DFB-Pokal

Die Nerven: Wie der HSV sich gegen das Pokal-Aus stemmte

Die Hamburger siegten 8:7 im Elfmeterschießen. Wer für Dieter Heckings Team im DFB-Pokal den Unterschied ausmachte.

Chemnitz.  Es war 21.18 Uhr, als Adrian Fein einen viel zu langen HSV-Tag beendete. 2:2 hatte es im Pokalspiel des FC Chemnitz gegen den HSV nach 90 Minuten gestanden, 0:0 nach weiteren 30 Minuten Zugabe – und 5:5 im Elfmeterschießen. Dann trat zunächst Sören Reddemann an – verschoss. Hamburgs 20 Jahre alter Neuzugang vom FC Bayern machte es besser, zirkelte den Ball nach rechts unten – und traf zum glücklichen, aber nicht unverdienten 8:7. Fein, fein, Hurra. „Die Mannschaft ist einfach geil auf Siege“, gab der Matchwinner zu Protokoll. Goliath HSV war weiter, David Chemnitz durfte sich nur über ein sehr engagiertes Spiel freuen.

Das hatte auch HSV-Trainer Dieter Hecking Stunden zuvor von seiner Mannschaft gefordert. Der Coach hatte auch deswegen vor dem Spiel angekündigt, möglicherweise Veränderungen vorzunehmen. Letztlich beließ es der Coach aber bei nur einer Umstellung: Für den an der Leiste verletzten Kapitän Aaron Hunt durfte David Kinsombi erstmals in einem Pflichtspiel für den HSV von Beginn an ran. Und der ehemalige Kieler durfte sich auch gleich die ersten beiden Abschlüsse in die Spielstatistik eintragen. Beide wären mit der Zuschreibung Torchance aber eher unpassend formuliert (8./12.). Etwas dichter zum Tor näherte sich Lukas Hinterseer, der eine Flanke von Bakery Jatta knapp neben das Tor setzte (21.).

Ballbesitz von 66 Prozent

Chemnitz formierte sich im ersten Spiel nach dem Rauswurf des Kapitäns Daniel Frahn gegen den HSV erwartet tief in der eigenen Hälfte und kam lediglich durch lange Bälle mal über die Mittellinie. Früh war klar, dass es für Heckings HSV gegen den Drittliga-Aufsteiger vor 13.130 Zuschauern im Stadion an der Gellertstraße ein Geduldsspiel wird. Wie beim Handball legten die Hamburger sich den Gegner um den Strafraum zurecht. Nur ganz gelegentlich fand sich mal eine Lücke.

So wie in der 37. Minute, als Jeremy Dudziak nach einer Kombination über Adrian Fein und Sonny Kittel aus elf Metern am Außenpfosten scheiterte. Bei seinem ersten Pflichtspiel der langen Vereinsgeschichte in Chemnitz ging es für den HSV torlos in die Pause, trotz 66 Prozent Ballbesitz und 8:3 Torschüssen. Dabei hatte die A-Jugend des HSV am Vormittag beim 8:2 gezeigt, wie man gegen Chemnitz viele Tore schießt.

Strittiger Handelfmeter

Nach der Halbzeit sollten sich die Protagonisten dann aber dem U-19-Spiel annähern. Aufgepeitscht durch die eigene Kurve, die mit vielen Transparenten gegen Insolvenzverwalter Klaus Siemon protestierte, trauten sich die Chemnitzer plötzlich mehr zu. Zunächst pfiff Schiedsrichter Robert Kampka nach einem von Rick van Drongelen zu 70 Prozent mit der Brust geblockten Schuss einen äußerst strittigen Handelfmeter. Weil es im DFB-Pokal erst ab dem Achtelfinale den Videobeweis gibt, blieb es auch bei der Entscheidung. Dejan Bozic traf zur überraschenden Führung (57.).

Die Antwort des HSV dauerte nur fünf Minuten

. Eine gechippte Flanke von Fein nahm Hinterseer im Strafraum zunächst mit der Brust an und vollendete dann mit einem sehenswerten Seitfallzieher zum 1:1 (62.). Es war der erste Pflichtspieltreffer für den Neuzugang aus Bochum. Wer nun aber glaubte, der HSV hätte wieder alles im Griff, der irrte. Erneut war es der Drittligist, der in Führung ging. Einen Co-Produktionsfehler von Gideon Jung und Hinterseer nach einer Ecke nutzte Matti Langer per Kopf zum 2:1 (68.). Und auch das Stadion stand auf dem selbigen.

Angetrieben vom immer stärker werdenden Sonny Kittel stemmte sich der HSV aber gegen das frühe Pokalaus. Und wie schon sechs Tage zuvor in Nürnberg war es ein genialer Freistoß des spielfreudigen Kittel, der die 2500 mitgereisten HSV-Fans jubeln ließ. Aus 17 Metern schlenzte der 26-Jährige den Ball in den Winkel und rettete seine Mannschaft in die Verlängerung.

Reddemann verschießt, Fein trifft – der HSV ist weiter

In den zusätzlichen 30 Minuten passierte dann aber nicht mehr viel, ehe Schiedsrichter Kampa zum Glücksspiel Elfmeterschießen bat. Und beim Nervenspiel vom Punkt sollten zunächst die Gastherren einen besseren Start erwischen: Mit Müller, Sarmow und Bonga trafen alle drei Chemnitzer, ehe mit dem eingewechselten Khaled Narey der dritte Hamburger verschoss. Nicht viel besser machte es allerdings der frühere St. Paulianer Schoppenhauer. „Elfmeterschießen ist immer eine Sache der Nerven, aber wir haben Nerven bewiesen“, freute sich später HSV-Torhüter Daniel Fer­nandes. Denn der Rest des Abends war Geschichte: Reddemann verschießt, Fein trifft – der HSV ist weiter.

Chemnitz: Jakubov – Schoppenhauer, Reddemann, Langer (84. Bohl), Itter – Müller, Sarmow, Milde (116. Blumberg) – Bonga, Bozic (74. Sturm), Garcia (112. Tallig).

HSV: Heuer Fernandes – Gyamerah (106. Wintzheimer), Leibold, van Drongelen – Jung, Kinsombi (100. Amaechi), Jatta (72. Narey), Dudziak (83. Jairo), Fein, Kittel – Hinterseer.

Tore: 1:0 Bozic (57./Handelfmeter), 1:1 Hinterseer (62.), 2:1 Langer (68.), 2:2 Kittel (75.).

Elfmeterschießen: 3:2 Müller, 3:3 Kittel, 4:3 Sarmow, 4:4 Hinterseer, 5:4 Bonga, Narey verschießt, Schoppenhauer verschießt, 5:5 Wintzheimer, 6:5 Tallig, 6:6 Jairo, 7:6 Itter, 7:7 van Drongelen, Reddemann verschießt, 8:7 Fein.

Gelb: Itter, van Drongelen, Gyamerah, Fein, Leibold. SR: Robert Kampka (Mainz). Z.: 13.130.