Transferpläne

Wie der HSV trotz Geldmangels nach Neuzugängen fahndet

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Henrik Jacobs
Österreichs U21-Nationalspieler Alessandro Schöpf behauptet sich gegen DFB-Talent Julian Weigl. Der Nürnberger wird vom HSV intensiv beobachtet

Österreichs U21-Nationalspieler Alessandro Schöpf behauptet sich gegen DFB-Talent Julian Weigl. Der Nürnberger wird vom HSV intensiv beobachtet

Foto: Micha Will / Bongarts/Getty Images

Aufgrund der finanziellen Notlage haben die Hamburger ihr Scoutingkonzept umgestellt. Diese jungen Spieler stehen im Fokus.

Hamburg.  Wer sich am Dienstagabend auf der Haupttribüne der Wolfsburger Volkswagen-Arena umgesehen hat, konnte möglicherweise Peter Knäbel erspähen. Der Direktor Profifußball des HSV sah sich das Champions- League­-Spiel zwischen dem VfL und Manchester United an. Knäbel beobachtete allerdings keine potenziellen Neuzugänge, sondern den kommenden Gegner des HSV in der Bundesliga.

Wenn die Hamburger in den europäischen Stadien derzeit nach Verstärkungen suchen, dann tun sie das in den seltensten Fällen in der Champions League. Auf der Suche nach neuen Spielern geht der HSV neue Wege. In den Fokus rücken immer häufiger junge, entwicklungsfähige Spieler aus der Zweiten Liga. Bereits im Sommer holte Knäbel Michael Gregoritsch aus Bochum.

Nun steht ein weiterer Spieler aus Liga zwei auf der Hamburger Liste. Und wieder handelt es sich um einen U21-Nationalspieler aus Österreich. Nach Abendblatt-Informationen ist der HSV an einer Verpflichtung von Alessandro Schöpf, 21, interessiert. Der Regisseur des 1. FC Nürnberg hat sich in das Blickfeld mehrerer Bundesligisten gespielt. Neben dem HSV buhlen auch Hannover 96 und der VfB Stuttgart um den Mittelfeldspieler. Knäbel beobachtete Schöpf unter anderem beim EM-Qualifikationsspiel der deutschen U21 gegen Österreich vor drei Wochen.

HSV-Motto: Vorbereitung trifft Gelegenheit

Dass sich der HSV zunehmend mit Talenten aus der Zweiten Liga beschäftigt, ist neben der finanziellen Notlage auch eine Folge des ausufernden Konkurrenzkampfes auf dem nationalen und internationalen Transfermarkt. Die Hamburger haben sich davon verabschiedet, mit den deutschen Topclubs um besonders begehrte Spieler zu streiten. In der Markthierarchie misst sich der HSV mit Vereinen wie Frankfurt, Köln oder Hertha BSC. Auch deshalb hat man sich im Volkspark in der Scoutingstrategie neu ausgerichtet. „Ziel ist es, Spieler zu oder sogar unter ihrem eigentlichen Wert zu bekommen und somit die verfügbaren finanziellen Mittel effizient einzusetzen“, sagt Benjamin Schmedes. Der 30-Jährige leitet seit 15 Monaten die Scoutingabteilung des HSV. Zuvor arbeitete Schmedes, der in der Jugend für Werder Bremen spielte, als Assistent des alten Vorstandes und als rechte Hand des ehemaligen Sportdirektors Oliver Kreuzer.

Nun führt er beim HSV ein festes Team aus sechs Scouts mit Michael Schröder und Harald Spörl an der Spitze. Gemeinsam arbeiten sie an einer Datenbank mit sämtlichen relevanten Namen. Für jeden interessanten Spieler wird ein individuelles, videogestütztes Stärken-Schwächen-Profil erstellt. So sind die Scouts vorbereitet, wenn die sportliche Führung mit einem Anforderungsprofil auf sie zukommt. „Die Zeiten, in denen man unbekannte Spieler entdeckt hat, sind vorbei. Durch globale Netzwerke und Videodatenbanken sind nahezu alle relevanten Spieler bekannt“, sagt Schmedes. „Die Kunst ist, die richtige Einschätzung zu treffen.“

Der HSV verfährt dabei nach dem Motto Vorbereitung trifft Gelegenheit. Mitunter beschäftigen sich die Scouts über mehrere Transferperioden mit einem Spieler. Auch die Verpflichtung von Aaron Hunt, der im Sommer erst am letzten Tag des Transferfensters kam, war kein Schnellschuss. Schon im Winter wollte man Hunt aus Wolfsburg holen, doch erst jetzt gab es die Gelegenheit, ihn günstig zu bekommen.

Ekdal war schönstes Scoutingprodukt

Neben seinem festen Team arbeitet der HSV mit freiberuflichen Scouts zusammen, die auf den internationalen Märkten tätig sind. So war es dem HSV möglich, den Schweden Albin Ekdal über Monate in Italien zu beobachten. Dabei war klar, dass es nur im Falle eines Abstiegs von Cagliari Calcio und des eigenen Klassenerhalts zu einem Transfer kommen würde. Als der Moment eintrat, war der HSV entsprechend vorbereitet. „Albin war im Sommer unser schönstes Scoutingprodukt. Der Transfer war lange vorbereitet. Wir hatten einen sogenannten Verbindungsspieler für das zentrale Mittelfeld gesucht, der unser Spiel planvoll nach vorne leiten kann“, sagt Schmedes.

Klar ist aber, dass der HSV 4,5 Millionen Euro wie für Ekdal derzeit nicht ausgeben kann. Und so gilt es mehr denn je, die größten Talente schon im Jugendbereich zu finden. Deswegen hat der HSV verstärkt in das Nachwuchsscouting von der U16 bis zur U23 unter der Leitung von Benjamin Scherner, 29, investiert. Peter Knäbel formuliert sein Ziel wie folgt: „Wir wollen den Markt in Norddeutschland dominieren, aus dem Norden heraus wachsen und neue Märkte entdecken.“

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