Hamburger in Budapest

Doll und Oenning – nach dem HSV kam der Erfolg

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Kai Schiller
Die beiden früheren HSV-Trainer Thomas Doll (l.) und Michael Oenning

Die beiden früheren HSV-Trainer Thomas Doll (l.) und Michael Oenning

Foto: Imago

Die beiden Ex-HSV-Trainer erleben in Ungarn sportlichen Erfolg. Für einen wird es sogar gerade ein wahres "Fußball-Märchen".

Budapest. Es ist noch früh, als Michael Oenning erstmals an diesem Tag mit dem Kopf schüttelt. Vasas Budapests Coach sitzt in seinem acht Quadratmeter großen Trainerzimmer in dem alten Funktionsgebäude neben dem noch älteren Illovszky-Rudolf-Stadion. Ein blauer Spind, ein kleiner Schreibtisch mit einem großen Rechner und drei Bürostühle. Spieler-Co-Trainer Ferenczi István hockt im Trainingsanzug neben seinem Chef und geht die Anwesenheitsliste durch. Es ist 9.25 Uhr – um 10 Uhr soll trainiert werden. „Wo genau ist denn dieser Platz?“, fragt Oenning auf Englisch. Und: „Können wir dahin laufen, oder müssen wir fahren?“

Seit knapp einem Jahr arbeitet und lebt der frühere HSV-Trainer in Budapest. Und seit knapp einem Jahr weiß Oenning, dass es hier, im Arbeiterviertel Angyalföld im Norden von Pest, keine einfachen Antworten gibt. In diesem Fall lautet Istváns Antwort: Laufen. Und fahren. Er und die Spieler laufen zum Ausweichplatz eines nahegelegenen Nachbarschaftsvereins, weil der eigene Trainingsplatz gerade abgerissen und hoffentlich bald wieder neu angelegt wird. Oenning fährt.

Michael Oenning ist herumgekommen

Man kann guten Gewissens behaupten, dass Oenning in seiner Trainerlaufbahn schon gut herumgekommen ist. Der 51 Jahre alte Fußballlehrer war beim DFB, in Mönchengladbach, Wolfsburg, Bochum, Nürnberg und beim HSV. Neun Monate lang arbeitete Oenning in Hamburg als Co-Trainer unter Armin Veh, anschließend noch sechs Monate lang als Cheftrainer. Nach nur sechs Spielen ohne Sieg und mit nur einem Unentschieden war im September 2011 für Oenning Schluss mit lustig beim HSV.

Fünf Jahre ist das her. Und obwohl es danach hier und da immer wieder lose Anfragen aus der Zweiten Liga gab, schien es lange so, als ob der HSV für Oennings Trainerkarriere der Genickbruch war. Der frühere Verbandssportlehrer trainierte noch einmal die Studentennationalmannschaft, arbeitete als Co-Kommentator bei Sky, konzentrierte sich auf Projekte außerhalb des Fußballs und schrieb einen Roman.

Oenning schrieb nach HSV-Zeit einen Roman

„Im Fußball hatte ich eigentlich nichts mehr zu verlieren“, sagt er, als er von dem einen Anruf kurz nach Weihnachten vor einem Jahr berichtet, durch den er so unglaublich viel gewinnen sollte.

Janos Jambor, ein ungarischer Geschäftsmann, den Oenning aus seiner Zeit in Nürnberg kannte, fragte den Hamburger, ob er sich ein Engagement bei Vasas Budapest vorstellen könnte. Der Traditionsverein, der zuletzt vor knapp 40 Jahren Meister war und in den vergangenen Jahren eher durch Wasserball als durch Fußball zu überzeugen wusste, lag auf dem drittletzten Platz, und die Vorzeichen für den Klassenerhalt standen schlecht. „Die Chancen waren bescheiden, aber trotzdem wollte ich mir alles mal anschauen“, sagt Oenning, der am Vortag von Silvester nach Budapest flog – und direkt gepackt war. „Die Stadt ist unglaublich. Und auch die Voraussetzungen im Club, der vor allem auf junge Talente setzt, gefielen mir.“

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt und wurde von einer englischen Zeitung unlängst als „football fairytale“ bezeichnet. Die Kurzform dieses Märchens: An Silvester flog Oenning zurück nach Hamburg, an Neujahr sagte er in Budapest zu, und am 2. Januar startete er mit dem Training. Am letzten Spieltag hielten Vasas und Oenning die Klasse – doch das Happy End sollte noch folgen: Oenning verlängerte seinen Vertrag, holte im Sommer acht neue Spieler, ohne auch nur einen Euro auszugeben, und steht nun, ein knappes Jahr nach dem schicksalhaften Anruf, auf Platz eins der OTP-Bank-Liga. Längst macht in ganz Europa die Geschichte vom „Leicester Ungarns“ die Runde. Zur Erinnerung: Leicester City gewann im vergangenen Jahr völlig überraschend in England die Meisterschaft.

Unbeschreibliche Entwicklung

„Was hier in den vergangenen Monaten passiert ist, kann man kaum mit Worten beschreiben“, sagt Oenning, als er schließlich den abgelegenen Rasenplatz betritt, der seine besten Tage längst hinter sich hat. „Und trotzdem wäre es verrückt, wenn ich jetzt von der Meisterschaft sprechen würde.“ Videoton, Zweiter mit drei Punkten Rückstand, und vor allem der amtierende Meister und Pokalsieger Ferencvaros, Dritter mit fünf Punkten Rückstand, seien noch immer die Favoriten. Doch an diesem Sonnabend (18 Uhr), wenn Vasas im direkten Duell auf Übergegner Ferencvaros trifft, sei man vielleicht schon ein wenig schlauer.

Thomas Doll gewann ungarisches Double

Darauf setzt auch Thomas Doll. Der 50 Jahre alte Coach, der genau wie Oenning zu der sich rasant vermehrenden Gattung der sogenannten Ex-Trainer des HSV gehört, steht knapp neun Kilometer entfernt auf einem von insgesamt sechs Ferencvaros-Trainingsplätzen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. „Now we want to see Champions-League-Fußball“, deutsch-englischt Doll quer über den Platz, und ruft laut hinterher: „Basta with the third place.“

Wenn Oenning in Ungarn das Leicester repräsentiert, dann ist Doll das ManU. Mit Rekordmeister Ferencvaros hat der frühere Hamburger auch im vergangenen Jahr das Double gewonnen – und auch in dieser Saison hat er den Titelkampf noch nicht abgeschrieben.

Doll will trotz Anfragen weiter in Ungarn bleiben

„Wir hatten zuletzt einfach ein bisschen Pech“, sagt Doll, als er nach der Einheit gemeinsam mit Co-Trainer Ralf „Katze“ Zumdick in seinem Trainerbüro sitzt. An der Wand hängt ein Magnet-Spielfeld mit 22 Steinchen, daneben ein großes Bild, auf dem der Spruch: „Meine Welt dreht sich nur um Fußball“ geschrieben steht. „Natürlich ist Budapest eine wunderschöne Stadt“, sagt Doll, „aber wenn die Ergebnisse nicht stimmen, kann ich auch die schönste Stadt der Welt nicht wirklich genießen.“ Doll schaut zu Zumdick. „Oder Katze?“, fragt er.

Drei Jahre lang war Thomas Doll HSV-Trainer, ehe auch seine Karriere nach der Entlassung vor immerhin knapp zehn Jahren ins Straucheln geriet. Dortmund, Gençlerbirliği und Al-Hilal hießen die Stationen, ehe er vor drei Jahren den damals kriselnden Tanker Ferencvaros wieder flott machte. So flott, dass längst auch wieder andere Clubs ihr Interesse bekunden. „Warum sollte ich hier weg?“, fragt Doll. „Ich habe meinen Vertrag gerade verlängert, ich habe keine Ausstiegsklausel und uns geht es super hier“, sagt Doll und schaut erneut zu Zumdick. „Oder Katze?“

Es ist mittlerweile abends. Einen Freistoß vom wunderschönen Parlament entfernt bestellt sich Oenning im „Da Mario“ eine Pizza Prosciutto. Hier, sagt Oenning, sei er auch an seinem ersten Abend in Budapest am 30. Dezember gewesen, als er noch nicht wusste, ob er das Angebot annehmen sollte oder nicht. „Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut“, sagt er. Den Kopf soll er aber auch an diesem Abend noch mehrfach schütteln. „Was gibt’s Neues aus der Heimat?“, fragt er. „Und was ist eigentlich mit dem HSV los?“

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