Wechsel

HSV: Jonas Boldt macht wieder Hoffnung auf Dieter Hecking

„Wir haben die sportlichen Ziele der Saison klar verfehlt", sagt HSV-Aufsichtsratschef Köttgen über die Beurlaubung von Becker.

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Die Hintergründe zum Rauswurf von Ralf Becker. Jonas Boldt hatte gleich die Lacher auf seiner Seite – und lässt hoffen.

Am Ende seiner Vorstellung sorgte Jonas Boldt für einen Lacher. Der neue Sportvorstand des HSV saß am frühen Freitagnachmittag auf dem Podium des Presseraums im Volksparkstadion und wurde gefragt, wie lange er denn eigentlich in Hamburg unterschrieben habe. Die Antwort: bis 2021. Und Boldts Antwort: „Wenn die zwei Jahre dann auch eintreffen, dann ist das schon mal ein großer Erfolg.“

Boldts spaßige Aussage war durchaus ernst gemeint. Fast ein Jahr, nachdem an selber Stelle mit Ralf Becker eine langfristige Lösung für den Sportchef-Posten beim HSV präsentiert wurde, saß nun der 37 Jahre junge Boldt, zwei Meter groß, weißes Hemd, blauer Anzug, und sprach über seine Ziele als Nachfolger von eben jenem Becker.

Internet-Spott für den HSV

Rund drei Stunden zuvor hatte der HSV mit der Nachricht über die Freistellung des Sportvorstandes nicht nur für einen Lacher, sondern mal wieder für reichlich Hohn und Spott in Fußball-Deutschland gesorgt. „HSV entlässt Sportvorstand – die einzige Meldung, die es noch öfter gibt als ältester Mensch der Welt gestorben“, twitterte etwa die Satire-Seite FUMS. Tatsächlich ist Boldt nach der Trennung von Becker bereits der siebte HSV-Sportchef in sieben Jahren. Doch wie kam es zu der erneuten, für viele überraschenden Entlassung?

Im Video: Analyse des Wechsels

Boldt beerbt Becker beim HSV: Wie es dazu kam

Es war noch früh am Freitagmorgen, als Ralf Becker dem Aufsichtsratsvorsitzenden Max-Arnold Köttgen eigentlich die Ergebnisse seiner Trainersuche präsentieren wollte. Erst vor einer Woche hatte Becker nach dem verpassten Wiederaufstieg in die Bundesliga Chefcoach Hannes Wolf freigestellt.

Becker verhandelte erfolgreich mit Trainer Dieter Hecking

Unter der Woche hatte Becker nun Gespräche mit verschiedenen Trainerkandidaten für die Wolf-Nachfolge geführt. Unter anderem auch mit Bruno Labbadia. Besonders erfolgreich waren dabei die Verhandlungen mit Dieter Hecking, der vor einer Woche ein letztes Mal für Borussia Mönchengladbach als Trainer an der Seitenlinie stand. Gemeinsam mit Sportdirektor Michael Mutzel brachte Becker die Gespräche mit Hecking auf die Zielgeraden.

Als Becker sich am Freitagmorgen darauf vorbereitete, die Ergebnisse zu präsentieren, wurde er von Aufsichtsratschef Köttgen mit seiner Freistellung überrascht. Der Vorsitzende des Kon­trollgremiums saß wenige Stunden später gemeinsam mit Jonas Boldt und Pressesprecher Till Müller auf dem Podium und versuchte irgendwie zu begründen, warum man sich für den Rauswurf von Becker entschlossen habe. „Wir haben unser sportliches Ziel verfehlt, das ist der Grund, weshalb sich der Aufsichtsrat nach einer sehr detaillierten Analyse entschieden hat zu handeln“, erklärte Köttgen, ohne etwas zu erklären.

HSV-Aufsichtsrat: Hatte Becker keine Antworten?

Hintergrund: Bereits am Montagabend saß Becker vor dem Aufsichtsrat und musste erklären, warum er in der Rückrunde keine Antworten mehr gefunden habe, als der HSV in die sportliche Krise rutschte und sich bis zum Ende nicht mehr befreien konnte. Eine überzeugende Analyse konnte Becker offenbar nicht liefern. Ansonsten hätte das Gremium nicht schon zu Wochenbeginn Kontakt zu Nachfolger Boldt aufgenommen. Der erklärte am Freitag ganz offen, dass er sich schon seit mehreren Tagen mit seiner neuen Herausforderung beschäftigen konnte. „Wir wollen das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen“, sagte Boldt bei seiner Vorstellung.

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Um jene Vertrauensfrage ging es in dieser Woche im Fall Ralf Becker. Und die Frage lautete: Traut der Aufsichtsrat dem Sportvorstand zu, einen Kader zusammenzustellen, der das unbedingte Ziel Aufstieg erreichen kann? Die Antwort lautete Nein. Auf einer weiteren Sitzung der Räte mit Vorstandschef Bernd Hoffmann fiel am Donnerstagabend die endgültige Entscheidung: Becker muss gehen. Weil man dem Sportchef nicht zutraute, die anstehenden Herausforderungen und möglichen Krisen erfolgreich zu managen.

Clubchef Hoffmann wusste offenbar mehr

Trotzdem ließ man Becker gewähren. Noch am Donnerstag machte er den Transfer von Stürmer Lukas Hinterseer perfekt, verhandelte mit Torhüter Daniel Heuer Fernandes von Darmstadt 98. Und er sprach mit Trainern. Clubchef Hoffmann war in die Gespräche eingeweiht.

Dass Hoffmann zu diesem Zeitpunkt schon von den Plänen des Aufsichtsrats wusste, zeigt allein die Auswahl des neuen Sportvorstands. Schon vor einem Jahr war der damalige Leverkusener Manager Jonas Boldt der Wunschkandidat des gebürtigen Leverkuseners Bernd Hoffmann, als dieser noch in der Funktion des Aufsichtsratschef einen neuen Sportvorstand suchte. Doch Boldt blieb zunächst in Leverkusen. Anschließend sagten auch der Mainzer Rouven Schröder sowie Paderborns Markus Krösche ab.

Die Wahl fiel schließlich auf Becker, den Hoffmann vor einem Jahr noch als „absolute Wunschlösung“ bezeichnete. Auch diesmal scheint Hoffmann die treibende Kraft gewesen zu sein. „Natürlich habe ich mich für die Meinung von Herrn Hoffmann sehr interessiert“, sagte Kontrollchef Köttgen am Freitag.

Schon vor einer Woche erlitt das Vertrauensverhältnis zwischen Becker und Hoffmann einen Bruch. Als sich der Vorstandschef nach dem verpassten Aufstieg vor die Kameras stellte und von einem Systemversagen im Sport sprach, fühlte sich Becker angegriffen. Es folgte die Kommunikationsposse einen Tag später um den „Vielleicht“-Rauswurf von Wolf, den Becker dann am vergangenen Freitag offiziell verkündete.

Vertrauen zwischen Becker und Hoffmann war belastet

Dass Becker auch nach dem desaströsen 0:3 gegen Ingolstadt vor drei Wochen an Trainer Wolf festgehalten hatte, sorgte im Kon­trollgremium für Unverständnis. Dabei hatte sich auch Hoffmann dafür eingesetzt, mit Wolf das letzte und entscheidende Spiel in Paderborn zu bestreiten.

Nun ist nicht nur Wolf weg, sondern auch Becker. Jonas Boldt steht nun vor der großen Aufgabe, innerhalb weniger Wochen nicht nur einen Trainer zu finden, sondern auch einen völlig neuen Kader. Zumindest Beckers Vorbereitungen in den Verhandlungen mit Dieter Hecking könnten sich gelohnt haben. Nach Abendblatt-Informationen kann sich der 54-Jährige weiterhin sehr gut vorstellen, nach Hamburg zu wechseln.

Und auch Boldt machte direkt deutlich, was für eine Art Trainer er sucht. „Wir suchen einen Mann, der für Ruhe und Stabilität steht, mit dem Kontinuität zu erreichen ist.“ Worte, mit denen man Heckings Profil nicht besser beschreiben könnte.

HSV: Auch Schmidt als Trainer gehandelt

Auch der Name Roger Schmidt wurde am Freitag gehandelt. Mit dem Trainer des chinesischen Erstligisten Beijing Guoan arbeitete Boldt in Leverkusen erfolgreich zusammen. Einen Wechsel von Schmidt zum HSV schloss der neue Sportvorstand aber relativ klar aus, zumal der 52-jährige Trainer noch bis Ende des Jahres in Peking unter Vertrag steht und dementsprechend zu teuer wäre.

Auch die Entlassung von Becker kostet mal wieder viel Geld. Aber wie sagte Kontrollchef Köttgen: „Wenn wir das nicht bezahlen könnten, hätten wir anders entschieden.“