HSV-Gegner

„Die Bundesliga ist im Jugendwahn“

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Kai Schiller
Darmstadts Kapitän Aytac Sulu, 30, wurde erst im Alter von 25 Jahren Profi

Darmstadts Kapitän Aytac Sulu, 30, wurde erst im Alter von 25 Jahren Profi

Foto: dpa Picture-Alliance / Frank Hoermann

Vor dem HSV-Spiel gegen Darmstadt sprach das Abendblatt mit Aytac Sulu, der mit 29 Jahren sein erstes Bundesligaspiel absolvierte.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters hat Aytac Sulu noch nie im Volkspark gespielt. Einmal war er als Zuschauer dabei, als der HSV 2010 in der Sommervorbereitung gegen Chelsea testete. An diesem Sonnabend (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) darf er nun erstmals selbst als Fußballer im Volksparkstadion auflaufen. Sulu ist 30 Jahre alt – und er darf mit Fug und Recht behaupten, den wahrscheinlich ungewöhnlichsten Karriereweg aller Bundesligaprofis beschritten zu haben. Sein erstes Profispiel absolvierte der Deutschtürke mit 25 Jahren in der Dritten Liga beim VfR Aalen. Sein Erstligadebüt feierte der Innenverteidiger in der Türkei mit 27. Zweimal jeweils eine Minute durfte Sulu für den Hauptstadtclub Genclerbirligi Ankara aufs Feld, dann war der Traum von der Erstligakarriere schon wieder vorbei. Vorerst.

Der 1,83 Meter große Abwehrmann wechselte nach Darmstadt, dem damaligen Tabellenletzten der Dritten Liga. Ein nicht für möglich gehaltener Klassenerhalt und zwei noch weniger für möglich gehaltene Aufstiege später absolvierte der gebürtige Heidelberger mit 29 Jahren sein Bundeligadebüt. In seiner ersten Bundesligasaison stand Sulu bislang für Darmstadt in jedem Spiel von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz, musste nur auf eine Partie wegen einer Gelbsperre verzichten. Wie HSV-Stürmer Pierre-Michel Lasogga hat der Innenverteidiger sechs Saisontore erzielt, darunter fünf Kopfballtreffer, was ein europäischer Topwert ist. Sulus Marktwert stieg in den vergangenen zweieinhalb Jahren laut dem Onlineportal „transfermarkt.de“ von 300.000 Euro auf 1,5 Millionen Euro.

Hamburger Abendblatt: Herr Sulu, stellen Sie sich einmal kurz vor, Sie wären erst 20 Jahre alt. Wie hoch wäre wohl Ihr Marktwert?

Aytac Sulu: Puh, schwere Frage. Ein paar mehr Jährchen im Fußball-Oberhaus hätte ich dann womöglich noch vor mir. Aber was ich für einen Marktwert hätte, kann ich wirklich nicht einschätzen. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass diese ganzen Fabelsummen nur noch bedingt etwas mit der Realität zu tun haben.

Realität ist aber, dass noch nie ein Fußballclub eine Ablöse für Sie bezahlen musste. Warum nicht?

Sulu : Das stimmt nicht ganz. Der Bahlinger SC musste vor zehn Jahren eine Aufwandsentschädigung von 3500 Euro an den SV Sandhausen zahlen. Mehr Geld musste aber nie ein Club für mich bezahlen. Das hat sich nie ergeben.

Können Sie in drei Sätzen erklären, warum Sie – mit Verlaub – im reifen Fußballeralter von 30 Jahren plötzlich in der Form Ihres Lebens sind?

Sulu : Dafür brauche ich nicht drei Sätze, drei Halbsätze reichen: viel Training, ein bisschen Glück und das Vertrauen von ein paar Menschen, die irgendwie immer an mich geglaubt haben.

Das klingt simpel, vielleicht zu simpel.

Sulu : Kann sein. Aber die ganze Geschichte von Darmstadt 98 ist ja auch ziemlich einmalig in Fußball-Deutschland. Vor zweieinhalb Jahren waren wir schon so gut wie sicher in die vierte Liga abgestiegen – und jetzt mischen wir ziemlich gut in der Ersten Liga mit. Wenn man Darmstadts Erfolgsgeschichte erklären kann, dann haben Sie auch eine Erklärung für meine Geschichte.

Sie sind der Fleisch gewordene Gegenentwurf zum heutigen Nachwuchsspieler, wie sie massenhaft in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga gezüchtet werden. Ist es Ihnen zu pathetisch, wenn man Sie als Beispiel anführt, dass heutzutage eben doch noch alles im Fußball möglich ist?

Sulu : Überhaupt nicht. Ich finde es wichtig zu betonen, dass es nicht immer nur ums Alter, sondern auch um die Qualität gehen sollte. Mir wird heutzutage ein viel zu großer Hype um das Alter gemacht. Die Bundesliga ist im Jugendwahn. Alle müssen immer noch schneller, besser, jünger sein. Dabei vergisst man oft, dass es natürlich auch noch richtig gute Spieler geben kann, die vielleicht etwas später dran sind. Auf der einen Seite war ich vielleicht sehr spät dran, auf der anderen Seite finde ich es auch ein wenig absurd, wenn man mit 27 oder 28 schon zum alten Eisen gezählt wird.

Bereuen Sie es manchmal auch ein wenig, dass Sie nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen haben?

Sulu : Überhaupt nicht. Zu meiner Zeit gab es noch keine Nachwuchsleistungszentren – und ich habe nicht das Gefühl, dass mir das geschadet hat. Die fußballerische Ausbildung ist dort sicher sehr gut, aber ich weiß nicht, inwieweit man seine eigene Persönlichkeit entwickeln kann, wenn das ganze Leben nach einem Stundenplan organisiert ist. Der Fußballtag geht morgens um acht Uhr los und hört erst am späten Abend auf.

Sie haben als Jugendlicher nicht von morgens bis abends an Fußball gedacht?

Sulu : Doch, klar. Aber irgendwie war alles freier. Man ist zur Schule gegangen – und dann hat man sich eben nachmittags mit den Kumpels auf dem Bolzplatz verabredet. Wenn man aber mal einen Tag keine Lust hatte, dann hatte man eben keine Lust. Ich denke schon, dass ich Freiheiten hatte, die viele Jungs heute nicht mehr haben. Ich konnte meine Fehler machen – und dann daraus lernen. Fairerweise muss man aber sagen, dass es vor zwölf Jahren ein anderes Fußballzeitalter war.

Glauben Sie, dass so eine Karriere wie Ihre in zehn bis zwölf Jahren nicht mehr möglich sein wird?

Sulu : Schwierig. Der Fußball wird immer durchorganisierter, die Karriere wird immer mehr planbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Zukunft noch viele Fußballer gibt, die mit 29 Jahren ihr Bundesligadebüt geben.

Haben Sie nicht mit 18 Jahren von der großen Fußballkarriere geträumt?

Sulu : Sicherlich habe ich geträumt, aber dieser Traum war weit weg. Ich habe mit 18 Jahren mein Elternhaus verlassen und bin zum Bahlinger SC in die Verbandsliga gewechselt. Dort konnte man natürlich nicht vom Fußball leben. Ich habe dann parallel eine Ausbildung zum Automobilkaufmann absolviert, weil ich schon immer ein Autofan war. Fußball war mein Hobby, Autos sollten mein Beruf werden.

Und Sie haben beide Dinge problemlos unter einen Hut bekommen?

Sulu : Ich habe von morgens um 8 Uhr bis zum späten Nachmittag um 17 Uhr gearbeitet, abends gegen 19 Uhr war dann Training. Und genauso haben das alle anderen in der Mannschaft auch gemacht. Natürlich hat der eine oder andere davon geträumt, doch noch den Durchbruch im Fußball zu schaffen. Aber uns war auch klar, dass man mit einer schlimmen Verletzung weg vom Fenster sein kann. Also war die Ausbildung der sichere Weg.

Ihr einstiger Förderer Rainer Scharinger hat gesagt, dass es Ihnen gut getan hat, dass Sie auch wissen, wie ein normaler Gehaltszettel mit 2000 Euro brutto im Monat aussieht. Wie kann er das gemeint haben?

Sulu : Wahrscheinlich meinte er, dass man geerdet wird, wenn man nicht nur in dieser Blase Profifußball lebt. Gerade die Zeit in Bahlingen, wo ich parallel arbeiten und Fußball spielen musste, hat mir sehr gut gefallen. Im Automobilhaus habe ich ein ganz normales Ausbildungsgehalt bekommen. Und auch damit bin ich ohne Probleme über die Runden gekommen. Fußball ist nicht das normale Leben, das sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen. Das hilft ungemein.

Ärgern Sie sich nie, dass Sie erst jetzt die fetten Jahre in der Bundesliga mitmachen dürfen?

Sulu : Keine Sekunde. Ich trauere überhaupt nichts hinterher, ganz im Gegenteil. Für mich ist mit der Bundesliga ein Traum in Erfüllung gegangen, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte. Dass ich für mein Hobby auch noch ganz gutes Geld bekomme, ist überragend. Warum sollte ich mich ärgern?

Sie waren 27 Jahre alt, als Sie aus Altach nach Darmstadt zum damaligen Tabellenletzten der Dritten Liga wechselten. Hätten Sie Ihre Fußballkarriere beendet, wenn Darmstadt tatsächlich in die vierte Liga abgestiegen wäre?

Sulu : Ich saß mit meiner Frau im Wohnzimmer und habe das Spielchen „Was wäre wenn“ gespielt. Wäre Darmstadt tatsächlich abgestiegen, hätte es für mich zwei Optionen gegeben. Entweder zu einem ambitionierten Drittligisten zu wechseln, um doch noch ein letztes Mal den Durchbruch im Fußball zu schaffen. Oder zu einem Oberligisten zu wechseln, um mich dann mehr auf einen anderen Berufsweg zu konzentrieren. Am Ende brauchte ich keine der beiden Optionen weiterverfolgen – und zweieinhalb Jahre später darf ich nun am Wochenende gegen den HSV spielen. Wahnsinn, oder?

Da Ihre ganze Karriere wie ein einziger Traum klingt, würden wir gerne noch ein bisschen weiter mit Ihnen träumen. Traum Nummer eins: Klassenerhalt mit Darmstadt?

Sulu : Das ist unser größter Traum. Sechs Spieltage vor Saisonende haben wir es selbst in der Hand, womit vor der Saison kaum jemand gerechnet hat.

Traum Nummer zwei: nach fünf Kopfballtreffern in dieser Saison die meisten Kopfballtore in ganz Europa als Innenverteidiger zu erzielen?

Sulu : Ein oder zwei Kopfballtore möchte ich schon noch machen. Die Europastatistik ist mir ein bisschen egal, aber vor allem zu Hause würde ich gerne mal einen reinmachen. Bislang habe ich alle Kopfballtore auswärts erzielt...

… mit gerade mal 1,83 Metern…

Sulu : Das Timing ist entscheidend. Und das Training. In der Jugend habe ich noch ganz konservativ am Kopfballpendel trainieren müssen. Ich weiß nicht, ob es die heute noch in den Nachwuchsleistungszentren gibt …

Traum Nummer drei: Mit der Türkei zur EM als wohl einer der ältesten Nationalmannschaftsdebütanten reisen?

Sulu : Davon habe ich natürlich schon als Kind geträumt. Und ich habe auch gehört, dass schon ab und an einer von der türkischen Nationalmannschaft im Stadion war, um mich ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Gibt es noch einen Traum der Nummer vier?

Sulu : Es gibt so viele Träume. Derzeit absolviere ich parallel mein Fernstudium als Sportmanagement am IST-Studieninstitut und will danach auch nach und nach meine Trainerscheine machen. Aber zunächst will ich noch ein paar Jahre Fußball spielen. Ich lebe meinen Traum. Mehr geht nicht, oder?

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