Fußball

Das rundum erneuerte Gesicht des Hamburger SV

Sven Schipplock ist einer der vielen Neuzugänge des HSV

Sven Schipplock ist einer der vielen Neuzugänge des HSV

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Der HSV kehrt ein Jahr nach dem letzten Spiel in Köln mit neuem Kader zum FC zurück. Transfergerüchte um Jonathan de Guzman.

An diesem Freitag war irgendwie alles wie vor einem Jahr. Abschlusstraining am Mittag, danach mit dem Bus vom Volkspark nach Fuhlsbüttel und von dort schließlich mit dem Flieger nach Köln zum Auswärtsspiel am Sonnabend um 15.30 Uhr (Sky und Liveticker auf abendblatt.de). Alles wie am 22. August 2014 – und doch irgendwie alles anders. Denn die Spieler, die nach dem Mittagessen in den Teambus stiegen, hießen nicht Milan Badelj, Tolgay Arslan, Marcell Jansen, Heiko Westermann, Rafael van der Vaart oder Per Skjelbred. Die Spieler hießen Albin Ekdal, Sven Schipplock, Michael Gregoritsch, Gotoku Sakai oder Emir Spahic. Wer die Mannschaft in den Bus steigen sah und mit der identischen Szene vor einem Jahr verglich, dem wurde plötzlich deutlich, wie sehr sich der HSV in nur zwölf Monaten verändert hat.

Noch extremer wird die kleine Zeitreise, dreht man die Uhr noch ein weiteres Jahr zurück. Damals, im Sommer 2013, war die Profiabteilung noch keine AG. Der Vorstandschef hieß Carl Jarchow und der Aufsichtsratsvorsit-zende Manfred Ertel. Sportdirektor Frank Arnesen wurde beurlaubt, ein Nachfolger musste her. Vieles deutete damals darauf hin, dass Jörg Schmadtke das Amt übernehmen würde. Der HSV war interessiert, Schmadtke war sogar sehr interessiert. Doch der Aufsichtsrat um Ertel bevorzugte Oliver Kreuzer vom Karlsruher SC.

Was dann passierte, ist schnell erzählt. Kreuzer ging zum HSV, Schmadtke fand einen Job beim Zweitligisten 1. FC Köln. Während Kreuzer nach einem der turbulentesten Jahre der HSV-Geschichte im vergangenen Sommer wieder arbeitslos wurde, stieg Schmadtke mit dem FC in die Bundesliga auf und gilt dort heute als Macher einer neuen Stabilität. Eine Stabilität, nach der auch der HSV sucht. Das wird Trainer Bruno Labbadia nicht müde zu betonen. Vor dem Spiel im RheinEnergieStadion findet er daher sehr lobende Worte für den Weg der Kölner. „Da sind sehr fähige Leute am Werk, das merkt man der Mannschaft an. Es ist eine gewisse Ruhe da“, sagte Labbadia.

„Erfolg ist Teamarbeit“

Mit „fähigen Leuten“ wird er insbesondere Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger gemeint haben, den Schmadtke nach seinem Amtsantritt nach Köln holte. Gemeinsam gehen sie nun in ihre dritte Saison. Eine Konstanz, die man beim traditionell emotionsgeladenen FC lange gesucht hat. Schmadtke versucht es mit einer einfachen Erklärung. „Wir arbeiten hier seit Anfang an im Team sehr gut zusammen und versuchen, uns von den Aufgeregtheiten des Standorts im inneren Zirkel nicht beeinflussen zu lassen“, sagte der 51-Jährige dem Abendblatt.

Schaut man sich den Weg des FC an, drängt sich eine natürliche Frage auf. Hätte dieser Schmadtke, der in der Medienstadt Köln einen bemerkenswert unaufgeregten Job macht, in der Medienstadt Hamburg auch den HSV stabilisiert? Schmadtke will sich mit dieser Frage nicht lange beschäftigen. „Noch mal“, betont er, „Erfolg ist Teamarbeit. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Wie sehr Schmadtkes Arbeit als Teamplayer am Rhein geschätzt wird, wurde zuletzt deutlich, als sein Ver-trag bis 2020 verlängert wurde. Und im Gegensatz zu seiner Zeit bei Hannover 96, als er sich mit Trainer Mirko Slomka einen internen Machtkampf lieferte, harmoniert er in Köln mit Peter Stöger. „Er tut uns als Typ sehr gut und kommt auch in der Stadt sehr gut an“, sagt Schmadtke über seinen sportlichen Nebenmann.

Beim FC Köln passiert derzeit das, was man lange in Hamburg gewohnt war. Auf Erfolg folgt Euphorie. Daher bemüht sich Stöger, die Erwartungshaltung einzugrenzen. „Es ist schon wieder so, dass wir gegen den HSV unbedingt gewinnen sollten. Wer das glaubt, der irrt. Die Hamburger haben in der Vergangenheit mehrmals gezeigt, dass sie in der Lage sind aufzustehen, wenn sie schon am Boden liegen. Auch das prägt eine Mannschaft“, sagte Stöger vor dem Duell an diesem Sonnabend.

Dass der FC von vielen Experten als Überraschungsmannschaft genannt wurde, liegt insbesondere an der Transferbilanz des Jörg Schmadtke. Während für den nach Bremen gewechselten Torjäger Anthony Ujah mit Torjäger Anthony Modeste ein gleichwertiger Ersatz nach Köln kam, konnte Schmadtke der Achse um Torhüter Timo Horn, Nationalspieler Jonas Hector und den Mittelfeldspielern Kevin Vogt und Matthias Lehmann junge Spieler mit großer Perspektive an die Seite stellen. Vor allem die Zugänge Milos Jojic (Borussia Dortmund), Leonardo Bittencourt (Hannover 96) und Dominique Heintz (Kaiserslautern) wurden branchenübergreifend mit Respekt zur Kenntnis genommen.

Beiersdorfers Ziel: Das System gesunden

Köln verfolgt damit eine Transferphilosophie, wie sie sich der HSV vor dieser Saison vorgenommen hat. Das System zu gesunden war die eine Zielsetzung von Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer. Junge, entwicklungsfähige Spieler verstärkt zu verpflichten war die andere. In der Praxis hat der HSV zwar 15 Spieler in dieser Transferperiode abgegeben und hohe Gehälter eingespart, die angekündigte Verjüngung ist aber nur in Ansätzen durch die Verpflichtung von Michael Gregoritsch, 20, und die Beförderung von Gideon Jung, ebenfalls 20, zu erkennen.

Und doch ist beim HSV in diesem Jahr alles anders als im vergangenen. Erst nach dem zweiten Spieltag, nach dem 0:0 in Köln und dem 0:3 gegen Paderborn, hatten die Verantwortlichen gemerkt, dass sie auf dem Spielermarkt noch einmal in großer Form tätig werden mussten. In diesem Sommer sind die Planungen vor Ende der Transferperiode am Montag weitestgehend abgeschlossen. Einzig ein Mittelfeldspieler wird noch gesucht. Und mit Jonathan de Guzman könnte diese Baustelle geschlossen werden. Wie italienische Medien berichten, verhandelt der HSV mit dem SSC Neapel über einen Transfer des 27 Jahre alten Niederländers.

Und so bilden die 18 Spieler, die am Freitagnachmittag den Mannschaftsbus betraten, vorerst das neue Gesicht des HSV. Womöglich sorgen sie sogar dafür, dass Köln zum ersten Mal in diesem Jahr ein Heimspiel verliert. Dann wäre beim HSV wirklich alles anders.