E-Mail-Affäre

HSV-Führung sollte weg: Was hinter dem Putschversuch steckt

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Kai Schiller
Ein Trio ohne vier Fäuste: Finanzvorstand Frank Wettstein, Sportchef Jens Todt und Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen (v. l.)

Ein Trio ohne vier Fäuste: Finanzvorstand Frank Wettstein, Sportchef Jens Todt und Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen (v. l.)

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Während im Aufsichtsrat nach der undichten Stelle gesucht wird, hat die Führungskrise den Vorstand des HSV erreicht.

Hamburg.  Normalerweise ist An­dreas Peters ein Vertreter der leisen Töne. Der Noch-Aufsichtsratschef des HSV ist zurückhaltend, sachlich und ruhig. Doch mit der Ruhe war es am Freitagmorgen zunächst einmal vorbei. Er habe „überhaupt kein Verständnis“, ließ der Anwalt in einer Rundmail an seine Ratskollegen wissen, dass am Vortag eine interne E-Mail seines Kollegen Felix Goedhart öffentlich wurde. Das Wort „kein“ hatte Peters dick unterstrichen.

Hintergrund von Peters’ erhobenem Zeigefinger via Mail war, dass am Freitag Hamburgs größte Zeitungen – auch das Abendblatt – über einen Putschversuch Goedharts berichtet hatten. Demnach soll der Kontrolleur, der innerhalb des Aufsichtsrats für Finanzen zuständig ist, seinen Kollegen eine Absetzung von Clubchef Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt nahegelegt haben. Einen Tag später bemühten sich die Protagonisten um Deutungshoheit.

Nun denn. Die unterhaltsame HSV-Geschichte fängt bereits am 29. Januar an, als Goedhart tatsächlich eine interne E-Mail an seine fünf Aufsichtsratskollegen geschrieben hatte. Und der Inhalt dieser Mail, die ganz harmlos mit den Worten „Liebe Kollegen“ beginnt, ist beileibe hochbrisant und dem Abendblatt mittlerweile Wort für Wort bekannt.

Wettstein: Große Zweifel an Bruchhagen und Todt

Doch anders als bislang angenommen hat Goedhart seine Kollegen nicht zum Putsch aufgerufen, sondern zunächst nur ein einstündiges Telefonat mit Frank Wettstein zusammengefasst. Hintergrund des Anrufs war, dass Finanzkontrolleur Goedhart von Finanzvorstand Wettstein erklärt bekommen wollte, warum der HSV bis zu 200.000 Euro Ablöse für den in Würzburg freiwillig zurückgetretenen Trainer Bernd Hollerbach zahlen müsste.

Aus dieser Nachfrage, so steht es zumindest in der Mail, ergibt sich schnell ein Grundsatzgespräch. So soll Wettstein auf Nachfrage große Zweifel an Vorstandschef Heribert Bruchhagen, Sportchef Jens Todt und ganz generell den Strukturen geäußert haben. Wortwörtlich soll Wettstein „jegliche Führung“ im HSV vermisst haben. Goedharts Mail-Schlussfolgerung: Der HSV habe offenbar zwei große Baustellen.

Goedhart wollte Wettstein zum Chef und Peters zum Sportchef machen

Und spätestens an dieser Stelle gehen die Schilderungen, was in der Mail dringestanden haben soll und was wirklich drinstand, weit auseinander. Tatsächlich hat Goedhart seine Kollegen gefragt, ob sie noch vor der Hauptversammlung am 6. Februar handeln müssten. Oder ob sich der neue Rat, der am nächsten Dienstag bestimmt wird, mit der offensichtlichen Personaldebatte innerhalb der HSV-Führung beschäftigen sollte.

Dies wäre aus Zeitgründen einerseits verständlich, andererseits würde der HSV erneut wichtige Zeit verlieren. Goedhart schlug ein Treffen noch vor dem 6. Februar mit Wettstein und Bernhard Peters vor, in dem beide detailliert Auskunft erteilen sollten. Es gehe darum, so steht es in der Mail, die „beste Entscheidung für den HSV“ zu treffen.

Doch wer A sagt, der muss bekanntlich auch B sagen. Und so skizzierte Goed­hart noch eine mögliche Übergangslösung. Demnach hätte Wettstein Interims-Chef und Peters Interims-Sportchef werden sollen. Ein neuer Aufsichtsrat hätte dann bis zum Sommer die nötige Zeit, Dauerlösungen zu finden. Zum Ende der Mail heißt es noch, dass eine kurze Rückmeldung reichen würde, ob und wann so ein Treffen gewünscht sei.

Tritt Goedhart jetzt zurück?

Um es kurz zu machen: Das Treffen wurde nicht gewünscht. Und statt sich tief greifende Gedanken über den HSV-Vorstand und eine alternative Struktur zu machen, wird nun im Aufsichtsrat das beliebte Wir-suchen-den-Maulwurf-Spielchen gespielt.

E-Mail-Schreiber Goedhart will sich bis zur Hauptversammlung überlegen, ob er nach den Ereignissen dieser Woche noch dem kommenden Aufsichtsrat angehören will. Es wäre eine Entscheidung mit Spreng­stoffpotenzial. Denn: Sollte Goedhart tatsächlich hinschmeißen, dürfte die gesamte Hauptversammlung platzen.

Doch während der noch amtierende Aufsichtsrat erst einmal mit sich beschäftigt ist, hat die Mail-Affäre längst den Vorstand erreicht. „Es ist doch normal, dass sich angesichts unserer prekären sportlichen Situation im Aufsichtsrat eine Diskussion entwickelt, die über die Position des Trainers hinausgeht“, sagt Bruchhagen. „Diese Diskussion hat offensichtlich stattgefunden, mit dem bekannten Ergebnis.“

Können Wettstein und Bruchhagen noch miteinander?

Was allerdings nicht öffentlich bekannt geworden ist, ist die Beantwortung der Frage, wie tief die Gräben zwischen Bruchhagen, Wettstein und Todt tatsächlich sind. Im Abendblatt-Gespräch konnte sich Wettstein nur zu einer sehr allgemeinen Äußerung durchringen: „Der permanente Austausch von Führungskräften führt erwiesenermaßen nicht zu sportlichen Erfolgen.“

Tatsächlich soll Wettstein intern angeregt haben, die bisherige Führungsstruktur grundsätzlich infrage zu stellen. Insbesondere Sportchef Todt müsse entlastet, aber nicht entlassen werden. Dies soll Wettstein auch Goedhart am Telefon deutlich gemacht haben.

Als möglicher Bruchhagen-Nachfolger, wie oft kolportiert, kommt der Finanzvorstand ohnehin nicht infrage. Nach Abendblatt-Informationen hat Wettstein bei Bruchhagens Vertragsverlängerung bis 2019 vor sechs Wochen dem Rat mitgeteilt, dass er für eine Nachfolgelösung nicht zur Verfügung stehe.

Kühne hat das letzte Wort

Und weil beim HSV in diesen Tagen E-Mails in Mode zu sein scheinen, sorgte Investor Klaus-Michael Kühne für den letzten digitalen Tusch des Tages. Via Mail an das Abendblatt ließ der Wahl-Schweizer wissen, dass er vom Vorstand nicht einmal gefragt worden sei, ob er bei Wintertransfers helfen könne. „Man hat öffentlich erklärt, dass man meine Hilfe nicht in Anspruch nehmen wolle“, schrieb Kühne.

Sein E-Mail-Fazit: „Die prekäre Lage, in der sich der HSV aktuell befindet, hat sich durch die jüngsten Vorgänge verstärkt.“

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