Volksparkstadion

Das Top-Trauerspiel: Wie viel kann der HSV Fans zumuten?

HSV-Fans am vergangenen Sonntag beim Spiel in Paderborn.

HSV-Fans am vergangenen Sonntag beim Spiel in Paderborn.

Foto: WOLFGANG RATTAY / REUTERS

Bis zu 85 Euro kosten Karten fürs Saisonfinale gegen Duisburg, das nun zum Gradmesser für die Beziehung zu den Fans wird.

Hamburg. Es war irgendwann im Dezember, als sich Lisa Wessels und ihre drei Freunde dazu entschlossen, ein Wochenende in Hamburg zu verbringen. Höhepunkt der Fahrt sollte der 19. Mai werden, die Aufstiegsparty im Volksparkstadion. Also bestellten sich die vier HSV-Fans aus Stavern bei Meppen im Emsland im Internet vier Tickets für das letzte Saisonspiel gegen den MSV Duisburg. Den Topspielzuschlag nahmen die Auszubildenden in Kauf. 58 Euro zahlten sie pro Karte für die Plätze im Block 15C, direkt unter dem Dach am Rande des Gästeblocks. Die teuersten Karten hätten sogar 85 Euro gekostet. „Wir haben uns wahnsinnig auf die Party gefreut", sagt Lisa Wessels. Doch aus der wahnsinnigen Vorfreude wurde wahnsinnige Verbitterung.

Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist klar, dass es nicht nur keine Aufstiegsfeier am letzten Spieltag geben wird. Sondern, dass es im letzten Saisonspiel auch nur noch um zweierlei geht: um die goldene Ananas. Und um die tragisch-traurige Frage, ob nun Duisburg oder der HSV die schlechteste Rückrundenmannschaft ist.

Doch wie reagieren die Fans, die bis zu 85 Euro für das erhoffte Happening zum Saisonende ausgegeben haben? „Wir werden einen vernünftigen Abschluss hinbekommen“, versichert Clubchef Bernd Hoffmann, schränkt aber ein: „Natürlich müssen wir ertragen, wenn der eine oder andere sagt, dass man sich das nicht mehr antun will.“

Wenige HSV-Fans machen von Rückgabe-Option Gebrauch

In den vergangenen Tagen hatte der HSV mehrfach darauf hingewiesen, dass enttäuschte Fans ihre bereits erworbenen Tickets bis Freitag zurückgegeben können – gegen eine Gebühr von vier Euro. Zur Überraschung aller wird von dem Angebot allerdings kaum Gebrauch gemacht – im Gegenteil. Mittlerweile gibt es sogar eine Nachfrage für die zurückgegebenen Karten. HSV-Fan Wessels kann das nicht verstehen. „Wir würden unsere Karten mit Kusshand abgeben“, sagt sie. Doch ihr Bekannter, der die Tickets über seinen Namen kaufte, sei im Ausland. Deswegen versucht sie nun, die Karten über Facebook und Ebay zu verkaufen. Ein fast unmögliches Unterfangen. Bislang gab es nur eine Rückmeldung. „Wenn wir noch einen Kasten Bier dazu kriegen, würden wir die Karten für geschenkt nehmen", schrieb ihr einer.

Man braucht schon ziemlich viel Bier, damit die HSV-Welt wieder in Lot wirkt. Doch Manfred Ertel setzt eher auf Kaffee als auf Gerstensaft. Es ist 9.30 Uhr am Morgen und der frühere HSV-Aufsichtsrat sitzt im Café May auf dem Kiez und frühstückt. Zwei halbe Brötchen mit Salami und zwei Becher Kaffee. Schwarz. Ohne Milch und Zucker.

Ziemlich schwarz sieht Ertel, der seit 35 Jahren eine Dauerkarte hat, auch für das kommende Wochenende. „Ich musste lange überlegen, ob ich am Sonntag ins Stadion gehe oder nicht. Ich bin einfach total frustriert über die Mannschaft, ihre fehlende Leidenschaft, die konzeptlosen Verantwortlichen und auch über den ideenlosen Trainer“, sagt der HSV-Supporter der ersten Stunde. „Eigentlich gehe ich am Wochenende nur hin, um mir die Reaktion der Mannschaft und des Publikums anzugucken.“

Hoffmann würdigt die Fans

Ein klassischer Fall von Katastrophentourismus. Dabei geht es für Ertel längst um mehr, als nur um einen anständigen Saisonausklang. „Dieses ganze selbstgefällige Gehabe um den ,großen HSV‘ muss endlich aufhören. Wer es immer noch nicht gemerkt hat: Der HSV ist kein großer Verein mehr. Sportlich nicht und auch nicht in seiner Struktur und Führung.“

Ertel, der anders als viele Mitstreiter von früher noch immer HSV-infiziert ist, prognostiziert: „Der HSV hat noch eine letzte Patrone: Die Verantwortlichen müssen es schaffen, den von allen herbeigesehnten Neuaufbau endlich einmal durchzuziehen und nachhaltig zu gestalten.“ Der frühere Kontrollchef nimmt einen großen Schluck Kaffee. „Zwei Chancen hat der Club schon verstreichen lassen: 2014 nach der Ausgliederung. Und 2018 nach dem Abstieg. Nun, nach dem Nicht-Aufstieg, ist es meiner Meinung nach die letzte Möglichkeit, einen wirklichen Neuaufbau zu starten. Die Fans würden da mitgehen.“

Ralf Becker erklärt das Aus für HSV-Trainer Hannes Wolf
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Doch hat der HSV verstanden? „Die Art und Weise wie die Fans zu uns stehen, ist unfassbar“, sagt Clubchef Hoffmann. „Das ist ein Phänomen.“

So war der Abpfiff nach dem 1:4 gegen Paderborn und der damit verbundene Nicht-Aufstieg nicht einmal 24 Stunden alt, als beim HSV sogar die Gründung eines neuen Fanclubs offiziell beantragt wurde. 15 unverbesserliche HSV-Fans in London hatten ein Formular auf der Geschäftsstelle eingereicht.

Gibt es erneut eine Trotzreaktion?

Auch nach dem Abstieg der vergangenen Saison gab es statt der erwarteten Austrittswelle eine alles andere als erwartete Eintrittswelle. Seitdem sind aus rund 78.000 Mitgliedern mittlerweile rund 88.000 Mitglieder geworden. Allerdings glaubt Manfred Ertel, dass selbst die unerschütterlichen HSV-Fans irgendwann genug haben könnten. „Es braucht Leute, dies ich mit dem Verein identifizieren und mit denen sich die Fans identifizieren können“, sagt er. „Und es braucht Entscheidungsträger, die eben nicht 85 Euro für eine Karte gegen den MSV Duisburg einfordern und die im Pokal gegen RB Leipzig plötzlich auf den Familienblock verzichten. Solche Entscheidungen bringen die Menschen auf die Palme.“

Auf diese längst hinaufgeklettert ist HSV-Fan Lisa Wessels. „Wir sind super wütend, dass der HSV das noch verbockt hat. Die sollen spüren, dass die Fans enttäuscht sind.“, sagt die 21-Jährige, die Mitglied im HSV-Fanclub Emsland-Raute ist. Sollte sie ihre Karten doch noch loswerden, hätte sie auch schon ein Alternativprogramm parat: „Wir schauen uns lieber die SG Stavern/Apeldorn in der Kreisklasse an. Der Fußball ist dort auch nicht schlechter.“

Und Manfred Ertel? Der wird sich wohl doch wider besseren Wissens eine Dauerkarte für die neue Saison kaufen. „Aus irrationalen Gründen“, wie er sagt. Und wegen seiner Frau Krista, die zwar St.-Pauli-Fan sei, auf die er aber trotzdem hören würde. „Meine kluge Frau hat gesagt: Verantwortliche, Trainer und Spieler kommen und gehen“, zitiert Ertel. „Aber der Verein bleibt. Zumindest im Herzen.“