Kühne & Co.

Nicht nur der HSV steckt in der Investoren-Falle

| Lesedauer: 6 Minuten
Henrik Jacobs
HSV-Investor Klaus-Michael Kühne (l.) spricht sich für eine Abschaffung von 50+1 aus – und hat in Hannovers Präsidenten Martin Kind (M.) und dem Hauptanteilseigner des TSV 1860 München Hasan Ismaik (r.), gewichtige Mitstreiter

HSV-Investor Klaus-Michael Kühne (l.) spricht sich für eine Abschaffung von 50+1 aus – und hat in Hannovers Präsidenten Martin Kind (M.) und dem Hauptanteilseigner des TSV 1860 München Hasan Ismaik (r.), gewichtige Mitstreiter

Foto: Magunia/dpa; Montage: HA

1860-Mäzen will gegen die 50+1-Regel klagen. Damit drohen auch dem HSV Folgen, die den Clubchef bereits nachdenklich stimmen.

Hamburg. Er meint es ernst. Sehr ernst sogar. „Ich bereite die Klage vor“, sagte Hasan Ismaik am Donnerstag. „Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich sage: So geht es nicht weiter“, ließ der Jordanier via „Kicker“ verlauten. Zwei kurze Sätze, die lange wirken könnten. Worum es geht? Um die 50+1-Regel im deutschen Fußball. Um Macht und Geld. Um Kapital und Kommerz. Um eine Debatte, die das Fußballgeschäft seit Jahren beschäftigt. Die nun, ausgelöst durch die Ankündigung von Ismaik, eine neue Bedeutung erfährt. Der Hauptanteilseigner des TSV 1860 München will das machen, was sich bislang keiner getraut hat: Gegen die umstrittene Regel klagen.

Hintergrund: Die 50+1-Regel ist eine Vorschrift in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga, die den Profifußball vor der vollständigen Übernahme durch Investoren schützen soll. Sie schreibt vor, dass nur Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb der Lizenz­ligen teilnehmen können, an denen der jeweilige Verein die Mehrheit der Stimmanteile hält. Während in England Investoren bei nahezu allen Clubs bereits die Macht übernommen haben, soll in Deutschland der Einfluss der Mitglieder noch erhalten bleiben. „Die 50+1-Regel hat dafür gesorgt, dass die Bundesliga im Vergleich zu den anderen europäischen Ligen erstklassig ist. Sie hat in den vergangenen 15 Jahren die Bundesliga zu dem Produkt gemacht, das sie heute ist“, sagt HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen im Gespräch mit dem Abendblatt.

Ausnahmen für Hannover, Leipzig und andere

Doch die Vorschrift ist umstritten – und das schon seit Jahren. Sie verhindere den freien Wettbewerb und sei mit EU-Recht nicht vereinbar, sagen die Kritiker wie etwa Martin Kind. Der Präsident von Hannover 96 ist überzeugt, dass die 50+1-Regel bei einer Klage fallen wird. Kind selbst will den Bundesliga-Aufsteiger noch in diesem Jahr mithilfe einer Ausnahmeregel als Privatinvestor vollständig übernehmen. Die Ausnahme gilt, wenn jemand den Club mehr als 20 Jahre ununterbrochen und erheblich gefördert hat. Auch Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp profitiert von einer Ausnahme. Beim VfL Wolfsburg hält Volkswagen 100 Prozent der Stimmrechte, genau wie die Bayer AG in Leverkusen. RB Leipzig hat mit Red Bull eine diskutable Konstruktion gewählt.

Bruchhagen glaubt an Fall der Regel

„Zuletzt verstärkte sich die Tendenz, dass der Wettbewerb verfälscht wird, indem die 50+1-Regel hier und da unterlaufen wird“, sagt HSV-Chef Bruchhagen, der von 2001 bis 2003 als Geschäftsführer der DFL tätig war und sich immer als Unterstützer der 50+1-Regel ausgesprochen hat. Doch seit 2003 hat sich viel verändert. Die Bedeutung der Investoren wächst, Ausnahmemodelle nehmen zu. „Ich glaube, dass sich diese Tendenz fortsetzen dürfte und die 50+1-Regel auf Sicht fallen wird“, sagt Bruchhagen. „De​r Gedanke an das freie Spiel der Kräfte stimmt mich jedoch durchaus nachdenklich. Wenn ich nach England schaue, ist das mit meinem konservativen Ansatz für das Fußballgeschäft nicht kompatibel.“

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Doch während in der Premier League in den vergangenen fünf Jahren vier verschiedene Clubs Meister wurden, stellt sich in der Bundesliga die Frage, wie der Rückstand auf Abo-Meister Bayern München aufgeholt werden kann. „Mit der Hilfe von Investoren bietet sich für viele Vereine die einzige Möglichkeit, mehr Wettbewerbsfähigkeit im Kräfteverhältnis mit dem FC Bayern zu ermöglichen“, sagt Hannovers Präsident Martin Kind.

HSV-Mitglieder müssten befragt werden

Beim HSV haben sich die Mitglieder vor drei Jahren dazu entschieden, den Weg für Investoren frei zu machen. Doch anstatt der erhofften Investorengruppe hat bislang nur Klaus-Michael Kühne in größerem Maße Anteile gekauft. 17 Prozent hält der Milliardär seit Mai an der HSV Fußball AG. 4,1 Prozent Anteile kann der HSV noch veräußern. Sollten es zukünftig noch mehr sein, müsste der Club seine Mitglieder befragen. Dass diese zustimmen würden, gilt intern als ausgeschlossen.

HSV-Chef Bruchhagen ist derzeit auch nicht gewillt, diesen Weg zu gehen. „Der HSV ist für mich ja nicht nur die AG, sondern auch der e.V. Bei der Frage nach Anteilsverkäufen gibt es verschiedene Ansätze und Meinungen, die auch in den Gremien ausführlich diskutiert werden“, sagt Bruchhagen. „Grundsätzlich sehe ich die Problematik, dass einmalige Zahlungen nur periodisch was bringen, den Vereinen aber langfristig nicht weiterhelfen.“

Kühne lässt HSV-Übernahme offen

Sollten die finanziellen Schwierigkeiten anhalten und der sportliche Erfolg weiterhin ausbleiben, wird sich der HSV perspektivisch mit der Frage beschäftigen müssen, ob er mehr als 24,9 Prozent der Clubanteile verkaufen will. Insbesondere dann, wenn die 50+1-Regel tatsächlich fällt und der Verdrängungswettbewerb in der Bundesliga weiter zunimmt. HSV-Investor Kühne hat sich bereits dafür ausgesprochen, 50+1 abzuschaffen. Ob er den HSV in einem derartigen Fall übernehmen wolle, ließ er dagegen offen: „Sollte es die Situation erfordern, wäre ich in einem echten Dilemma. Ich würde mich möglicherweise verpflichtet fühlen, aber ich würde es ungern tun“, sagte Kühne kürzlich in der „Sportbild“.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Ob der unberechenbare Hasan Ismaik mit seiner Klage wirklich ernst macht, ist noch unklar. Zudem hat die 50+1-Regel prominente Fürsprecher wie Borussia Dortmunds Clubchef Hans-Joachim Watzke. St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig bezeichnete Ismaiks Vorstoß als „Katastrophe“. Die Regel, die den Machtmissbrauch eines Geldgebers im Fußball verhindern soll, sei „das letzte Stopp-Schild auf dem Weg zur totalen Kommerzialisierung.“

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