1. Bundesliga

Die lange Suche des HSV nach dem großen Investor

Marketingvorstand Joachim Hilke (v. l.), Chefkontrolleur Karl Gernandt, Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer und Finanzchef Frank Wettstein suchen Geldgeber

Marketingvorstand Joachim Hilke (v. l.), Chefkontrolleur Karl Gernandt, Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer und Finanzchef Frank Wettstein suchen Geldgeber

Foto: Witters

Hamburger SV verkauft Stück für Stück Anteile, hat aber noch keinen strategischen Partner gefunden. Experte fordert mutige Visionen.

Hamburg.  Heino Burmeister ist in Eile. Soeben kommt der Geschäftsführer von Frucht-Service Hamburg aus einer Konferenz. Die nächste Sitzung steht schon an. Ob er trotzdem kurz Zeit habe, am Telefon über den HSV zu sprechen? „Es handelt sich um eine Privatinvestition. Das hat mit der Firma nichts zu tun“, sagt Burmeister. Am Wochenende war nach einem Bericht der „Bild“ bekannt geworden, dass Burmeister Ende November gemeinsam mit seinen Brüdern Maik und Gerhard sowie Vater Ernst für 4,03 Millionen Euro 1,5 Prozent Anteile an der HSV Fußball AG erworben hatte. Als Privatinvestoren. Mal wieder.

Nach Spediteur Klaus-Michael Kühne (11 Prozent), Agrarunternehmer Helmut Bohnhorst (1,5) und Ex-Weinhändler Alexander Margaritoff (0,75) ist die Familie Burmeister der vierte externe Geldgeber, der in den HSV investiert. 14,75 Prozent der Anteile an der AG sind damit veräußert. 24,9 Prozent darf der HSV laut Satzung verkaufen. Der erhoffte strategische Partner ist aber weiter nicht in Sicht. „Wir arbeiten unermüdlich daran, neben den Herzblutinvestoren finanzstarke Firmen für uns zu begeistern“, sagte Aufsichtsratschef Karl Gernandt auf der jüngsten Mitgliederversammlung. Ob sich dieser Partner angesichts von nur noch 10,15 Prozent zu vergebenen Anteilen noch finden wird, erscheint fraglicher als je zuvor, seit der HSV seine Fußballabteilung im Juli 2014 in die AG ausgliederte. „Wir haben einen realistischen Zeitraum von drei Jahren genannt“, sagt Gernandt.

Stückweise hat der HSV seine Anteile seit der Ausgliederung an vier Privatinvestoren verkauft. Und es scheint nicht ausgeschlossen, dass dasselbe mit den restlichen Anteilen geschieht. „Wir wollen unser Kapital mithilfe des privaten Umfelds des HSV stärken und unseren Aktionärskreis auf eine breite Basis stellen“, sagte Finanzvorstand Frank Wettstein kürzlich im Interview mit der „Finance“. So soll vermieden werden, dass ein einzelner Investor eine Sperrminorität ausüben kann, also die Möglichkeit, bei bestimmten Abstimmungen durch eine Mehrheit Entscheidungen zu blockieren.

Doch hier liegt gleichzeitig ein Problem bei der Suche nach einem strategischen Partner. Das glaubt zumindest Martin Kind, Präsident von Ligakonkurrent Hannover 96 und gleichzeitig mit 27 Prozent als Gesellschafter an der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA beteiligt. „Wenn der Verkauf der Anteile limitiert und der Preis hoch bewertet ist, werden die Investoren nicht Schlange stehen, da sie nur geringen Einfluss auf das Unternehmen nehmen können. Das widerspricht jeder wirtschaftlichen Vernunft“, sagt Kind, der die Profifußballabteilung in Hannover bereits 1999 im Zuge der drohenden Insolvenz ausgegliedert hatte und sechs private Gesellschafter als Geldgeber gewinnen konnte. Ähnlich wie es jetzt beim HSV passiert.

Dass es den Hamburgern schwer fällt, an einem so großen Wirtschaftsstandort strategische Partner zu finden, macht Kind zwar nachdenklich, den Weg der Ausgliederung sieht er aber nicht als Fehler. „Proficlubs sind Wirtschaftsunternehmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man dafür auch die entsprechende Rechtsform braucht“, sagt Kind im Gespräch mit dem Abendblatt. „Dem HSV bleibt durch die Limitierung der Anteile nichts anderes übrig, als sich bei den Investoren breit aufzustellen.“

Zumindest müssen die Fans auf diesem Weg nicht fürchten, dass sich der HSV einem einzigen dominanten Investor ausliefert, so wie es 1860 München mit Hassan Ismaik gemacht hat. Der jordanische Investor hält 60 Prozent der Anteile an dem Zweitliga-Vorletzten. Als Vorbild gilt dagegen der FC Bayern München. Mit der Allianz, Audi und Adidas verfügt der Verein über drei große strategische Partner, die jeweils mit 8,33 Prozent an der AG beteiligt sind. In der Größenordnung dieser Unternehmen kann sich der HSV angesichts der finanziellen Schieflage mit rund 90 Millionen Euro Verbindlichkeiten nicht bewegen. „Die Aktionäre verlangen einen strategischen Mehrwert, in der Regel durch exklusive Werbeverträge“, sagt Finanzchef Wettstein. Der HSV habe aber erst kürzlich mit den wichtigsten Werbeträgern Emi­rates, Adidas und Bitburger verlängert.

Andere Lösungen müssen also her. Chefkontrolleur Gernandt hatte zuletzt betont, dass viele Unternehmen angesichts der Skandale um die Fifa, den DFB oder Volkswagen mit Investitionen in den Sport derzeit vorsichtig seien. Eine Begründung, die Siegfried Friedrich nicht gelten lassen will. Der Wirtschaftsprüfer arbeitet als Vorsitzender des Competence Center Sport bei Baker Tilly Roelfs. Ein Unternehmen, das Vereine bei der Ausgliederung berät. Frank Wettstein hat mit der Firma vor einigen Jahren den BVB saniert. „Man muss den Mut haben, sportliche Visionen zu formulieren. Damit lassen sich strategische Partner schon begeistern“, sagt Friedrich dem Abendblatt.

Der HSV müsse das Ziel haben, dauerhaft in internationalen Wettbewerben mitzuspielen. „Die Identifikationsfiguren, denen man folgen soll, müssen sich zu solchen Zielen committen. Ein Club wie der HSV braucht Leuchttürme, die wirken“, sagt Friedrich. Gehen die Verantwortlichen zu defensiv vor, werde der HSV keine strategischen Partner finden. „Der Verein muss ein ganzheitliches Konzept haben, zielgerichtet auf geeignete Investoren zugehen und ein individuelles Angebot präsentieren“, sagt Friedrich.

Bleibt der HSV bei seinem Zeitplan, hat er noch 16 Monate, um sein Ziel zu verwirklichen. Ob er sich diese Zeit auch lassen wird, darf bezweifelt werden. Denn wie sagte Gernandt erst im Januar: „Wir brauchen jeden Cent.“

Je schneller, desto besser.