HSV-Coach

Hannes Wolf: "Laptoptrainer? Das ist massiv oberflächlich!"

Wo spricht man mit dem Trainer? Natürlich in der Kabine: Hannes Wolf gab sein erstes Interview als Coach des HSV hinter den Kulissen des Volksparkstadions.

Wo spricht man mit dem Trainer? Natürlich in der Kabine: Hannes Wolf gab sein erstes Interview als Coach des HSV hinter den Kulissen des Volksparkstadions.

Foto: Mat Hennek / Witters

In seinem ersten Interview spricht der HSV-Coach über Vorurteile, Thesen von Mehmet Scholl und Ewald Lienen sowie Felix Magaths Kritik.

Hamburg. Treffpunkt für das erste Interview mit Neu-HSV-Coach Hannes Wolf ist dort, wo sich der gebürtige Bochumer am wohlsten fühlt: in der Kabine. Man glaubt es kaum, aber der gerade einmal 37-Jährige ist bereits seit 14 Jahren Trainer. Da wird es also höchste Zeit für ein grundsätzliches Gespräch über den Beruf des Fußballlehrers.

Hamburger Abendblatt: Herr Wolf, haben Sie derzeit das Gefühl, dass Fußball-Deutschland an die Wand fährt?

Hannes Wolf: Puh. Das ist ja mal eine konfrontative Einstiegsfrage. Die WM war natürlich nicht gut. Aber es steht mir überhaupt nicht zu, ein Urteil über den deutschen Fußball zu fällen.

Hintergrund der Frage ist die These von Mehmet Scholl vor ziemlich genau einem Jahr. Wortwörtlich sagte er, dass Systemtrainer wie Domenico Tedesco, Julian Nagelsmann und eben Sie aus dem Boden sprießen und der deutsche Fußball sein blaues Wunder erleben würde. Sind Sie so ein Systemtrainer?

Das ist doch, wie schon mit den Laptoptrainern, nur in einer Kategorie gedacht. Nur weil du einen Laptop anschalten kannst, sind die Menschen dahinter nicht mehr wichtig? Das ist massiv oberflächlich und polemisch. Daher ist es für mich auch nicht wichtig.

Haben Sie jemals mit Scholl über seine Thesen gesprochen?

Ich kenne Mehmet ganz gut, wir haben zusammen den Fußballlehrer-Lehrgang gemacht. Und ich mag den Typen Scholl auch. Aber er hat noch nie eine Trainingseinheit von mir gesehen. Er hat seit einigen Jahren keine Verantwortung mehr im Fußball. Seine Beurteilung ist daher nicht entscheidend für mich. Zu seinen Thesen nur so viel: Ich finde es auch schade, dass sehr viele gute Fußballer nicht Trainer werden. Da geht schon etwas verloren.

Demnach sehen Sie sich nicht als Systemtrainer?

Natürlich bin ich kein Systemtrainer. Es gibt im Fußball doch nicht nur einen Weg. Wenn ich den ganzen Tag über zum Beispiel ein defensives System trainieren lassen würde, dann würde der Begriff vielleicht zutreffen. Du kannst dir aber kein System ausdenken, mit dem du jeden Gegner aushebelst. So ein Wundersystem gibt es nicht. Ich schaue immer, was zu einer Mannschaft und zur Situation passt. Dabei habe ich schon fast alle Systeme gespielt in meinen 14 Jahren als Trainer.

Stichwort Erfahrung: Felix Magath hat neulich die Entscheidung kritisiert, einen jungen und unerfahrenen Trainer wie Sie beim HSV zu installieren. Haben Sie das mitbekommen?

Ein Fan hat mich auf der Straße darauf angesprochen (lacht). Ich habe das dann gelesen. Ich habe das eigentlich gar nicht als persönliche Kritik empfunden. Es ging um die grundsätzliche Frage, wie viele Jahre man als Trainer gearbeitet haben muss, um so einen Job beim HSV hinzubekommen. Er zählt meine Jahre als Nachwuchstrainer offenbar nicht dazu. Ich zähle sie dazu. Ich habe ja auch nicht oben an der Treppe angefangen. Ich habe mich von der Kreisliga über die Verbandsliga über den Nachwuchs in die Zweite Liga und dann in die Bundesliga gearbeitet. Es ist also nicht so, dass ich irgendetwas etwas geschenkt bekommen habe.

Wir hätten da noch einen Ex-Trainer, der die frühe Beförderung von jungen Trainern kritisiert hat: Ewald Lienen. Er hat kürzlich gesagt, die besten Trainer im Nachwuchs wären die, die über Jahre in diesem Bereich arbeiten. Als Beispiel nannte er Schalkes Norbert Elgert. Heutzutage würden die Nachwuchstrainer zu schnell in die Bundesliga befördert. Hat Lienen Recht?

Im ersten Punkt gebe ich ihm Recht. Besonders Elgert ist ein überragender Nachwuchstrainer. Kontinuität auf diesen Positionen hilft tatsächlich. Ich hatte in meinen ersten zwei Jahren im BVB-Nachwuchs vier Trainer-Jobs. Das war für mich zwar gut. Aber Du musst auch jeden Bereich erst einmal neu lernen. Erst als ich vier Jahre am Stück die U17 machen konnte, bin ich dort richtig angekommen. Dann kannst du deine Fähigkeiten in diesem Bereich steigern.

Um bei Lienen zu bleiben: Unterscheidet sich die Arbeit eines Jugendtrainers vom Profitrainer wesentlich?

Der inhaltliche Unterschied ist nicht so groß. Es ist immer Druck da, für die Spieler geht es um viel. Da hängen Träume dran. Ich habe es nie so empfunden, dass die Arbeit bei den Profis wichtiger ist. Du hast allerdings andere Themen drum herum. Statt mit Pädagogen redet man eben häufiger mit der Presse. Es interessiert jetzt mehr Leute, was ich mache.

Sie sind jetzt drei Wochen hier...

Gefühlt ein halbes Jahr (lacht)...

...hatten Sie mal die Gelegenheit, sich mit Ihrem Vorgänger Christian Titz auszutauschen?

Nein. Wir haben ja noch viele Jungs hier, die wissen, was vorher gemacht wurde. Da muss ich ihn in dieser Phase nicht anrufen. Ich verändere auch nichts, nur um etwas zu verändern.

Sie haben mehrfach die Arbeit Ihres Vorgängers und den guten Zustand der Mannschaft hervorgehoben. Wenn es anders wäre, würden Sie das dann auch sagen oder gehört sich das nicht unter Trainern?

Ich habe es gesagt, weil es die Wahrheit ist. Jeder hat gesehen, dass die Mannschaft fit und von innen heraus intakt ist. Damit meine ich aber auch den gesamten Bereich des Teams mit all seinen Mitarbeitern. Aber wäre es anders, würde ich es nicht sagen. Das gehört sich unter Trainern nicht.

Fehlt im öffentlichen Diskurs der Respekt gegenüber dem Trainerberuf?

Ja. Darüber will ich mich aber gar nicht beschweren. Am Ende wirst du daran gemessen, ob du gewinnst oder verlierst. Dass die Entscheidung, ob ein Spiel gewonnen wird, extrem komplex und eng ist, wird von außen nicht immer fair bewertet. Das ist das System. Dass das nicht immer die Realität abbildet, ist auch klar. Wenn man weiß, wie dieses System funktioniert, finde ich es nicht schlimm. Man darf das einfach nicht persönlich nehmen. Und das gilt sowohl für Lob als auch Kritik.

Sie haben nach den ersten Wochen und vier Siegen in vier Spielen viel Lob erhalten für Ihre Veränderungen. In der Analyse eines Taktik-Blogs hieß es nach dem Aue-Spiel, der HSV sei unter Hannes Wolf auf dem Weg zum Pressingmonster. Können Sie mit diesen Analysen etwas anfangen oder wird da zu viel hineininterpretiert?

Das ist wie mit den Buchinterpretationen im Deutschunterricht (lacht). Aber im Ernst: Ich finde es schon spannend und interessant, wie tief solche Analysen gehen. Und ja, wir wollen natürlich Bälle erobern und haben in Aue schon versucht, hoch anzulaufen. Aber der Begriff Pressingmonster ist mir nach so kurzer Zeit zu groß.

Müssen Sie sich als junger Trainer in der Kabine eigentlich Respekt verschaffen?

Darüber darfst du nicht nachdenken. Ich habe über Jahre meine Art entwickelt, mit Menschen umzugehen. Dann hast du ein Gefühl dafür, wie die Kabine funktioniert, wie die Menschen ticken. Du musst immer alle mit Respekt behandeln. Jeder Trainer hat seine eigene Art, seine eigene Persönlichkeit. Du musst viele Entscheidungen treffen. Dabei darfst du nicht in Ehrfurcht erstarren. Wenn du das erste Mal beim HSV in die Kabine kommst, ist natürlich eine Spannung da. Aber das ist ja auch ein schönes Gefühl.

Üben Sie Ihre Ansprachen?

Nein.

Sie machen sich Gedanken und entscheiden dann intuitiv?

Ja.

Haben Sie nicht mal ihre erste Ansprache beim VfB Stuttgart als Profitrainer vorher geübt?

Das erinnere ich gar nicht mehr so genau. Das Prinzip ist am Anfang aber immer gleich: Du solltest nicht zu viel auf die Spieler einreden. Ganz klar und auf den Punkt und dann erst einmal raus und trainieren. Daraus entwickeln sich dann die Themen, die du bearbeiten musst. So war es in Stuttgart, so war es beim HSV – und so war es auch bei der SG Eintracht Ergste in der Kreisliga.

Haben Sie eine Art Trainervorbild?

Ich werde oft nach Klopp und Tuchel befragt. Es waren in der Dortmunder Zeit aber nicht nur die beiden. Mit Lars Ricken hatte ich einen Chef mit einer unglaublichen Erfahrung. Aber auch die Athletiktrainer, die Psychologen, die Jugendtrainer – von allen konnte ich täglich lernen. Die gehen in der öffentlichen Wahrnehmung aber immer unter. Als Jugendlicher habe ich zu Ottmar Hitzfeld aufgeschaut. Aber auch Schalkes A-Jugendtrainer Norbert Elgert ist mit seinen Werten, für die er steht, ein Vorbild.

Gibt es aktuell einen Trainer, den Sie besonders spannend finden?

Es gibt vor allem sehr spannende Mannschaften. Ich finde zum Beispiel krass, wie Eintracht Frankfurt gerade spielt. Du weißt aber natürlich nicht, wie viel von Adi Hütter kommt und wie viel noch von Niko Kovac da ist. Daher ist die Frage zu komplex, um sagen zu können, welcher Trainer derzeit etwas besonders gut macht.

Fragen Sie bei jemanden wie Klopp fachlich nach? Oder beschränkt sich der Kontakt auf das Private?

Heutzutage beschränkt sich der Kontakt auf das Private, weil wir für eine fachliche Diskussion beide gar keine Zeit mehr hätten. Aber in der Vergangenheit haben wir das viel und gerne gemacht. Und im Sommer war ich beim Trainingslager von Liverpool am Genfer See. Da hatten wir dann endlich mal wieder richtig viel Zeit, dass wir auch fußballerisch diskutieren konnten.

Wie hospitiert man eigentlich? Haben Sie Jürgen Klopp einfach angerufen und gefragt, ob Sie ihm beim Training eine Woche lang über die Schulter gucken dürfen?

Genauso war es. Aber das ist ja auch nichts Ungewöhnliches. Jürgen wird sicherlich andauernd gefragt, ob man bei ihm hospitieren kann. Ich werde auch ab und an mal gefragt, mache das aber nur, wenn ich mir die Zeit auch nehmen kann. Bei Timo Wenzel in Stuttgart war das beispielsweise der Fall.

Haben Sie sich bei Klopp im Training was abgeguckt?

Natürlich habe ich mir bei Kloppo was abgeguckt. Wenn man sich nur anschaut, wie sich Borussia Dortmund in der Zeit entwickelt hat, als er dort war. Da wäre ich ja schön doof gewesen, wenn ich mir nicht maximal viel abgeguckt hätte.

Im Journalismus gibt es eine Redensart: Besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht…

Macht Sinn. Auch als Trainer kann man sich nur fortbilden, indem man von anderen lernt. Im Alltag ist das nur leider viel zu selten möglich. Aber in dieser Hinsicht hat mir zum Beispiel auch meine Auszeit gut getan, weil ich in dieser Zeit den Kopf mal frei hatte, um auch ganz viel Fußball zu schauen. Ich war vor der Beurlaubung in Stuttgart ja 14 Jahre am Stück Trainer. Und als Trainer hat man an jedem Wochenende das wichtigste Spiel überhaupt. Sich von diesem Druck mal für ein paar Monate zu befreien, tut einem schon gut. Man lädt unbewusst seine Energiereserven wieder voll auf.

Haben Sie auch mal in andere Sportarten reingeschnuppert?

Nein. Grundsätzlich macht das natürlich nicht dümmer. Aber man muss schon aufpassen, dass Fußball Fußball bleibt.

Sie sind während des Sportstudiums Trainer geworden. Gab es einen Plan B?

Ich habe früh gemerkt, dass mir der Trainerjob liegt. Ich habe aber mit 26 einen Landesligisten trainiert. Da hätte ich mich nicht getraut zu sagen, dass Trainer mal mein Beruf wird. Da gab es eher den Gedanken, eine halbe Stelle als Sportwissenschaftler auszuüben und abends eine Amateurmannschaft zu trainieren. Es war damals nicht planbar, wie weit es als Trainer geht.

Ihre Spielerkarriere wurde durch das Drüsenfieber und eine bakterielle Fersenverletzung gestoppt. Hätten Sie es sonst schon als Spieler in die Bundesliga geschafft?

Die Bundesliga wäre eng geworden. Zum Profi hätte ich es wohl geschafft.

Stimmt es, dass Sie mal an der Studenten-WM teilgenommen haben?

Jein. An der Studenten-EM. Die war in Rom. Und weil wir mit der Uni Bochum Deutsche Studentenmeister wurden, haben wir uns für die EM qualifiziert.

Und? Wie haben Sie abgeschnitten?

Wir waren in einer Gruppe mit Spanien, Italien und Finnland. Und leider haben wir den Gruppensieg und damit das Halbfinale durch eine Niederlage gegen Italien verpasst.

Kommen Sie heute noch zum Fußballspielen?

Ich habe in der Zeit nach Stuttgart viel gespielt. In der Halle, bei Ergste, meinem alten Verein. Die haben eine dritte Mannschaft. Zweimal die Woche Training. Es war schön, wieder Teil einer Mannschaft zu sein. Da geht es einfach nur um Fußball.

Ist das beim HSV anders?

Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Die Leute denken immer, dass es bei einem Verein wie dem HSV so viel drumherum gibt. Aber die meisten Sachen betreffen mich gar nicht. Ich versuche das bestmögliche Training zu machen und die Mannschaft bestmöglich einzustellen. Und dabei geht es nur um Fußball. Wenn ich an das Köln-Spiel denke, an Aue. Der HSV ist auch echter Fußball.

Zum Abschluss hätten wir dann doch noch eine letzte Mehmet-Scholl-Frage, auf die Sie gerne auch nur mit ja oder nein antworten können: Würden Sie sich freuen, wenn Mehmet Scholl Sie mal zum Bier einladen würde?

Wolf (lacht): Ja. Klar.