Hamburger SV

Abwehrkopf Emir Spahic bleibt das HSV-Phänomen

Spahic, die Vaterfigur: Neuzugang Alen Halilovic (l.) profitiert von den Sprachkünsten des Bosniers

Spahic, die Vaterfigur: Neuzugang Alen Halilovic (l.) profitiert von den Sprachkünsten des Bosniers

Foto: Witters

Nach langer Zwangspause soll der Bosnier in Leverkusen sein Comeback feiern. Für den HSV-Profi ist es eine Reise in die Vergangenheit.

Hamburg.  Als 36 Jahre alter Profi darf man mit Fug und Recht behaupten, alles im Fußball schon mal irgendwie, irgendwann, irgendwo erlebt zu haben. Emir Spahic spielte in elf Proficlubs. Im schönen Montpellier, im noch schöneren Sevilla und im so gar nicht schönen Leverkusen. Er wurde bei Lokomotive Moskau in die zweite Mannschaft versetzt und stand beim ehemaligen Milliardärsclub Anschi Machatschkala unter Vertrag, dessen Profis damals in Moskau lebten und zu jedem Heimspiel eine vierstündige Flugreise in die vom Terror bedrohte Republik Dagestan absolvierten.

Rekordverdächtige zwölfmal flog Spahic in seiner bisherigen Karriere vom Platz, insgesamt 88-mal stand der Bosnier für seine Heimat auf dem Platz. Doch das, was da am Dienstagabend im Länderspiel gegen Estland im Stadion Bilino Polje in Zenica vor sich ging, hatte auch der erfahrene Weltenbummler so noch nie erlebt. Die Kurzzusammenfassung: 6. Minute: Spahic-Kopfball aus sechs Metern, 1:0. Die 92. Minute: Spahic-Kopfball aus sieben Metern, 5:0. Zwei Kopfballtore in einem Länderspiel – und das als Abwehrspieler.

„Emir ist in Bosnien jetzt der Torjäger. Super wäre es natürlich, wenn er jetzt auch noch für den HSV das eine oder andere Tor erzielen würde“, scherzte HSV-Trainer Bruno Labbadia am Tag danach, um ganz im Ernst seine Freude über das geglückte Comeback seines lange verletzten Führungsspielers zu betonen: „Wir freuen uns sehr, dass er nach seiner Verletzung jetzt wieder voll zur Verfügung steht.“

Die Geschichte mit der Prügelei

Spahic ist zurück – und das gleich doppelt. Denn der unverzichtbare Abwehroldie feiert am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky) in Leverkusen nicht nur sein HSV-Comeback nach dem endlich ausgeheilten Bruch seiner Augenhöhle. Für Spahic ist das Spiel gleichzeitig die erste Rückkehr in die BayArena, die zwei Jahre lang seine Heimat war und in der er das letzte Mal am 8. April des vergangenen Jahres gespielt hat. Der Tag, der aus dem anerkannten Topprofi einen mutmaßlichen „Prügel-Profi“ („Bild“) machte.

Es waren die Momente nach dem DFB-Pokal-Halbfinale zwischen Leverkusen und Bayern München, die Spahics weiteren Karriereverlauf entscheidend verändern sollten. Zunächst gab es im Anschluss an die Partie ein heftiges Handgemenge, dann wurde der Defensivmann von einem Zuschauer gefilmt, wie er in die Offensive ging und einem Ordner eine Kopfnuss verpasste. Spahic wurde vom DFB für drei Monate gesperrt und von Leverkusen suspendiert. Ein Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung wurde im vergangenen Oktober gegen eine Geldstrafe von 75.000 Euro und ein Schmerzensgeld von 3000 Euro eingestellt.

Eine Rückkehr in die Vergangenheit

Klappe zu, Affe tot?

Ganz so einfach ist die Sache für Spahic nicht. Der pressescheue Abwehrmann will anderthalb Jahre später zwar nicht mehr über seine Kopfnuss reden, sondern lieber Kopfballtore sprechen lassen, aber vor seiner ersten Rückkehr nach Leverkusen wird der Bosnier kaum an den Geschehnissen von damals vorbeikommen. Im gewissen Sinne ist die Partie eine Rückkehr in die Vergangenheit. „Seine Reue wirkt nicht gespielt“, sagte Labbadia vor einem Jahr – und auch heute ist der Trainer froh, Spahic eine neue Chance beim HSV gegeben zu haben. „Emir ist mit seiner Qualität und seiner Erfahrung ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft. Er ist ein Profi durch und durch“, sagt Labbadia und betont: „Auf und neben dem Platz.“

Es ist also ausgerechnet der einstige „Prügel-Profi“, für den die Verantwortlichen in Hamburg in dieser Saison eine ganz besondere Rolle als Führungsspieler vorgesehen haben. „Ich bin überzeugt, dass Emir sich auch bei der Entwicklung unserer vielen jungen Spieler einbringen und sie unterstützen wird“, sagt Labbadia.

Spahic hilft Halilovic

Der HSV hat sich in der abgelaufenen Transferperiode um vier Jahre im Schnitt verjüngt. Erfahrende Spieler wie Gojko Kacar (29), Ivo Ilicevic (29), Ivica Olic (36) und Jaroslav Drobny (36) gingen, junge Hoffnungsträger wie Filip Kostic (23), Alen Halilovic (20), Bobby Wood (23) oder Douglas Santos (22) kamen. Und mittendrin im Kindergarten HSV: Oldie Spahic. „Für diese junge Mannschaft ist Emir auf und neben dem Platz sehr wichtig“, sagt auch Torhüter René Adler (31), nach Spahic der zweitälteste HSV-Profi im Kader: „Emir ist nicht nur aus Leistungsgründen ex­trem wichtig für uns. Er ist auch eine Führungspersönlichkeit in unserer Mannschaft.“

Dass Spahic auch im Positiven ein Mann der Tat ist, verdeutlicht der erst 20 Jahre alte Halilovic. „Emir redet jeden Tag mit mir“, sagt der Kroate, der sich mit dem Sprachenwunder auf Kroatisch austauscht. Spahic spricht Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, natürlich Kroatisch und eben Deutsch. „Emir hilft mir unheimlich viel. Er ist wirklich immer für mich da“, lobt Halilovic.

Adler sieht besondere Motivation

Auch am Sonnabend ist Spahic da, wo er am meisten gebraucht wird: neben Kapitän Johan Djourou in der Innenverteidigung. „In so einem hektischen Spiel wie gegen Ingolstadt hat man sehr deutlich gesehen, dass so einer wie Emir da hinten gefehlt hat“, sagt der frühere Bayer-Keeper Adler, der besser als kein anderer im Kader des HSV weiß, wie sich eine Rückkehr in die alte Heimat Leverkusen anfühlt: „Spiele in der alten Heimat sind doch irgendwie immer etwas Besonderes. Da kann man sagen, was man will. Auch Emir wird gegen seine alten Kollegen besonders motiviert sein.“

Irgendwie, irgendwo, irgendwann wird auch Spahic noch einmal Stellung beziehen. Zu Leverkusen, dem HSV und seinen weiteren Zielen in seiner wahrscheinlich letzten Saison als Profi. Doch bis es tatsächlich so weit ist, will Bosniens neuer Torjäger zunächst noch so häufig wie möglich zuschlagen. Besonders gerne mit dem Kopf – aber natürlich nur auf dem Platz, im gegnerischen Strafraum, mit dem Ball.