Interview

Gisdols Mentor: Das zeichnet den neuen HSV-Trainer aus

Fußballlehrer made in Baden- Württemberg: Markus Gisdol

Fußballlehrer made in Baden- Württemberg: Markus Gisdol

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Taktikguru Helmut Groß gilt als Mentor von HSV-Coach Gisdol. Seine Philosophie hat die modernen Trainer von heute beeinflusst.

Hamburg.  Markus Gisdol muss nicht lange nachdenken. „Mein Mentor heißt Helmut Groß“, sagt der neue HSV-Trainer über seine Anfänge als Fußballlehrer. Mit der Erfindung der ballorientierten Raumdeckung hat der heute 69-Jährige Anfang der 80-er Jahre für eine der größten Sensationen im DFB-Pokal gesorgt. Den 2:0-Sieg des Oberligisten SC Geislingen 1984 gegen den HSV. Noch heute gilt Groß als einer der größten deutschen Fußballexperten. Er beeinflusste Thomas Tuchel oder Joachim Löw, arbeitet nun als Berater der sportlichen Leitung um Ralf Rangnick bei RB Leipzig. Gisdol nennt Groß den „deutschen Arrigo Sacchi.“

Herr Groß, sind Sie verantwortlich für die größte HSV-Blamage aller Zeiten?

Helmut Groß : Aus der Verantwortung kann ich mich nicht stehlen (lacht). Ich hatte den SC Geislingen fast sieben Jahre trainiert. Wir waren gerade in die Oberliga aufgestiegen, ich nahm eine Auszeit. Vier Wochen später kam der HSV. Mein Co-Trainer Jakob Baumann hat die Arbeit erfolgreich fortgeführt.

Ernst Happel war auf Ihre Taktik offenbar nicht vorbereitet...

Wir hatten die ballorientierte Raumdeckung 1981 eingeführt. Ernst Happel war eines unserer Vorbilder. Wir haben einige seiner Elemente übernommen, zum Beispiel auf Abseits zu verteidigen mit einer Viererkette. Wir waren gegen Happel so erfolgreich, weil wir seine Spielweise so genau studiert hatten. Das war unlauterer Wettbewerb. Wir wussten alles über Happel, er wusste nichts über uns (lacht).

Hinter der Trainerbank stand damals der junge Markus Gisdol. Kannten Sie ihn damals schon?

Sein Vater war bei mir Co-Trainer und Markus hat mit meinem Sohn in unserer Jugend gespielt. Er war ein begeisterter Fußballer und half als Junge bei uns in der Kabine, die Getränke herzurichten. Für Markus war das spannend, er hat früh mitbekommen, wie man über Fußball denken kann.

Haben Sie ihm zugetraut, eines Tages Bundesligatrainer zu sein?

Als er wegen einer Knieverletzung seine Karriere mit 27 beenden musste, kam er auf mich zu. Wir haben früh diskutiert über Inhalte, die man in Trainerlehrgängen erarbeitet. Da hatte er einen Vorsprung, er wurde schnell gefordert und war immer schon sehr ehrgeizig.

Was zeichnet den Trainer Gisdol heute aus?

Markus kann die Ergebnisse seiner Analysen an die Spieler vereinfacht weitergeben. Dazu muss man die Sprache der Spieler beherrschen. Die Kunst eines Trainers liegt darin, die Dinge so runterzubrechen, dass sie die Spieler schnell aufnehmen können. Das Geniale liegt im Einfachen. Das ist eine seiner Stärken.

Gisdol gilt als moderner Trainer. Können Sie das bestätigen?

Die Trainerarbeit ist immer ganzheitlich zu bewerten. Der Trainer muss als Persönlichkeit schlüssig in seiner Argumentation und zu jeder Zeit authentisch sein. Auch im modernen Fußball ist bei aller Philosophie die Basis, dass man eine gute Mentalität und eine positive Stimmung erzeugt. Beim HSV ist es jetzt wichtig, eine positive Mentalität zu entwickeln und sich aus der negativen Situation zu befreien. Wenn man statistisch so viel Misserfolg hatte wie der HSV in diesem Jahr, lohnt es sich, einen Neuanfang zu starten.

Kommentar: Marcus Scholz zu Markus Gisdol
Kommentar: Marcus Scholz zu Markus Gisdol

Gisdol soll beim HSV das Spiel mit dem Ball entwickeln. Ihr Ansatz liegt in der Arbeit gegen den Ball. Wie kann der HSV auf die Schnelle mehr Torchancen erarbeiten?

Die Leute denken immer, möglichst langer Ballbesitz führt zu mehr Torchancen. Dieser Zusammenhang ist analytisch nicht nachzuweisen. Trainer laufen Gefahr, in die Ballbesitzfalle zu tappen. Die Deutschen sind bei der EM gegen Frankreich ausgeschieden, weil sie zu viel Ballbesitz hatten. Wenn man auf Ballbesitz spielt, nimmt man automatisch das Tempo aus dem Spiel. Man spielt zu sehr in die Breite.

Das war das Problem des deutschen Spiels bei der EM?

Deutschland hatte die besten Spieler, wollte aber zu sehr die Bayern nachmachen. Wenn ich jetzt die Kommentare von Löw höre, findet ein Umdenken statt. Löw hat erkannt, dass Deutschland zu wenig Tempo und zu wenig Entschlossenheit an den Tag gelegt hat. Das ist revidiert. Ohne Tempo, Tiefgang und Spielwitz fallen keine Tore.

Pep Guardiolas Mannschaften dominieren die Spiele mit Ballbesitz.

Wenn ich es gut mache, kann Ballbesitz zur mentalen Ermüdung des Gegners führen. Wenn ich die Spieler dazu nicht habe, bedeutet Ballbesitz ein hohes Risiko. Wenn ich auf einen aggressiven Gegner treffe, der mit Dynamik den Ball erobert, gerate ich in die Ballbesitzfalle. Bei technisch schwächeren Mannschaften führt Ballbesitz zu Stress. Ballbesitz darf nicht mit dem Herausspielen von Torchancen verwechselt werden.

Das Geheimnis liegt in der Balleroberung?

Guardiolas Mannschaften sind erfolgreich, weil sie am schnellsten sind, wenn es darum geht, den Ball zurückzuerobern. Das wissen viele nicht. Seine Mannschaften brauchen nie mehr als fünf Sekunden, um den Ball zu gewinnen, weil sie in der Phase am meisten sprinten. Der Ballbesitz dient dann zur Erholung und zur mentalen Ermüdung des Gegners. In Leipzig lassen wir uns mental nicht ermüden, wenn der Gegner den Ball hat. Wir freuen uns darüber, dass der Gegner das Tempo rausnimmt. Wir haben dann größere Chancen, selbst den Ball zu erobern. Die Tore fallen im Schnitt unter zehn Sekunden nach der Balleroberung. Wenn Sie länger als 15 Sekunden im Ballbesitz sind, fällt statistisch gesehen kaum ein Tor mehr.

Auch Labbadia setzte beim HSV auf Gegenpressing. Doch es fehlten die Torchancen.

Torchancen kriegen Sie nur über Tempo, Spielwitz und manchmal auch Zufall. Den Zufall kann man provozieren, wenn man in Ballnähe mehr Spieler hat als der Gegner. Wenn ich vorwärtsgerichtet verteidige, bin ich bei Ballbesitz gleich in der richtigen Richtung. Das Tempo aus dem Stand erhöhen können die Bayern und Dortmund. Bei denen bedeutet Ballbesitz nicht automatisch Tempoverlust, sondern sie begeben sich in Lauerstellung, sie können direkt in den sechsten Gang hochschalten. Dazu braucht man Spieler wie Aubameyang, Dembélé, Ribery oder Robben.

Der Fußball wird immer analytischer. Müssen die Spieler von heute intelligenter sein?

Man braucht als Fußballer kein wissenschaftliches Studium abzuschließen, aber eine analytische Intelligenz ist hilfreich. Es geht im modernen Fußball vor allem um die kognitiven Fähigkeiten. Schnelles Wahrnehmen, antizipieren, analysieren und Entscheidungen treffen. Ein sehr guter Spieler trifft von zehn Entscheidungen achtmal die richtigen. Für uns sind die kognitiven Fähigkeiten vielleicht das wichtigste Scoutingkriterium.

Ihre Ideen ähneln denen von HSV-Sportdirektor Bernhard Peters.

Wir haben in unserer gemeinsamen Zeit in Hoffenheim viel diskutiert über die sportartübergreifenden Methoden zwischen Fußball, Hockey, Basketball, Handball oder Eishockey. Das war immer hochinteressant. Es geht immer auch um die Entwicklung der Handlungsschnelligkeit.

Peters ist kein Freund von starren Spielsystemen. Wie denken Sie?

Das sehe ich ähnlich. Wir richten in Leipzig unsere Grundordnung danach aus, welche Spieler wir haben. Eine einmal gefundene Grundordnung sollte so variabel sein, dass die Spieler die Räume und den Gegner so kontrollieren, dass wir für alle Situationen eine Lösung haben.

Ist Ihre Geislinger Spielidee, mit der Sie damals Ernst Happel schlugen, heute die Philosophie von RB Leipzig?

Ralf Rangnick und ich haben natürlich vieles weiterentwickelt. Die Grundzüge sind aber immer noch dieselben. Es geht immer um eine Überzahl in Ballnähe.

Welcher Fußball kommt Ihren Vorstellungen am nächsten?

Eine Mischung aus Dortmund und Leipzig. Die Wertschätzung zu Thomas Tuchel ist riesig. Er läuft nur gelegentlich Gefahr, zu perfektionistisch zu sein. Möglicherweise haben in Leipzig die Dortmunder verloren, weil sie versucht haben, ihre Spielzüge in Perfektion durchzuziehen. Darauf waren wir vorbereitet. Das Streben nach Perfektion wurde Tuchel an diesem Tag zum Nachteil. Die Vorgaben eines Trainers sollten immer nur 80 bis 90 Prozent des Spiels ausmachen, für die letzten Prozente ist die Kreativität und Variabilität der Spieler verantwortlich.

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