Hamburger SV

Jungs Entdecker: In einem Punkt war er besser als Özil

Gideon Jung hat bisher fünf Bundesligaspiele für den HSV absolviert. Der Single wohnt alleine in Eidelstedt und spielt Fußball lieber auf dem Platz als auf der Playstation

Gideon Jung hat bisher fünf Bundesligaspiele für den HSV absolviert. Der Single wohnt alleine in Eidelstedt und spielt Fußball lieber auf dem Platz als auf der Playstation

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Dass Gideon Jung derzeit viel Freude bereitet, ist HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer zu verdanken, der nach einem Anruf sofort zuschlug.

Hamburg.  Das HSV-Training am Mittwoch war soeben beendet, da schnappte sich Gideon Jung einen Ball und marschierte ganz allein auf den Nebenplatz, um die Kugel immer wieder gegen die Ballwand zu schießen. „Einige gehen sofort in die Kabine, andere schießen noch aufs Tor, doch ich muss mein Passspiel trainieren, deshalb mache ich solche Übungen notfalls auch alleine“, sagte der Defensivspieler im Gespräch mit dem Abendblatt.

Genau diese Einstellung ist es, die den Verantwortlichen des HSV imponiert und die Jung innerhalb kurzer Zeit von einem Regionalligaspieler zu einem Bundesligaprofi gemacht hat, der unter anderem gegen die Bayern und Borussia Dortmund in der Startelf stand und auch am Sonnabend bei Werder Bremen (15.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) gute Chancen hat, zur Anfangsformation zu zählen.

Dass sich der Bundesliga-Dino rühmen darf, ein deutsches Talent in seinen Reihen zu haben, das auch bei U21-Trainer Horst Hrubesch auf dem Zettel steht, hat der Club zunächst einmal Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer zu verdanken. Dieser erstaunte kurz nach Jungs 150.000-Euro-Verpflichtung plus Ablösespiel von Regionalligist Rot-Weiß Oberhausen im Sommer 2014 mit der Aussage, dass er den damals 19-Jährigen „vom Sofa aus“ verpflichtet habe, also ohne ihn vorher ausgiebig scouten zu lassen. Und diesen Mythos bestätigte RWO-Sportchef Frank Kontny nun. „Didi rief mich an: Frank, ich habe hier gerade euer Spiel im Fernsehen gesehen. Du bist so lange im Geschäft: Der Gideon Jung, kann der wat? Und ich habe geantwortet: Der kann wat“, erinnert sich der Ex-Profi.

Bis zur B-Jugend spielte Jung Stürmer

Erst daraufhin sei es zu Gesprächen gekommen, die Jung derart imponiert hätten, dass er sich gegen Angebote des 1. FC Kaiserslautern und der SpVgg Greuther Fürth entschied und dem HSV den Zuschlag gab, obwohl der Schritt in die Erste Liga groß war. Zunächst auch zu groß, denn im ersten Jahr fand sich Jung ausschließlich in der U23 wieder. Doch während der Vorbereitung auf die aktuelle Saison konnte der gebürtige Düsseldorfer mit ghanaischen Wurzeln Trainer Bruno Labbadia erstmals überzeugen und wurde als „Innenverteidiger Nummer vier“ eingestuft.

Doch der Coach änderte seine Meinung ein wenig, denn im Premieren-Spiel gegen die Bayern fand sich der Wahl-Eidelstedter sofort in der Startelf und dann auch noch im defensiven Mittelfeld wieder. „Dort fühle ich mich immer noch ein bisschen wohler, doch weil ich in der letzten Saison in der U23 nur Abwehrspieler war, habe ich mich auch an diese Position gewöhnt“, erklärt der heute 21-Jährige, der sich in der B-Jugend bei verschiedenen Probetrainings noch als Stürmer vorgestellt hatte. Beim MSV Duisburg fiel er durch, in Oberhausen wurde sein Talent erkannt. „Seine Schnelligkeit, seine intelligente Art auf dem Platz, die Lauf- und Zweikampfstärke hatten uns überzeugt, dass aus ihm was werden kann. Und zwar im Defensivbereich“, sagt Kontny, der sogar zwei sehr prominente Vergleiche nicht scheut: „Ich hatte Mesut Özil bei Rot-Weiß Essen und die Altintop-Brüder in Wattenscheid, doch eine so hohe Akzeptanz wie Gideon in der ersten Mannschaft hatte keiner von denen im ersten halben Jahr.“

Doch wie so oft bei jungen Profis geht es nicht nur steil bergauf. Vor seinem dritten Bundesligaeinsatz beim 1. FC Köln hatte Jung im Training einen Schlag auf die Wade bekommen, fühlte sich nicht sonderlich gut und fand gegen die Kölner auf dem Platz kaum statt. In der Pause wurde er ausgewechselt und war von diesem Zeitpunkt an raus aus dem Kader. „Ich habe in diesen Monaten selber gemerkt, dass ich nicht richtig da war, dass nicht viel funktioniert hat. Aber durch meine Einsätze in der U23 konnte ich wieder Selbstvertrauen tanken“, blickt Jung zurück.

Jung kämpft gegen Díaz um Startplatz

Dieses ist mittlerweile wieder voll da, das hat auch Labbadia erkannt, der seinem Schützling nach dem Sieg gegen Dortmund ein Extralob aussprach. „Gideon hat es wirklich gut gemacht, er hatte keine Anpassungsprobleme. Schön, wieder ein bisschen die Qual der Wahl zu haben“, sagte der Trainer, der sich gegen Werder nun zwischen Jung und Marcelo Díaz entscheiden muss. Jung ist sich auf jeden Fall bewusst, dass dieses Spiel keines wie jedes andere ist. „Das wird brisant, ein Derby ist immer entscheidend. Gewinnst du da, machst du vieles, was vorher negativ war, vergessen. Ich kenne das aus Oberhausen, als wir gegen Essen gespielt haben. Aber HSV gegen Werder wird wohl noch mal eine Nummer härter“, prognostiziert der 1,89-Meter-Schlaks.

Weiter will Jung noch nicht denken. Eine mögliche Teilnahme am olympischen Fußballturnier 2016 in Rio tut er mit einem Lächeln ab, gibt aber zu, dass dies ein „Highlight“ wäre. Ein durchaus realistisches Fernziel, sollte Jung regelmäßig in der Bundesliga auflaufen. An seiner Einstellung wird er zumindest nicht scheitern.