32. Spieltag

Reizthema Kinderreporter? HSV gelassener als Wolfsburg

HSV-Trainer Titz und das "Säbelrasseln" vor Wolfsburg

Die Pressekonferenz des Hamburger SV vor dem richtungsweisenden Bundesligaspiel beim VfL Wolfsburg.

Beschreibung anzeigen

VfL wirkt vor dem Abstiegskrimi deutlich nervöser als die Gäste. Die Entwicklungen der beiden Nordclubs werfen viele Fragen auf.

Hamburg.  Es war nur eine Randnotiz in einer Presseeinladung. Doch die unterschiedliche Großwetterlage in Wolfsburg und beim HSV hätte diese kleine Notiz nicht besser verdeutlichen können. Die Medienchefin des VfL hatte darin am Donnerstag ausdrücklich darauf hingewiesen, dass an der offiziellen Pressekonferenz mit Trainer Bruno Labbadia vor dem Spiel gegen den HSV am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) keine Kinder teilnehmen dürfen, die im Rahmen des deutschlandweiten Zukunftstags beim Bundesligisten zu Besuch seien.

Im Medienraum des Volksparkstadions saßen dagegen zum selben Zeitpunkt gleich 50 Schüler, die Christian Titz mit Fragen löcherten. Rund 20 Minuten nahm sich der HSV-Trainer Zeit, die Fragen der Nachwuchsjournalisten zu beantworten. Ob er bald mal gerne gegen St. Pauli spielen würde, wurde Titz etwa von einem forschen Jungreporter befragt. Großes Gelächter. „Natürlich nicht“, gab ein entspannter Titz zu Protokoll. Schließlich würde das bedeuten, dass der HSV dann absteigt.

Kinder fragen Titz: "Holtby ist mein Lieblingsspieler"
Kinder fragen Titz: "Holtby ist mein Lieblingsspieler"

Heldt-Transfer nach Wolfsburg geplatzt

Gelöste Atmosphäre in Hamburg, gereizte Stimmung in Wolfsburg. Angesichts der Tabellenlage in der Fußball-Bundesliga mutet es schon etwas kurios an, wie sich die beiden Clubs vor dem direkten Duell präsentieren. Schließlich kann der VfL Wolfsburg mit einem Heimsieg dafür sorgen, dass der HSV in der kommenden Saison möglicherweise tatsächlich gegen den FC St. Pauli spielen muss. „Wenn wir verlieren, sind wir weg. Wenn wir gewinnen, sind wir wieder dran“, bringt es Titz treffend auf den Punkt.

Sollte der HSV erstmals seit sieben Jahren wieder in der Volkswagen-Arena gewinnen, könnten die Hamburger bis auf zwei Punkte an Wolfsburg heranrücken. Die Chancen dafür stehen nicht so schlecht. Denn die Nerven beim VfL sind angespannt. Mitten in die sportliche Krise platzte am Donnerstag auch noch die Nachricht, dass der sicher geglaubte Transfer von Manager Horst Heldt von Hannover 96 nach Wolfsburg nicht zustande kommt.

Kompetenz-Gerangel in beiden Clubs

Was aktuell bei den Niedersachsen passiert, hat der HSV in dieser Saison bereits hinter sich. Denn auch der aktuelle Aufwärtstrend in Hamburg kann nicht darüber wegtäuschen, dass sich am Sonnabend erneut die beiden größten Enttäuschungen der Bundesliga-Saison gegenüberstehen. Bereits vor einem Jahr stritten sich die beiden Nordclubs um diesen inoffiziellen Titel. Der HSV zog am letzten Spieltag durch den 2:1-Sieg gegen Wolfsburg am VfL vorbei, der sich wiederum in der Relegation gegen Braunschweig rettete.

Zwölf Monate später sieht die Lage ähnlich aus. Wieder kämpfen beide Clubs ausschließlich ums Überleben. Ihre Saisonziele werden sowohl der HSV (Platz zwölf) als auch der VfL Wolfsburg (einstelliger Tabellenplatz) verfehlen. Mal wieder. Auf der Suche nach Gründen lassen sich bei beiden Nordclubs Parallelen finden. Dabei geht es viel um interne Machtkämpfe, Ränkespiele um Posten und persönliche Karrieren. Und es geht um die Frage: Wer ist hier eigentlich der Chef?

VfL gab das drittmeiste Geld aus

Mit Frank Wettstein bekleidet im Volkspark aktuell der dritte Vorstandsvorsitzende in zwei Jahren das Amt des Chefentscheiders. In einem komplizierten Geflecht aus Vorstand, Aufsichtsrat und Investor Klaus-Michael Kühne wurde in den vergangenen Jahren eine Fehlentscheidung nach der nächsten getroffen. Ein Zustand, den der neue Präsident und Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann nun auslösen will. Aktuell aber gibt es noch mehr Fragezeichen als Lösungen.

Ähnlich sieht es in Wolfsburg aus. Der VfL, 2015 immerhin noch Pokalsieger und Vizemeister, hat den HSV in der Kategorie häufigste Trainerwechsel bereits überholt. Nur beim VW-Club (fünf) arbeiteten in den vergangenen zwei Jahren mehr Cheftrainer als in Hamburg (vier). Auch im Geldverbrennen hat der VfL den HSV abgelöst. Nur Borussia Dortmund und Bayern München gaben in den vergangenen zwei Jahren ligaweit mehr Geld für neue Spieler aus als Wolfsburg (144,30 Millionen Euro). Der HSV (63,95 Millionen Euro) rangiert in diesem Zeitraum auf Rang acht. Das Ergebnis der Investitionen ist in Hamburg dasselbe wie in Wolfsburg: zweimal Abstiegskampf.

Wettstein setzt auf Talente

Während beim VfL noch niemand vorhersagen kann, was ein möglicher Abstieg für Folgen hätte, laufen die Planungen des HSV für die Zweite Liga bereits seit Wochen. Ein Umdenken scheint nach Jahren zumindest stattgefunden zu haben. Der Weg, den Trainer Titz eingeschlagen hat, soll fortgeführt werden: Das konsequente Einsetzen von Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. „Das war vor vier Jahren noch nicht möglich. Der Talentepool ist erst jetzt da“, sagt Vorstandschef Wettstein. „Das ist jetzt der einzig richtige Weg, den wir da gehen.“

Im NDR ergänzte Wettstein: „Wir sind vielleicht viele Jahre zu spät unterwegs.“ Eine späte Einsicht. In Wolfsburg wird sich zeigen, ob sie für die Rettung zu spät kommt.