HSV-Trainingslager

Wegen Hamburger Firma: Halbe Liga trainiert in der Türkei

Michael Gregoritsch (l.) und Lewis Holtby freuen sich am Hamburger Flughafen auf das Trainingslager in der Türkei

Michael Gregoritsch (l.) und Lewis Holtby freuen sich am Hamburger Flughafen auf das Trainingslager in der Türkei

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Die Partnerschaft mit dem Hamburger Start-up-Unternehmen ist kostspielig. Der erste Trainingstag des HSV könnte ins Wasser fallen.

Hamburg/Belek.  Peter Knäbel ist Optimist. Eine Mütze habe er zwar dabei, aber „eine Regenjacke habe ich gar nicht erst eingepackt“, sagte der HSV-Sportchef, den die vielen Meldungen über Dauerregen im Winterlager des HSV kurz vor dem Abflug nach Antalya kaltließen. Gegen 20.30 Uhr türkischer Zeit landete die Maschine mit dem schönen Namen „Sunexpress“ nach knapp vierstündigem Flug und einer Viertelstunde Verspätung in Antalya, 32 Kilometer von Belek entfernt. Der Himmel bedeckt, ein paar Tropfen hier, ein paar Tropfen dort. „Aber wir sind ja nicht aus Zucker“, so Knäbel.

Nach fünf Jahren in den immer heißen Wüstenemiraten Dubai und Abu Dhabi nun also wieder Belek, wo sich in diesem Jahr – dem Wetter zum Trotz – fast die halbe Bundesliga auf die Rückrunde vorbereitet (siehe Grafik). In einem Radius von nur wenigen Kilometern trainieren neben dem HSV auch die Ligakonkurrenten Hannover 96, Hertha BSC, der VfB Stuttgart, Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach und Darmstadt 98 gleichzeitig an der türkischen Riviera, zudem haben sich noch elf Zweitligaclubs – darunter auch der FC St. Pauli – an der Mittelmeerküste angekündigt. Bleibt nur eine Frage: Warum eigentlich Belek?

Gerade mal 6640 Einwohner hat die All-inclusive-Hochburg, in der vor allem deutsche Pauschaltouristen im Winter ein bisschen Strand, Golfplätze und All-you-can-eat-Büfetts genießen. Und trotzdem behauptet Henning Rießelmann: „Das Gesamtprodukt Belek ist für Fußballclubs einfach unschlagbar.“ Der Geschäftsführer der Agentur Match IQ ist so eine Art Trainingslager-Papst. Mit seiner Hamburger Agentur hat er alleine in diesem Winter 30 Vorbereitungslager organisiert. Den VfL Wolfsburg hat Match IQ in Portugal einquartiert, Bayer Leverkusen und Schalke im fernen Florida. Doch Belek biete laut Rießelmann von allen Optionen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. „Das Hotel vom HSV ist sogar besser als das der Bayern in Katar“, sagt der 32 Jahre alte Jungunternehmer.

HSV zahlt jährlich 100.000 Euro an die Firma

Tatsächlich dürfte das Sueno De­luxe auch den luxusverwöhnten Hamburgern keine Wünsche offen lassen. HSV-Teammanager Thomas Westphal hat sich gemeinsam mit einem Match-IQ-Mitarbeiter im Vorfeld höchstpersönlich von Rasenqualität und Infrastruktur der Edelherberge überzeugt. Das Fünf-Sterne-plus-Hotel wurde erst vor einem halben Jahr eröffnet, auf der Anlage gibt es zwei Trainingsplätze und einen kleinen Kunstrasenplatz. Doch trotz angeblich optimaler Bedingungen sei der zehntägige Trip nach Belek laut Rießelmann für den Club billiger als die von HSV-Sponsor Emirates subventionierten Trainingslager in Dubai.

Hauptgrund hierfür soll das neue Geschäftsmodell der Hamburger Agentur Match IQ sein, die ihren Hauptsitz in der Friedensallee in Ottensen hat. „Wir haben das Trainingslager-Business ein Stück weit umgekrempelt, verfolgen einen nachhaltigen Ansatz“, sagt Rießelmann, der gemeinsam mit dem früheren HSV-Direktor Nicholas MacGowan das erst drei Jahre alte Start-up-Unternehmen seit zwei Jahren führt. So würde Match IQ keine Marge bei den kostspieligen Trainingslagern verlangen, sich stattdessen durch eine Jahresvergütung finanzieren. Der angebliche Vorteil für die Clubs: Match IQ biete quasi eine Flatrate für die Organisation von Winter- und Sommertrainingslagern, Freundschaftsspielen und würde darüber hinaus Strategien und Konzepte für die jeweiligen Bedürfnisse der Clubs entwickeln. Der Vorteil für die Agentur: Durch die Pauschalvergütung und die mehrjährigen Vertragspartnerschaften hat die noch junge Firma Planungssicherheit. Der HSV soll beispielsweise knapp 100.000 Euro jährlich zahlen, ein neuer Dreijahresvertrag in Kürze unterzeichnet werden.

Dabei war nicht jeder beim HSV von Anfang an von der nicht ganz billigen Partnerschaft überzeugt. Besonders im früheren Aufsichtsrat wurde laut nachgefragt, warum der finanzschwache Club von nun an einen sehr satten fünfstelligen Betrag für etwas zahlen muss, um das sich die Vereinsverantwortlichen über Jahre selbst gekümmert haben. „Wir wollen dafür sorgen, dass sich der HSV ausschließlich auf den Sport konzentrieren kann“, kontert Rießelmann, dessen wachsender Erfolg zumindest indiskutabel ist.

Match IQ ist Partner von Chelsea und ManCity

So ist aus der 2012 gegründeten Ein-Mann-Firma in nur drei Jahren ein Global Player im Haifischbecken Profifußball geworden. Das Hamburger Unternehmen hat 25 feste Mitarbeiter und alleine im Winter rund 30 Pauschalkräfte in Belek im Einsatz. Neben den bereits eröffneten Büros in Hamburg, Antalya und in den USA sollen in Kürze noch weitere internationale Standorte hinzukommen. „Es gibt kaum einen Verein auf der Welt, der uns nicht kennt“, behauptet Rießelmann nicht ohne Stolz und führt die neuen Partnerschaften von Manchester City und Chelsea als Beispiele an.

Dass zur Organisation von Trainingslagern weit mehr als nur ein guter Rasenplatz und zwei bis drei ordentliche Testspielgegner gehören, wurde besonders in diesem Winter deutlich. So hat die politische Großwetterlage auch auf das normalerweise sonnenverwöhnte Belek Auswirkungen. Zum einen haben sämtliche Vereine aus Russland, das spätestens nach dem Abschuss eines russischen Kampfbombers einen politischen Dauerstreit mit der Türkei führt, ihre bereits gebuchten Trainingslager in Belek storniert. Zum anderen haben mehrere Anschläge in der Türkei auch bei den deutschen Bundesligaclubs für Unbehagen gesorgt. „Wir haben das natürlich sehr ernst genommen, mit allen Hotels über die Sicherheitsbestimmungen gesprochen und uns auch beim Auswärtigen Amt informiert“, sagt Rießelmann. Trotzdem soll Hannover 96 sogar eine Absage erwogen haben, sich dann aber doch überzeugt haben lassen. „In Zeiten wie diesen kann man nie hundertprozentige Sicherheit garantieren, aber ich würde mir keine Sorgen machen“, beschwichtigt der frühere Senior Director von Sportfive. „Wenn es politisch eng geworden wäre, hätten wir sofort umplanen können. Wir waren da komplett abgesichert.“

Seit September haben Rießelmann und Co die aktuellen Winterlager der Bundesligaclubs, denen vor Ort je ein Match-IQ-Mitarbeiter zur Seite steht, organisiert. „Trainingslager sind eine Wissenschaft für sich“, sagt der gebürtige Norddeutsche, der bei aller Perfektion auf eine Sache aber auch keinen Einfluss hat: das Wetter. Auch für den ersten HSV-Trainingstag an diesem Donnerstag sind für die „Sunexpress“-Reisenden Dauerregen und Temperaturen um 17 Grad angekündigt. Aber eine Mütze hat HSV-Manager Knäbel ja immerhin dabei.