlich kein Geheimnis daraus, dass der HSV für ihn noch immer ein besonderer Club ist. „Meine Zeit beim HSV war unglaublich lehrreich“, sagt der Sportchef-Benjamin, der vor genau zehn Jahren als Praktikant im Volkspark anfing. Zunächst unter dem damaligen Nachwuchsleiter Jens Todt in Norderstedt, später als Assistent des gesamten Vorstands. „Besonders Joachim Hilke war sehr fordernd“, erinnert sich Schmedes, der damals auch als Protokollant bei jeder HSV-Aufsichtsratssitzung dabei sein durfte. „Es gab immer mal wieder Situationen, in denen es hoch herging“, sagt Schmedes.

Schmedes fädelte den Hunt-Transfer ein

Nach seiner Beförderung zum Chefscout arbeitete der frühere Innenverteidiger vor allem Ex-Sportchef Peter Knäbel zu – und half 2015 tatkräftig bei der Verpflichtung eines alten Bekannten: Aaron Hunt. „Viele hatten ein falsches Bild von Aaron“, sagt Schmedes. „Sein Habitus auf dem Feld wird ja nicht nur positiv gesehen, aber das hat überhaupt nichts mit seinem Charakter zu tun.“ Schmedes redet nun ohne Punkt und Komma. „Aaron kann derjenige sein, der die Bälle ansaugt und verteilt. Er hat eine außerordent­liche Qualität, erkennt die Räume und spielt genau die richtigen Pässe.“

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Was kaum einer weiß: Hunt und Schmedes kennen sich bereits bestens aus Kindertagen. Beide spielten gemeinsam in der U17 und U19 für Werder Bremen und besuchten auch das Werder-
Internat. Möglicherweise kann Hunt sogar Schmedes verdanken, dass er sich später bei Werder Bremen zum Topspieler entwickelte. Denn: Hunt hatte zu Beginn großes Heimweh – und floh recht schnell zurück ins Elternhaus nach Goslar. Gemeinsam mit Jugendtrainer Bernd Pfeifer machte sich Internatskumpel Schmedes auf den Weg zu Hunt – und überredete ihn zurückzukommen.

Schmedes kritisiert Nachwuchszentren

Dass Hunt als junges Talent gegen Widerstände ankämpfen musste, habe ihn zu einem besseren Spieler gemacht. „Es ist von Vorteil, wenn Fußballer für sich als Mensch Verantwortung übernehmen“, sagt Schmedes, der die Rundumsorglosbetreuung in den Nachwuchsleistungszentren durchaus kritisch sieht. „15- oder 16-Jährige werde umsorgt wie Vollprofis“, sagt der dreifache Familienvater. „Wenn man bedenkt, dass es nur ein Bruchteil schafft, im Profiteam anzukommen, muss man sich fragen, was mit den anderen passiert und ob sie auf das sogenannte echte Leben vorbereitet sind, wie es notwendig wäre.“

All das will Schmedes auch bei seinem größten Zukunftsprojekt in Osnabrück berücksichtigen. Bereits im kommenden Jahr sollen in unmittelbarer Nähe zum Stadion an der Bremer Brücke ein neues Trainingszentrum und ein Nachwuchsleistungszentrum gebaut werden. „Sowohl unsere Trainingsbedingungen für die Profi-Abteilung als auch das Nachwuchsleistungszentrum entsprechen dem heutigen Standard in keiner Weise“, hatte Schmedes bereits vor einer Woche bei einer Informationsveranstaltung vor der Jahreshauptversammlung des VfL gesagt.

Schmedes will VfL in der Liga etablieren

Am Montag im Podcast-Studio des Abendblatts bekräftigte Schmedes, dass der VfL Osnabrück nun die Chance nutzen müsse, sich nach acht Jahren Abstinenz in der Zweiten Liga zu etablieren. „Osnabrück soll kein Abenteuer in der Zweiten Liga bleiben“, sagt Schmedes, der daran erinnert, dass sich alleine die TV-Einnahmen durch den Aufstieg aus der dritten Liga verzehnfacht hätten.

Doch auch in der Zweiten Liga kann das TV-Erlebnis mit dem Live-Event nicht mithalten. Deswegen setzt sich Schmedes nach der Podcast-Aufzeichnung direkt ins Auto, um sich am Abend die Partie zwischen Hannover und Darmstadt live vor Ort anzuschauen. Und siehe da: Diesmal liegt die bestellte Karte für Schmedes zur Abholung bereit.

Das ganze Gespräch hören Sie kostenlos in allen Podcast-Apps und unter www.abendblatt.de/podcast/hsv-podcast