Auswärtsfans

HSV-Abstieg würde Bundesligastädte Millionen kosten

Die Anhänger des HSV lasten seit Jahren die Gästeblocks in auswärtigen Stadien zu fast 100 Prozent aus

Die Anhänger des HSV lasten seit Jahren die Gästeblocks in auswärtigen Stadien zu fast 100 Prozent aus

Foto: Witters

Der Dino ist auch für die anderen Clubs aus dem Oberhaus ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Auch Bremen müsste ein HSV-Abgang leid tun.

Hamburg.  Der Sonderzug nach Frankfurt ist schon lange ausverkauft. In wenigen Minuten nur waren Ende Januar die rund 250 Karten für das Auswärtsspiel des HSV bei der Eintracht und die Fahrt im „eigenen“ Zug dorthin vergriffen. Die Fans sind treu, und sie sind viele. Auch deshalb würde ein Abstieg des „Dinos“ nicht nur die Stadt Hamburg treffen, sondern die gesamte Deutsche Fußball Liga (DFL) und all die Städte, in denen Erstligafußball geboten wird. Reisende bringen Geld mit. Fußballfans sind ein Wirtschaftsfaktor.

Möglicherweise – oder eher wahrscheinlich – ist die finale Auswärtspartie der laufenden Saison am 5. Mai in Frankfurt eine historische. Es ist der 933. Auftritt eines HSV-Teams in 55 Jahren Erster Liga. Und es wäre der letzte, wenn der sportliche Gau tatsächlich eintritt. Dennoch wollen zahlreiche Anhänger dabei sein. Oder gerade deswegen.

Die HSV-Fans begleiten ihr Team treu auch in die fernsten Winkel der Republik, von Freiburg bis Bremen, von München bis Berlin. „Wir wissen, dass unsere Fans eigentlich immer fast das komplette Gästekontingent bei Auswärtsspielen abgenommen haben“, sagt Joachim Ranau, der Leiter Fanbetreuung beim HSV, „und zwar unabhängig vom jeweiligen Saisonverlauf.“

HSV-Fans belegen Rang vier

Dass die Fans der viel beschriebenen Traditionsvereine in wesentlich größerer Zahl ihre Teams begleiten, ist keine Erfindung von Nostalgikern und Retortenclubgegnern, sondern belegte Tatsache. Im Durchschnitt sind in der laufenden Spielzeit 4750 Fans mit dem HSV zu den Auswärtsspielen gefahren. Damit war das verfügbare Auswärtskartenkontingent (zehn Prozent des Fassungsvermögens der Stadien) zu 95,8 Prozent ausgelastet. Das bringt den HSV im Auswärtsfahrer-Ranking derzeit tatsächlich auf Platz vier.

Mehr Anhänger begleiteten nur Schalke 04 (5792), Borussia Dortmund (5500) und Bayern München (5421) zu den Gastspielen ihrer Vereine. „Bei unserer Zahl sind viele auswärtige Fans, die aus der Region des Auswärtsspiels stammen, nicht mal erfasst“, sagt Ranau. „Sie können ihre Karte vor Ort kaufen und stehen dann auch nicht im Gästeblock.“

Die große Zahl der Mitreisenden ist ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Durchschnittlich geben Gästefans, die ausschließlich das Spiel besuchen, neben den Kosten für die Eintrittskarten etwa 40 Euro in der fremden Stadt aus. Für Bier, Würstchen, Fanartikel und so weiter. Auf den HSV umgerechnet bedeutet dies, dass pro Saison rund 3,2 Millionen Euro in den Auswärtsstadien allein durch den Konsum der Fremdfans umgesetzt werden.

Hoteliers freuen sich über HSV-Fans

Erschwerend kommt hinzu, dass auch der 1. FC Köln in der Zweiten Liga zu verschwinden droht, der durchschnittlich 4558 Auswärtsfans mitbringt. Die Bundesliga verliert auf einen Schlag Stadionbesucher aus der zweit- und viertgrößten deutschen Großstadt. Auch vor den Fernsehschirmen sind der HSV und Köln gewichtige Magneten.

Beim Pay-TV-Sender Sky, einer der größten Bundesliga-Finanziers, belegen der HSV (Platz 6) und Köln (7) obere Plätze im Einschaltquoten-Ranking. Das Abstiegsderby der Hamburger vom vergangenen Sonnabend bei Werder Bremen schalteten 1,19 Millionen Fans ein, so viele wie noch nie.

In Bremen haben die Einzelhändler in der Innenstadt festgestellt, dass bei Heimspielen des SV Werder am Sonnabend um 15.30 Uhr die Umsätze durch Gästefans signifikant steigen. Das ist typisch für die meisten Städte der Erst-, aber auch Zweitligisten.

In Mönchengladbach und Dortmund sind bei Heimspielen die wenigen Hotels praktisch ausgebucht. „Fußball ist in der Lage, den Städten und Regionen etwas zu geben“, sagt DFL-Präsident Reinhard Rauball. Und meint die Wertschöpfung.

HSV-Intensivfan gibt 2299 Euro pro Saison aus

Insgesamt 7,9 Milliarden Euro hat die DFL in der Bundesliga und Zweiten Liga laut der letzten Untersuchung der Unternehmensberater von McKinsey in der Saison 2013/14 generiert. Davon entfallen rund 1,8 Milliarden auf die Clubs und die DFL – der Rest auf Zulieferer, Vermarkter und andere Unternehmen, die vom durch Fußball ausgelösten Konsum profitieren.

In dem Bericht heißt es: „Jeder Euro Wertschöpfung bei den Clubs generiert 2,60 Euro bei anderen Systembeteiligten aus der deutschen Wirtschaft.“ Mehr noch: Rund 54.000 Jobs hingen laut DFL direkt oder indirekt vom Profifußball ab.

Auf Nachfrage sah sich die DFL zwar nicht in der Lage, diese beeindruckenden Zahlen auf den HSV herunterzubrechen. Stattdessen hat das Unternehmen PR Marketing in seinem aktuellen „Fankosten-Index“ zur Fußball-Bundesliga errechnet, dass ein typischer Intensivfan des HSV mindestens 2299 Euro pro Saison ausgibt.

Aufgeschlüsselt heißt das: 1145,90 Euro für Bahnfahrten, 400,75 Euro für Verzehr, 650,70 Euro für Eintritte und 102,45 Euro für ein Fantrikot. Tendenz steigend. Die Bundesliga wird in der kommenden Saison merken, wenn der HSV nicht mehr da sein sollte.