Kolumne

Kühne oder nicht Kühne – das ist die HSV-Frage

| Lesedauer: 4 Minuten
Kai Schiller

Kurzfristig braucht der Bundesligist die Unterstützung des Milliardärs, langfristig braucht er die Unabhängigkeit.

Herr Eberhardt brauchte nicht lange, um die ganze Welt an seiner Freude über den 4:0-Sieg des HSV in Halle teilhaben zu lassen. Zumindest die ganze interaktive Welt. „Noch vier Siege bis Europa!“, twitterte @HerrEberhardt etwas übermütig direkt nach dem Schlusspfiff und versah seinen Tweet noch mit einem zwinkernden Smiley und den zusätzlichen Bemerkungen „#sosinddieregeln #DFBPokal #HSV“.

Ganz ernst gemeint war dieser Eintrag sicher nicht. Und doch tat der überraschend ungefährdete und verdiente Erfolg gut. Die Erkenntnisse des Abends: Theoretisch braucht der HSV tatsächlich nur noch vier Siege im DFB-Pokal, um sich für den Europapokal zu qualifizieren. Und ganz praktisch kann der HSV entgegen anders lautender Gerüchte eben doch noch siegen, Tore schießen und ein Spiel auch ohne ein Gegentor und ohne die Hilfe des Fußballgotts über die Zeit bringen – zumindest gegen einen Drittligisten.

An diesem Sonntag im Spiel gegen den 1. FC Köln bekommt der HSV nun zum neunten Mal in dieser Spielzeit die Gelegenheit zu beweisen, dass der Krisen-Rekordmeister all das auch in der Bundesliga schaffen kann. Doch bereits an dieser Stelle folgt der Haken an der ganzen Geschichte: Denn die bisherigen acht Auftritte zeigen klar auf, dass man sich um den Bundesliga-HSV deutlich mehr Sorgen machen muss, als es der DFB-Pokal-HSV kaschieren könnte.

Zwei Unentschieden und sechs Niederlagen, dazu ein fast aberwitziges Torverhältnis von 2:15. So schlecht starteten in 54 Jahren Bundesliga nur noch neun weitere Mannschaften, von denen sechs Clubs am Ende dann auch tatsächlich abstiegen. Lediglich Karlsruhe (1965/66), Schalke (1967/68) und 1860 München (1994/95) schafften vor einer halben Ewigkeit das, was in Hamburg immer weniger dem HSV zutrauen: den Klassenerhalt.

Nun wurde in den vergangenen Tagen viel über Schuld und Schuldige gesprochen und geschrieben. Die Mannschaft? Der Trainer? Aufsichtsratschef Karl Gernandt? Oder vielleicht doch Clubchef Dietmar Beiersdorfer, der sich nachsagen musste, dass er in zweieinhalb Jahren so ziemlich alles falsch gemacht habe? Der eine oder andere meinte sogar, dass ausgerechnet Klaus-Michael Kühne schuld sein soll.

Kühne? Kühne!

Niemand – nicht einmal der einst als „Mini-Messi“ gefeierte und mittlerweile tief gefallene Alen Hammer-Halleluja-Halli-Hallo-Halilovic – polarisiert so sehr wie der Unternehmer. Guter Kühne, böser Kühne.

Die einen erinnern daran, dass Kühne den HSV bereits mehrfach durch sein Geld gerettet, die Lizenz gesichert und den Kader durch ganze Schubkarren voller Millionen verstärkt hat. Die anderen kontern, dass eben jener Kühne und jene Schubkarren eine Abhängigkeit geschaffen haben, die den normalen Spielbetrieb eines normalen Proficlubs unmöglich machen.

Recht haben beide. Kühne ist Segen und Fluch zugleich. Es mag absurd klingen, aber tatsächlich ist dieser alles andere als normale Proficlub nur noch zu retten, wenn Kühne sein Engagement zunächst verstärkt – um sich dann besser früher als später komplett zurückzuziehen. Der mittellose HSV braucht im Winter die Millionen des gut betuchten Anhängers, um auf dem Transfermarkt den dringend benötigten Abwehrmann zu holen. Gelingt dann tatsächlich die erneute Rettung bis zum Saisonende, braucht der HSV im Sommer erneut neues Personal. Nicht für die Abwehr, nicht fürs Mittelfeld und auch nicht für den Sturm. Spätestens im Sommer braucht der HSV neues Führungspersonal, das das schafft, was Clubchef Dietmar Beiersdorfer in zweieinhalb Jahren nicht gelingen wollte: der Aufbau einer professionellen Clubstruktur, die unabhängig von den Millionen eines einzelnen Milliardärs ist.

Das alles klingt zu schön, um wahr zu werden? Mag sein. Aber wer wie Herr Eberhardt mehr oder weniger daran glaubt, dass der HSV nur noch vier Siege bis zum Europapokal braucht, der darf auch an die Zahnfee, den Weihnachtsmann, Einhörner, Elfen, Gnome und Zwerge glauben. Und daran, dass aus dem chronischen Krisenclub HSV doch noch ein gut geführter, ambitionierter und unabhängiger Proficlub HSV wird.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV