Nachwuchs

Ein interner Machtkampf lähmt die U21 des HSV

Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Das Verhältnis von Sportchef Ralf Becker (l.) und Nachwuchschef Bernhard Peters gilt als belastet

Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Das Verhältnis von Sportchef Ralf Becker (l.) und Nachwuchschef Bernhard Peters gilt als belastet

Foto: imago/Michael Schwarz

U21 nach drei Niederlagen in Folge unter Beobachtung. Sportchef Becker, knapp 100 Tage im Amt, will nun Entscheidungen treffen.

Hamburg.  Am Mittwochabend könnte der HSV wieder für etwas Ruhe sorgen. Dann findet die verlegte Begegnung statt. Nicht die Partie der Profis bei Dynamo Dresden. Sondern das Spiel des HSV II bei Eintracht Norderstedt. Auch Sportvorstand Ralf Becker will sich die Partie anschauen. Und das hat vor allem einen Grund: Es ist unruhig geworden rund um den Nachwuchs des HSV.

Insbesondere die U21 bereitet Sorgen. Nach der 0:1-Niederlage am Sonntag gegen den VfB Lübeck ist die Regionalligamannschaft auf einen Abstiegsrang abgerutscht. Genau ein Jahr nachdem der HSV II unter Trainer Christian Titz mit einem überzeugenden 2:0-Sieg gegen Lübeck durch zwei Tore von Matti Steinmann an die Tabellenspitze stürmte, stürzte das Team von Steffen Weiß am Sonntag in die Krise.

Peters: Becker trägt Verantwortung

Vor den Augen von Titz und auch Steinmann, die beide im März zu den Profis aufstiegen, verlor die U21 am Sonntag das dritte Spiel in Folge. „Es ist eine schwierige Situation“, sagte Trainer Weiß. Und spätestens seit der Niederlage gegen Lübeck wird die Frage diskutiert: Wer übernimmt für die Krise der U21 die Verantwortung?

Nachwuchsleiter Bernhard Peters verwies auf mehrfache Nachfrage an den Sportvorstand des HSV, Ralf Becker. Der trägt seit seinem Amtsantritt die Gesamtverantwortung für den Sport – und machte schon im Mai bei seiner Präsentation im Aufsichtsrat deutlich, dass eine Zusammenarbeit mit Peters schwierig werden könnte.

Mit der U21 konnte sich Becker, am Mittwoch 100 Tage im Amt, bislang aber kaum beschäftigen. Gegen Lübeck schaute sich der 47-Jährige die Amateure erstmals live an. „Die Priorität lag bis zum Ende der Transferperiode klar bei der ersten Mannschaft“, sagte Becker. „Wir werden uns in den kommenden Wochen noch intensiver mit der Situation auseinandersetzen.“

Hoffmann sieht Kosten für Nachwuchs kritisch

Auch Bernhard Peters sah sich das Spiel gegen Lübeck an der Hagenbeckstraße auf der Tribüne an. Von Sportvorstand Becker trennte ihn in der Sitzreihe nur Nachwuchschefscout Benjamin Scherner. Viel zu sagen hatten sich Peters und Becker dennoch nicht. Nachdem Peters vor drei Monaten auf Beckers Anweisung sein Büro auf der Geschäftsstelle im Stadion räumen musste und in den Campus zog, scheint sich die Chemie zwischen den beiden nicht nachhaltig verbessert zu haben.

Verantwortung für den Fehlstart der U21, die innerhalb des Clubs als wichtigste Ausbildungsmannschaft eingestuft wird, will daher aktuell keiner übernehmen. Auch Bernd Hoffmann nicht. In seiner ersten Amtszeit hatte der Clubchef die Nachwuchsabteilung vor zehn Jahren mal öffentlich als „Geldvernichtungsmaschine“ bezeichnet. Das würde er heute wohl nicht mehr tun.

An Hoffmanns Grundeinstellung dürfte sich aber nicht allzu viel verändert haben. Seine Rechnung: Finanzieller Aufwand und Ertrag in Form von Spielminuten der eigenen Talente im Profibereich passen nicht zusammen.

U21-Coach Weiß leidet unter Machtkampf

Das dürfte auch erklären, warum sein Vorstandskollege Becker in diesem Sommer einer größeren Investition in den Nachwuchsbereich eine Absage erteilte. Peters und NLZ-Leiter Dieter Gudel wollten nach Abendblatt-Informationen zur neuen Saison den Etat für das Nachwuchsleistungszentrum erhöhen. Der Vorstand lehnte ab. Das Budget blieb gleich. Ob diese Abfuhr zu einem Dissens führte? Offensichtlich ist: Es gärt im Nachwuchs des HSV.

Leidtragender ist vor allem die U21 um Trainer Steffen Weiß. Der 29-Jährige, den Peters vor zwei Jahren aus Halle nach Hamburg holte und der im März überraschend Nachfolger von Titz in der U21 wurde, wirkt in der aktuellen Konstellation hilflos.

Weiß war bis März noch Co-Trainer der U 16 von Trainer Bastian Reinhardt. Dass er plötzlich das Flaggschiff des HSV-Nachwuchses trainierte, lag vor allem daran, dass kein anderer die Aufgabe übernehmen wollte. Weder Reinhardt noch U-19-Trainer Daniel Petrowsky. U-17-Coach Pit Reimers kam aufgrund seines Lehrgangs zum DFB-Fußballlehrer nicht infrage.

Welche Konsequenzen zieht Becker?

Nachdem Titz zu den Profis befördert wurde und die besten Spieler wie Steinmann mit nach oben nahm, war allen klar, dass man mit der Übernahme der U21 nur schlecht aussehen könne. So fiel die Wahl letztlich auf Weiß. Im Sommer war es dann vor allem Titz, der sich dafür einsetzte, dass Weiß weiterhin die Regionalligamannschaft betreut. Die beiden verstehen sich gut. Weiß schreibt auch als Autor für das E-Book-Portal „Coachingzone“ von Titz.

In der U21 versucht Weiß die Spielidee von Titz fortzuführen. Im Gegensatz zu den Profis sorgte der riskante Spielaufbau gegen Lübeck nun aber schon zum dritten Mal in Folge zu Gegentoren. Haarsträubende Fehlpässe ließen den weit aufgerückten Torhüter Morten Behrens bei den drei jüngsten Niederlagen schlecht aussehen. Weiß leidet zudem darunter, dass er unter der Woche nur einmal mit der Spieltagsformation trainieren kann, da in der Regel erst am Ende der Woche entschieden wird, welche Profis zur U21 gehen.

Aber auch Weiß selbst steht unter Druck. Ob der junge Trainer schon die nötige Persönlichkeit ausstrahlt, die sich Becker von den Nachwuchstrainern erwünscht, wird der Sportvorstand nun selbst beobachten. Am vergangenen Mittwoch hatte Becker auf einer internen Klausurtagung angekündigt, sich nach dem Ende der Transferperiode verstärkt um den Nachwuchs zu kümmern und sich ein klares Bild zu machen. Wer Becker beim HSV bislang erlebt hat, der weiß, dass er danach auch schnelle Entscheidungen treffen wird.