Hamburger SV

Das älteste HSV-Mitglied schwärmt vom "Messi der 30er Jahre"

Hier werden viele Erinnerungen wach: Oscar Algner in der Schatzkammer des HSV-Museums im Hamburger Volksparkstadion

Hier werden viele Erinnerungen wach: Oscar Algner in der Schatzkammer des HSV-Museums im Hamburger Volksparkstadion

Foto: Roland Magunia / HA

Oscar Algner trägt sei 85 Jahren die Raute im Herzen. Das Abendblatt traf den 92-Jährigen zur Geschichtsstunde im HSV-Museum.

Hamburg. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Welt noch eine andere war, als Oscar Algner zum ersten Mal mit zum HSV durfte. Im fernen Kalifornien erfindet Walt Disney Mickymaus, Che Guevara wird in Argentinien geboren, und eine Eintrittskarte für den nahe gelegenen Rothenbaum muss noch mit Reichsmark bezahlt werden. „Das ist wirklich lange her“, sagt Algner, „aber ich kann mich noch genauso daran erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre.“

Dabei ist „gestern“ 87 Jahre her. Es war 1928, als Oscar Algner, damals fünf Jahre alt, einen Meter hinter der Torauslinie auf einer Holzbank Platz nahm. Neben ihm sein Vater, dann Herr Mertens, Herr Bunge und Herr Buchholz. „Immer wenn der Ball knapp am rechten Pfosten vorbei ging“, erinnert sich Algner, „mussten wir uns schnell ducken.“

Das eigentliche HSV-Museum, das wird schon am Eingang klar, ist Algner selbst

Fast neun Jahrzehnte später steht Oscar Algner, dunkler Anzug, goldene Manschettenknöpfe, blau-weiß gestreifte Krawatte, im Eingangsbereich des HSV-Museums in der ersten Etage des Volksparkstadions. Ein Hanseat durch und durch. Höflich, zurück­haltend, aber auch mit 92 Jahren noch mit wachen Augen und dem spitzbübischen Lächeln eines Teenagers. Zum Jubiläum für 85 Jahre HSV-Mitgliedschaft erhält der Privatier eine Sonderführung mit Museumsleiter Niko Stövhase. Es gibt Pokale zu sehen, Meisterschalen, Festschriften und jede Menge Vereinsexponate. Doch das eigentliche HSV-Museum, das wird schon am Eingang klar, ist Algner selbst.

Aus dem Lautsprecher hört man nach ein paar Metern die alte HSV-Hymne. „Und wenn einst nach vielen Jahren das Geschick uns hat zerstreut, wir des Lebens Meer befahren, denken an die Jugendzeit, wenn die Sehnsucht sich wird rühren nach dem alten Freundeskreis.“ Algner lauscht kurz, singt dann textsicher mit: „Dann soll uns zusammenführen unsre Fahne Ruhmespreis, dann soll’n uns zusammenführen unsre Fahnen Blau-Schwarz-Weiß!“ Die Hymne hätten sie früher immer nach den Mitgliederversammlungen geschmettert, sagt Algner. „Das war so ähnlich wie heute mit Lotto King Karl und seiner Fußball-Perle.“ Museumsleiter Niko Stövhase bleibt bei einer alten Sitzreihe aus der Ro­thenbaumzeit stehen. „Wer waren denn in den ganz frühen Jahren Ihre Idole?“, fragt er. Oscar Algner überlegt nicht lange. „Es gab viele: Old Erwin Seeler natürlich. Auch Rudi Noack war ein absolutes Ass“, sagt er, „der Messi der 30er-Jahre.“

Auf den 17. Oktober 1930 ist Algners erster Mitgliedsausweis ausgestellt. „Ich war erblich vorbelastet“, scherzt er. Vater „Oschi“ Algner, Mitglied Nummer 350, war bereits beim Zusammenschluss vom HFC mit Germania und Falke 06 zum HSV aktiv dabei. „Als kleinen Buttje hat er mich dann immer mitgenommen“, sagt Oscar Alg­ner. „Sogar wenn ich mal krank war.“ Dann sei er aus der Wohnung an der Flemingstraße in Winterhude ausgebüchst, zu Fuß zum Bahnhof Sierichstraße gelaufen und habe dort auf Vatern gewartet. „Wenig später kam dann mein Senior und sagte: ,Na gut, dann komm mal mit. So krank kannst du ja nicht sein.‘“

In einer Vitrine sieht Algner eine Festschrift von 1937 zum 50. Vereins­jubiläum. „Da stand die ganze Stadt Kopf“, sagt der Flottbeker, der aus seiner dunkelbraunen Ledertasche einen Anstecker zieht. „Das war die Mitgliedsnadel zum 50. Jubiläum“, sagt er, und drückt sie Museumschef Stövhase in die Hand: „Die schenke ich Ihnen.“

Wenige Meter weiter hängt ein Kopfhörer an der Wand, daneben steht auf einem blauen LED-Schild: „Interview zum HSV vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit Oscar Algner.“ Ein Schmunzeln. „Ich bin hier ja schon bekannt“, sagt das dienstälteste HSV-Mitglied, und wird plötzlich ernst. „Der Krieg“, sagt er ruhig. „Dieser verdammte Krieg.“

Es war Ende der 30er-Jahre, als sich der drohende Krieg erstmals auch in Algners Kopf breitmachte. Er sei auf dem Gymnasium Blankenese gewesen, erzählt er, als der erste Lehrer in einer Naziuniform zum Unterricht kam. 63 Schüler, daran erinnert er sich noch genau, waren damals in seiner Klasse. Und dann war da noch dieser Französischlehrer, der nach dem Ersten Weltkrieg nur noch ein Bein hatte. „Wenn ihr Glück habt, dann nehmen sie euch auch nur ein Bein“, habe der noch gesagt. „Passt auf, dass ihr nicht im Schützengraben endet.“

Doch damals wollte man nicht hören. Algner machte Abitur – und meldete sich am 1. Dezember 1940 freiwillig. Nur drei Tage später wurde er eingezogen. „Meine Mutter weinte, mein Senior fing wieder an zu rauchen“, erinnert sich Algner. Und erstmals in seinem Leben war auch der HSV für den Moment nur Nebensache.

HSV-Urlaub für Soldat Algner

Schon nach wenigen Wochen wurde Algner nach Ostpreußen verlegt, an die Grenze zu Litauen. Ein Glücksfall, dachte der gerade mal 18 Jahre alte Soldat zunächst. „Am 27. April 1941 hatte der HSV ein Vorrundenspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den VfB Königsberg. Das wusste ich – und mein Senior wusste das auch.“ Trotz Postsperre erhielt Algners Kommandant schon bald ein Telegramm. „Betrifft Soldat Oscar Algner“, stand da geschrieben. Und weiter: „Ich bin sein Vater und zwei Tage geschäftlich in Königsberg und bitte daher um 24 Stunden Urlaub für meinen Sohn.“

Algner senior hatte schon damals das Familienunternehmen für tierische und pflanzliche Öle betrieben, ehrenamtlich war er der Ligaobmann vom HSV. „Mein Vater war mit meiner Mutter und meiner Schwester im selben Zug wie die Hamburger Fußballer nach Königsberg gekommen. Für uns war das HSV-Spiel auf dem Friedländer Torplatz die einzige Möglichkeit, uns für einen Tag zu sehen“, berichtet Algner junior, der sich sogar noch an das Ergebnis erinnern kann: 2:1, natürlich für Hamburg.

„Diesen Tag werde ich nie vergessen“, sagt Algner – genauso wenig wie die Nacht knapp zwei Monate später. Am 22. Juni 1941 griff Deutschland Russland an. Um 4 Uhr morgens überreichte der deutsche Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg dem russischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow in Moskau ein „Memorandum“, um 5 Uhr morgens überquerte Algner bei Tilsit mit der 290. Infanteriedivision die Grenze.

1945 war der Krieg vorbei, doch Oscar Algner kehrte erst vier Jahre später aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg zurück. 42 Kilogramm wog der groß gewachsene Hanseat damals nur noch. „Wer das übersteht, der übersteht auch die Relegation mit dem HSV“, scherzt Algner. „Man darf einfach nicht aufhören zu lachen.“

Seine Lieblings-HSV-Anekdote? Algner überlegt kurz. Vor einem Freundschaftsspiel gegen Real Madrid in den 50er-Jahren, sagt er, habe Madrids Präsident ein Kuvert mit dem verabredeten Honorar von 100.000 Mark bekommen. Doch als der Madrilene gefragt wurde, ob er das Geld denn gar nicht nachzählen wolle, habe der nur geantwortet: „Wenn ein Hamburger Kaufmann sagt, dass in dem Umschlag 100.000 Mark sind, dann sind in dem Umschlag auch 100.000 Mark.“

Algner nennt Uwe Seeler den "Dicken"

Algner bleibt vor der Vitrine mit den Pokalen stehen, darf das Duplikat der Meisterschale von 1960 für einen Moment in die Höhe stemmen. „Zusammen mit Vatern und meiner Frau Gisela war ich zum Endspiel gegen Köln nach Frankfurt gereist“, erinnert er sich. „32 Grad im Schatten. Doch das war ganz egal, als der Dicke kurz vor Schluss das entscheidende Tor machte.“ Der „Dicke“, das war Uwe Seeler, der in der 86. Minute zum 3:2-Endstand traf. „Schnoor, Piechowiak, Krug, Werner, Meinke, Seeler, Dörfel“, zählt Algner auf, „das waren noch echte HSVer.“ Dann muss er wieder schmunzeln. „Und anders als heute war bestimmt auch keiner an den Armen oder sonstwo bemalt.“

Diese Sache mit den Tätowierungen, die werde er wohl nie verstehen. Müsse er ja aber auch gar nicht. „Jedes HSV-Jahrzehnt war ganz anders“, sagt Algner, der nur traurig ist, dass sein 1981 verstorbener Vater den Landesmeistertitel 1983 so knapp verpasste. Er selbst hat mit Ehefrau Gisela, 88, mittlerweile zwei Söhne, Jens und Thies, eine Tochter, Sabine, 13 Enkel und einen Urenkel: Philipp Oscar, achteinhalb Monate alt und seit achteinhalb Monaten offiziell beim HSV dabei. Mitglied Nummer 3222575. „Der HSV gehört bei uns zur Familie“, sagt Dauerkartenbesitzer Algner. Block 1A – Reihe 17 – Die Plätze 13 und 14. An seinem 85. Geburtstag wären sie sogar mit 28 Alg­ners im Volksparkstadion gewesen. „Ein trauriges 1:1 gegen Arminia Bielefeld, hat aber trotzdem Spaß gemacht.“

Ein letztes Geheimnis muss Algner nach zweieinhalb Stunden im HSV-Museum aber noch verraten. „Das Geheimnis meiner Jugend?“, fragt er zurück und sagt dann das, was er am liebsten sagt: „Da kann ich eine kleine Geschichte erzählen.“ Bis zu seinem 90. Lebensjahr sei er jeden Tag zu Fuß und mit der S-Bahn zur Arbeit gegangen und gefahren. „Nie mit dem Auto.“ Und selbstverständlich habe er auch jeden Tag ins Büro im siebten Stock die Treppe benutzt. „Ich hatte mal gelesen“, sagt Algner, „dass man für jede Treppenstufe eine Sekunde länger lebt.“ Doch mit 90 Jahren habe er das alles mal durchgerechnet. „Da kam heraus, dass mir das ganze Treppengelaufe maximal drei Tage mehr Lebenszeit bescheren würde“, sagt der wahrscheinlich erste HSV-Ultra, der seitdem bevorzugt den Fahrstuhl benutzt. „Sie können mir glauben: Es gibt kein Geheimnis.“ Der 92-Jährige lächelt. „Ich bin einfach ein Glückskind.“