HSV-Leihgabe

Lasogga überzeugt die Fans als "guter Zweitliga-Spieler"

Das Gefühl hatte er in Deutschland nur noch selten: Pierre-Michael Lasogga bejubelt sein Tor für Leeds gegen Bristol City. Es war schon sein viertes in der Saison

Das Gefühl hatte er in Deutschland nur noch selten: Pierre-Michael Lasogga bejubelt sein Tor für Leeds gegen Bristol City. Es war schon sein viertes in der Saison

Foto: Imago/Action Plus

Bei Leeds United verspürt der Stürmer eine neue Leichtigkeit. Obwohl oder gerade weil er von seinem Club rigoros abgeschirmt wird.

Leeds.  Man muss ein bisschen suchen, um Pierre-Michel Lasogga zu entdecken. Das Stadion von Leeds United an der Elland Road befindet sich im Südwesten der Stadt, eingerahmt von einer Autobahn, einem Parkplatz und einer Straße, an der ein Zeitungskiosk, eine Sandwich-Bar, ein Fish-and-Chips-Laden und eine Kneipe liegen. Der dominierende Klang ist das Geräusch von Automotoren, es riecht nach Gebratenem und Frittiertem.

An der Fassade des Stadions, einem grauen Bau mit hoch aufragender Haupttribüne, ist die große Geschichte des Clubs zu besichtigen. Ein Schwarz-Weiß-Bild von der Gründung im Jahr 1919, ein Foto vom ersten Ligaspiel überhaupt, am 28. August 1920 gegen Port Vale, die Spielerlegenden John Charles und Billy Bremner, die Trainer-legende Don Revie, Mark Viduka in der Champions-League-Saison 2000/2001, als es der Club ins Halbfinale schaffte. Der bislang letzte große Erfolg.

Der Fanshop neben der Haupttribüne ist schon in Weihnachtsstimmung. In den Fenstern stehen Leeds-United-Kerzen, Weihnachtsbaumkugeln, rote Mützen und derlei mehr. Am auffälligsten aber sind die sehr schönen weiß-goldenen Trikots des Vereins. Hemden mit der Nummer „9“ und den Aufdruck „Lasogga“ sind nicht zu sehen. Man findet ihn erst, als man die Suche fast schon aufgegeben hat. In einem Ständer neben dem Verkaufstresen gibt es Fotos im Postkartenformat von den aktuellen Spielern des Vereins, die für 2,50 Pfund pro Stück zu kaufen sind. Dort werden auch Lasogga-Fotos angeboten. Er ist von schräg hinten fotografiert, sein Gesicht ist von der Seite zu sehen.

Vier Tore und vier Vorlagen zum Start

Irgendwie ist es seltsam, dass der Club, der aus der Zweiten Liga zurück in die Premier League möchte, die seit September im weiß-goldenen Trikot spielende Leihgabe des HSV derart versteckt, denn die Zusammenarbeit zwischen Leeds und Lasogga läuft vielversprechend. Er hat sich auf Anhieb in der Startelf etabliert, schoss in sieben Einsätzen in der Liga vier Tore und bereitete vier Treffer vor, auch zum 3:0-Erfolg am vergangenen Wochenende gegen Bristol City steuerte er ein Tor und eine Vorarbeit bei. Der Club steht nach 13 Spieltagen auf Platz vier der Liga, in der 24 Teams spielen.

Außerdem übernimmt er Verantwortung, obwohl er neu ist im Team. Das war beim Drittrunden-Spiel im Ligapokal beim Erstligisten FC Burnley vor einem Monat zu sehen. Es gab Elfmeterschießen, Lasogga schoss den ersten und traf, Leeds kam weiter. Beim Achtelfinal-Aus am Dienstagabend gegen Ex-Premier-League-Meister Leicester City (1:3) kam er allerdings nicht zum Einsatz.

Lasogga wird rigoros abgeschirmt

Mit Lasogga zu sprechen ist für Journalisten aus Deutschland nicht möglich, zumindest im Moment. Interview-Anfragen lehnt die Presse-Abteilung des Clubs ab, verweist aber darauf, dass ein Gespräch in absehbarer Zeit möglich sein könnte. Heißen muss das nichts. Englands Profivereine haben die Medienarbeit ihrer kickenden Angestellten auf ein Mindestmaß reduziert. Bedient werden die eigenen Kanäle. In Lasoggas Fall ist es ja nachvollziehbar, dass er erst einmal spielen und sich einfinden soll, bevor er redet. Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie sich der 25-Jährige im Moment fühlt, kann sich ein Video der Pressekonferenz mit ihm anschauen, die der Verein vor einem Monat organisiert hat, kurz nach der Geburt seiner Tochter.

Er wirkt zufrieden, nicht nur wegen des Familienglücks. „Ich bin froh, dass ich dem Club mit meinen Toren und mit meinem Einsatz helfen kann“, sagt er. Und: „Unsere Fans machen immer tolle Stimmung, nicht nur an der Elland Road, sondern auch auswärts.“ Und: „Ich habe tolle Mitspieler. Es ist leicht, Tore zu schießen, wenn ich den Ball bekomme.“ Das sind keine Aussagen von speziellem Erkenntniswert. Trotzdem sind sie etwas Besonderes. Denn dass Lasogga zuletzt froh war, die Atmosphäre und die tollen Mitspieler preisen konnte, ist ja schon eine Weile her.

Mit dem HSV steckte er im Dauerabstiegskampf, in ständiger Krisenstimmung. Der Retter aus der Saison 2013/2014 spielte keine Rolle mehr in der Mannschaft von Trainer Markus Gisdol und wurde zum Sinnbild der verfehlten Transferpolitik des Vereins. Spätestens, als ihn Geldgeber Klaus-Michael Kühne zum Saisonstart in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ zum „Flop des Jahrhunderts“ erklärte. Der Neustart in einem anderen Land, in einer anderen Liga, bei einem anderen Verein hat ihm gutgetan. Er hat in Leeds seine Leichtigkeit wiedergefunden, so sieht es aus. Auf dem Video von der Pressekonferenz lächelt er viel. Er hat keine Scheu, obwohl sein Englisch doch recht hölzern ist. Er könnte in England seine auf Grund gelaufene Karriere wieder in Schwung bringen.

Fans schätzen ihn als „guten Zweitliga-Spieler“

Von der Elland Road führt eine Straße einen Hügel hoch, durch ein Wohngebiet mit netten, zweistöckigen Backsteinhäusern, alle mit Alarmanlagen versehen. Nach rund fünf Minuten gelangt man zu einem Pub mit dem Namen „Old White Hart“, alter weißer Hirsch. An den Wänden hängen gerahmte und unterschriebene Fotos der Leeds-Legenden Allan Clarke und Norman Hunter. An der Theke stehen Jamie, 28 Jahre alt, und Danny, 30 Jahre alt. Sie haben noch nie von Lasogga gehört, bevor er nach Leeds kam, aber das muss nichts heißen. „Wir holen meistens unbekannte Spieler. Wer schon viel erreicht hat, kommt nicht zu uns“, sagen sie. Ihr erster Eindruck von der Leihgabe ist gut. Lasogga habe gute Voraussetzungen, sich bei United einen Namen zu machen. „Er ist groß und physisch stark, das passt gut hierher, so jemand hat uns gefehlt“, sagen sie. Lasogga sei „ein guter Zweitliga-Spieler.“

Sie meinen das ausdrücklich als Kompliment.