HSV

Wer kommt überhaupt für die Zweite Liga infrage?

Abendblatt-Reporter Kai Schiller und Stefan Walther analysieren die aktuelle Situation beim HSV und werfen einen Blick in die Zukunft.

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Während sich Köln bereits für den Wiederaufstieg aufstellt, droht dem HSV bei Abstieg das Chaos. Nicht nur die Kaderfrage ist offen.

Hamburg. Die Fußball-Bundesliga steht vor dem Verlust zweier Gründungsmitglieder und Zugpferde. Nach dem 25. Spieltag scheint sowohl der Abstieg des 1. FC Köln (Platz 18) sowie der erstmalige Niedergang des Hamburger SV (17.) kaum noch abzuwenden zu sein. Doch während sich in Köln mit Geschäftsführer Armin Veh ausgerechnet ein ehemaliger HSV-Trainer bereits handlungsfähig gibt und die Fäden für die Mission sofortiger Wiederaufstieg spinnt, sind die Verantwortlichen im Volkspark von diesem Vorhaben meilenweit entfernt.

Der HSV kann für die 2. Bundesliga planen, weiß aber nicht, wer das übernehmen soll. Nach dem ernüchternden 0:0 im Abstiegs-Endspiel gegen Mainz gibt selbst die Führung des dienstältesten Bundesligisten die Hoffnung auf den Klassenverbleib auf. Der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen appellierte, "nicht zu stark in die Resignation zu gehen". Sein Rat: "Wir sollten uns ein wenig damit abfinden, wenn der Fall eintritt, dass es zum Sport gehört.“ Er selbst wolle darauf einwirken, "dass das Ganze nicht zu chaotisch wird“. Es bestehe noch eine Restchance, betonte er, aber die Planungen für die 2. Liga liefen.

Bilder vom Spiel gegen Mainz:

Bruchhagen, Todt und Hollerbach als "Lame Ducks"

Spielt der HSV zweitklassig, dürfte Bruchhagen allerdings weg sein. Zwar wolle er sich nicht vor der Verantwortung drücken, wie der erfahrene Funktionär stets betont. Doch der Vorstandschef weiß, dass der Aufsichtsrat ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr will. „Alles, was für den HSV gut ist, unterstütze ich“, meinte Bruchhagen und akzeptiert damit auch ein vorzeitiges Ende seines bis 2019 laufenden Vertrages. Das zumindest ist das Begehren des stellvertretenden Ratsvorsitzenden Bernd Hoffmann. Noch schneller möchte Hoffmann Sportchef Jens Todt loswerden. Doch über diese Position entscheidet nicht der Aufsichtsrat, sondern der Vorstand.

Aber wer soll den erstmaligen Aufschlag des Dinos in der 2. Liga und vor allem die Rückkehr ins Oberhaus planen? Abschiedskandidat Todt im Verbund mit Wohl-bald-nicht-mehr-Trainer Bernd Hollerbach? Beim Hamburger SV herrscht Untergangsstimmung in allen Bereichen. Was zunächst eingetütet werden muss, ist bis zum 15. März der Lizenzantrag für die 2. Liga.

Die sei laut Finanzchef Frank Wettstein kein Problem. Bruchhagen räumte jedoch ein, dass dafür Einnahmen aus Transfers notwendig sind. Dabei muss man wissen, dass die Verträge von nahezu allen HSV-Profis auch im Abstiegsfall ihre Gültigkeit behalten – der Club im Normalfall allerdings 40 Prozent der jeweiligen Gehaltskosten einsparen würde. Unabhängig davon stünden alle Leistungsträger, für die es trotz des Abstiegs noch eine Nachfrage gibt, zum Verkauf.

Acht HSV-Verträge laufen aus

So muss der HSV die Offensivkräfte Filip Kostic und André Hahn, die Brasilianer Walace und Douglas Santos, Mittelfeldspieler Albin Ekdal, Abwehrchef Kyriakos Papadopoulos sowie Riesentalent Jann-Fiete Arp (Martwert laut transfermarkt.de: 7,5 Millionen Euro) versilbern. Bei Nicolai Müller, Dennis Diekmeier, Gotoku Sakai, Aaron Hunt, Lewis Holtby, Bjarne Thoelke (noch kein Bundesligaeinsatz), Sven Schipplock, Sejad Salihovic und Ersatztorhüter Andreas Hirzel laufen die Verträge aus. Die einen will der HSV nicht mehr, die anderen kann er sich bei einem Abstieg nicht leisten. Mit Diekmeier hat der erste Profi die Verhandlungen bereits abgebrochen. Der glücklose Bobby Wood, neben Holtby einer der Topverdiener, hat zwar noch einen Vertrag bis 2021, doch zu deutlich verringerten Bezügen wird er nicht bleiben wollen.

Kommentar: Der HSV muss um seine Fans kämpfen

Auch die verliehenen Pierre-Michel Lasogga, der beim englischen Zweitligisten Leeds United in 23 Spielen schon zehnmal getroffen hat, und der einst als Messi-Verschnitt gefeierte Alen Halilovic (derzeit bei UD Las Palmas) sollen möglichst hohe Transfererlöse einbringen. Halilovic würde allerdings erst auf den Markt kommen, wenn der spanische Erstligist die Kaufoption über fünf Millionen Euro verstreichen lassen sollte. Die Hamburger müssen in der 2. Liga vom derzeitigen Gehaltsetat von 55 Millionen runter auf 30 bis 33 Millionen Euro. Insgesamt soll sich der Bundesliga-Dino mit rund 105 Millionen Euro im Minus befinden. Gut möglich, dass für die Zweitliga-Lizenz Investor Klaus-Michael Kühne ein weiteres Mal angepumpt werden müsste. "Um im Rahmen der Lizenzierung eine Zweitliga-Mannschaft zu planen, sind auch Transfererlöse notwendig", hatte Bruchhagen am Sonntag gesagt.

Offene Fragen bei den Jungprofis

Und welche jüngeren Profis sollen das Zukunftsbild eines Zweitligisten HSV prägen? In Regionalliga-Torjäger Törles Knöll hat der Verein gerade einen hoffnungsvollen U-Nationalspieler zum mutmaßlichen Erstliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg ziehen lassen. Was mit Leihspieler Finn Porath geschieht, der für Unterhaching in der Dritten Liga inzwischen Tor um Tor erzielt, ist unklar. Mit den A-Jugend-Talenten Josha Vagnoman (17) und Stephan Ambrosius (19/bislang drei Nominierungen für den Bundesligakader).

Halten möchte der Verein auch Gideon Jung, Rick van Drongelen, Luca Waldschmidt und Julian Pollersbeck, der vergangenen Sommer als frisch gebackener U-21-Europameister für 3,5 Millionen von 1. FC Kaiserslautern geholt worden war. Ob Letzgenannte sich aber 2. Liga und Gehaltskürzungen antun wollen oder eine deutlich besser dotierte Erstliga-Karriere vorziehen – wer weiß das schon? Bruchhagen: "Egal wie die Sache ausgeht, wir müssen eine gewisse Disziplin wahren.“