Abstiegs-Angst

Der HSV braucht wieder „Helden“ und „Retter“

Anthony Yeboah traf 1998 zum entscheidenden 2:1 gegen Werder Bremen. Der jetzige HSV-Sportchef Jens Todt ist am Boden

Anthony Yeboah traf 1998 zum entscheidenden 2:1 gegen Werder Bremen. Der jetzige HSV-Sportchef Jens Todt ist am Boden

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

In 55 Jahren Bundesliga stand der Club öfter vor dem Abstieg – bisher wurden die Endspiele immer gewonnen.

Hamburg.  André Hahn, obwohl erst seit dem Sommer als Profi in Hamburg tätig, hat ein bislang geltendes Gesetz der Fußball-Bundesliga schon verinnerlicht: „Wir sind der HSV, wir haben es immer geschafft.“ Sagte der Stürmer nach dem 0:1 am vergangenen Sonnabend bei Werder Bremen, das die Rettung vor dem ersten Abstieg der 131-jährigen Vereinsgeschichte noch unwahrscheinlicher erscheinen lässt. Damit das alte Branchengesetz seine Gültigkeit nicht verliert, ist also ein Sieg an diesem Sonnabend (15.30 Uhr) gegen Mainz 05 praktisch Pflicht.

„Wir haben es selbst in der Hand“, sagt Trainer Bernd Hollerbach. Mit drei Punkten würde sein Team wieder auf vier Zähler an die Rheinhessen auf dem Relegationsplatz heranrücken. Es ist also tatsächlich ein „Schicksalsspiel“, ein Finale, die wohl letzte Chance.

Nach Waldschmidts Siegtor stürmten die HSV-Fans in den Inneraum

Wieder einmal. Bei 55 Jahren Bundesliga gab es einige dieser Partien. Spiele, die Weichen gestellt, „Helden“ geboren und „Retter“ hervorgebracht haben. Wie vor einem Jahr, als Luca Waldschmidt in der 88. Minute des letzten Saisonspiels zum 2:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg einköpfte und die Niedersachsen in die Relegation schickte. „Es ist geil, in ein Spiel zu kommen und dann das entscheidende Tor zu machen. Das war überragend.“ Persönlich genutzt hat dem 21-Jährigen dieses Erfolgserlebnis nicht, trotz der notorischen Angriffsschwäche ist er weit von einem Stammplatz entfernt. Unter Hollerbach saß er nur gegen Hannover ohne Einsatz auf der Bank, gegen Mainz gehört er immerhin zum 18er-Kader.

Nach seinem Siegtor an einem herrlichen Frühlingstag 2017 stürmten die HSV-Fans nach der Rettung voller Euphorie den Innenraum. Das war auch am 12. Mai 1990 so, als am letzten Spieltag ein Sieg gegen Waldhof Mannheim zur Rettung gebraucht wurde. Bis zur 88. Minute mussten die Fans zittern, dann traf Jan Furtok. „Es war ein unfassbar emotionaler Tag“, erinnerte sich der Pole später in der „Hamburger Morgenpost“, „es ist eine Riesenanspannung von uns abgefallen.“ Wie bei den Fans – später wurden welche beobachtet, die versuchten, eine Torlatte in Stellingen in die S-Bahn zu quetschen.

Unvergessen als Retter ist Dirk Weetendorf

Zwei Jahre danach steckte der HSV wieder ganz unten im Tabellenkeller. Am 9. Mai kam es zu einem „Endspiel“ gegen Hansa Rostock. Der HSV gewann am vorletzten Spieltag mit 1:0. Torschütze war ein gewisser Emerson in der 66. Minute, zwölf Minuten nach seiner Einwechslung. Es war das vierte und letzte Spiel des jungen Brasilianers – und sein einziges Tor.

Unvergessen als Retter ist dagegen Dirk Weetendorf. Der damals 24 Jahre alte Stürmer aus der HSV-Amateurmannschaft köpfte am 24. Mai 1997 beide Tore zum 2:1-Erfolg gegen Borussia Dortmund. Der HSV war 15. und musste gewinnen, um sicher gerettet zu sein. Zwei Spieltage zuvor war wegen der Abstiegsgefahr Trainer Felix Magath entlassen worden und Interimscoach Ralf Schehr übernahm. Der HSV hatte das große Glück, dass der BVB vier Tage später im Champions-League-Finale gegen Juventus Turin stand und nicht mehr alles aus sich herausholte. „Es war eines meiner besten Profispiele“, erinnerte sich Weetendorf, „Rodolfo Cardoso schlug zwei großartige Flanken, die ich einnickte. So einfach war das.“

Legendär: Yeboahs Siegtreffer in der 90. Minute

Legendär ist auch die wohl für die Rettung entscheidende Partie gegen Werder Bremen am 27. März 1998. Anthony Yeboah schoss nach 14 Spielen ohne Tor den 2:1-Siegtreffer in der 90. Minute. Danach lagen sich der Ghanaer und Trainer Frank Pagelsdorf weinend in den Armen. „Wir standen mit dem Rücken zur Wand“, weiß Pagelsdorf, „ich musste weinen, weil ich mich so für Tony gefreut habe.“

Am 31. März 2012 wurde Marcell Jansen zum entscheidenden Spieler im Abstiegskampf. Am 28. Spieltag gastierte der HSV als 16. bei Schlusslicht 1. FC Kaiserslautern. Sechs Spiele hatte der HSV zuvor nicht gewonnen. „Wir hatten in den Tagen davor immer im Kopf, dass es ein ganz entscheidendes Spiel für die Saison werden kann“, erzählt der heutige HSV-Aufsichtsrat Jansen. „Das war ein großer Druck."

Jetzt muss irgendein HSV-Spieler zum Retter werden

Allen war bewusst, worum es ging. Es wäre sonst sehr schwer geworden.“ Nach einem entsprechend nervösen Beginn traf der Außenverteidiger in der 24. Minute zum 1:0-Sieg. „Die Situation ist mit jetzt vergleichbar. Mit einem Sieg bist du auf vier Punkte ran und hast dann noch neun Spiele.“

Außerdem: 2009/10 hatte Hannover 96 zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls 17 Zähler auf dem Konto und rettete sich. 2012/13 hatte 1899 Hoffenheim sogar nur 16 Punkte und schaffte noch den Klassenerhalt. Hoffnung ist also noch erlaubt. Nur muss dafür irgendein HSV-Spieler jetzt zum Retter werden – von dem man dann in Jahren noch erzählt.