Interview

Djourou: „Behrami ist wie ein Bruder für mich“

Innenverteidiger Johan Djourou wechselte 2013 zunächst auf Leihbasis von Hannover nach Hamburg. Nach 20 Einsätzen griff die Kaufoption (2,8 Millionen Euro). Sein Vertrag beim HSV läuft bis 2016

Innenverteidiger Johan Djourou wechselte 2013 zunächst auf Leihbasis von Hannover nach Hamburg. Nach 20 Einsätzen griff die Kaufoption (2,8 Millionen Euro). Sein Vertrag beim HSV läuft bis 2016

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Der designierte HSV-Kapitän Djourou spricht über seine Kindheit, die Geburt seiner dritten Tochter und den Konflikt mit Valon Behrami.

Laax. Am Freitagmorgen gab es für Johan Djourou eine süße Überraschung. Ein junger HSV-Fan brachte dem Innenverteidiger eine Schachtel Schokolade mit. Der Schweizer Nationalspieler nahm die Süßigkeiten gerne mit, gegessen haben dürfte er sie aber noch nicht, schließlich gibt es im Trainingslager der Hamburger in Graubünden einen strikten Ernährungsplan. Vielleicht war die Schokolade auch nur als verspätetes Geschenk zur Geburt seiner Tochter Julia gedacht.

Hamburger Abendblatt : Herr Djourou, herzlichen Glückwunsch nachträglich. Sie sind vor Kurzem zum dritten Mal Vater geworden.

Djourou : Danke. Es waren intensive Tage. Meine Tochter kam direkt am Tag nach der Relegation in Karlsruhe zur Welt. Meine Frau war wohl so erleichtert, die Anspannung fiel ab, und dann ging es los (lacht). Am Ende ist alles gut gegangen, Relegation und Geburt. Ich bin so glücklich, weil ich immer gesagt habe, dass ich viele Kinder haben möchte. Jetzt habe ich drei unglaubliche Töchter, das ist perfekt.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die emotionalen Ereignisse zu verarbeiten?

Djourou : Das hat lange gedauert. Ich musste ja gleich zur Nationalmannschaft, das war schwer für mich. Ich war so müde im Kopf. Der Druck war so groß, die Saison hat unglaublich viel Energie gekostet. Ich konnte meinen Kopf nicht abschalten, musste mich neu konzentrieren. Deswegen habe ich auch nicht gut gespielt bei der Schweiz (2:1 in Litauen in der EM-Quali, d. Red).

Sie waren mit Valon Behrami bei der Nationalmannschaft. Haben Sie sich nach dem Halbzeitstreit in der HSV-Kabine (beim 0:4 gegen Wolfsburg am 28. Spieltag, d. Red.) versöhnt?

Djourou : In der Öffentlichkeit war das eine große Geschichte, für uns war es nach dem Spiel erledigt. Valon ist wie ein Bruder für mich. So etwas passiert in einer Kabine. Das Problem war, dass es dort nicht geblieben, sondern nach außen gedrungen ist.

Was ist denn nun wirklich vorgefallen? Es war von einer Prügelei die Rede.

Djourou : Wir haben etwas lauter geredet und uns auch berührt. Aber es war keine Prügelei und hatte nichts mit dem zu tun, was die Öffentlichkeit daraus gemacht hat. Valon ist immer noch mein Freund. Wir sind Männer, so etwas passiert im Fußball.

Behrami hat das Trainingslager am Mittwoch verlassen. Nun halten Sie hier in Graubünden die Schweizer Fahne alleine hoch.

Djourou : Für mich ist das toll, hier sind viele Fans aus der Schweiz. Ich kenne die Region vom Training der Nationalmannschaft. Es ist immer schön, zu Hause zu sein.

Fühlen Sie sich in der Schweiz eher zu Hause als in Ihrem Geburtsland, der Elfenbeinküste?

Djourou : Ich bin zu 100 Prozent Schweizer und zu 100 Prozent Ivorer. Drei meiner sechs Geschwister leben in der Elfenbeinküste. Deswegen möchte ich meinen Töchtern auch gerne das Land zeigen. Bislang kennen sie nur die europäische Kultur. Sie sollen sehen, dass Menschen auch mit weniger zufrieden sein können. Meine Kinder sollen lernen, dass das Leben nicht so einfach ist, dass man etwas tun muss.

Viele Menschen aus den afrikanischen Ländern fliehen nach Europa, wo sie häufig auf Widerstand stoßen, auch in der Schweiz. Macht Sie das traurig?

Djourou : Das war ein großes Thema in der Schweiz, im Moment läuft es gut. Die Menschen sollten nicht vergessen, dass wir mit der Nationalmannschaft viel Erfolg haben, obwohl nicht viele Spieler ursprünglich aus der Schweiz kommen. Am Ende sind wir doch alle Schweizer, egal ob du schwarz oder weiß bist. Wir brauchen Menschen mit einer guten Mentalität.

Sie waren gerade 17 Monate alt, als Sie mit Ihrer Familie von der Elfenbeinküste in die Schweiz gezogen sind. Was waren die Gründe?

Djourou : Mein Vater war mit einer Schweizerin zusammen, hatte aber eine Affäre in der Elfenbeinküste, meine leibliche Mutter. Mein Vater ist dann mit mir nach Genf gezogen, seine Lebensgefährtin hat mich adoptiert.

Haben Sie Ihre leibliche Mutter kennengelernt?

Djourou : Ich habe viel Kontakt zu ihr. Ich bin glücklich, zwei Mütter zu haben. Zwei Mütter aus ganz verschiedenen Kulturen.

Wie oft reisen Sie denn in die Elfenbeinküste?

Djourou : In den vergangenen Jahren war es aufgrund der angespannten politischen Situation schwierig. Man wusste nie, was passiert. Das letzte Mal war ich vor drei Jahren da. Ich bin aber noch häufig in Afrika. Im Senegal unterstütze ich seit sieben Jahren ein Bildungsprojekt für junge Menschen. Ich habe das Land ausgewählt, weil wir dort in Ruhe arbeiten können.

Es ist kein Fußball-Projekt?

Djourou : Nein, denn es gibt nur ganz wenige Jugendliche, die es schaffen, mit dem Fußball Geld zu verdienen. Wir wollen aber allen Menschen ermöglichen, Bildung zu bekommen.

Sie selbst sind mit 16 Jahren alleine nach England gegangen. Ist Ihnen das nicht schwergefallen?

Djourou : Ich konnte meinen Traum verwirklichen und beim FC Arsenal spielen. Wenn man so eine Chance bekommt, muss ich nicht lange überlegen. Arsenal hat eine tolle Jugendabteilung.

Aus der Sie direkt den Sprung zu den Profis geschafft haben ...

Djourou : Ich konnte in dieser Zeit ganz viel lernen, habe mit Dennis Bergkamp, Thierry Henry oder Patrick Viera trainiert und gespielt. Das war eine wichtige Zeit in meiner Karriere.

Sie arbeiten seit zehn Jahren im Profifußball. Sind Sie schon müde davon?

Djourou : Nein. Ich bin 28, die beste Zeit für einen Fußballer. Ich will meinen Weg weitergehen. Fußball war immer mein Traum. Als ich ein kleines Kind war, habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich Fußballprofi werden will. Ich habe es erreicht, weil ich für dieses Ziel hart gearbeitet habe.

Über Hannover sind Sie dann zum HSV gekommen. Hätten Sie erwartet, dass es hier sportlich so schwer wird?

Djourou : Ich wollte gerne zum HSV, kannte die Situation im Verein aber nicht so gut. Ich hatte Lust auf die Herausforderung und wusste, dass ich nicht wie in England immer in der Spitzengruppe spiele. Die Aufgabe hat mich gereizt. Dass es so schwer werden würde, hätte ich aber nicht erwartet.

Auch für Sie lief es nicht optimal.

Djourou : Im ersten Jahr hatte ich viele Probleme mit Verletzungen. In der abgelaufenen Saison war ich mit meinen Leistungen zufrieden. Ich habe fast jedes Spiel gemacht. Man sollte nicht immer nur über Fehler reden. Ohne sie gäbe es keine Tore im Fußball. Und so viele Fehler habe ich nicht gemacht.

Mit Emir Spahic ist ein Innenverteidiger da, der das Team stabilisieren soll. Bangen Sie um Ihren Stammplatz?

Djourou : Wir starten alle bei null, da gibt es sowieso noch keine festen Plätze. Emir ist ein erfahrener Spieler, wir sind froh, dass er da ist. Aber er hat auch lange nicht mehr gespielt, er braucht noch Zeit. Wir müssen uns alle jeden Tag verbessern und uns nicht ausruhen. Die Konkurrenz mit Cléber, Jonathan Tah und Emir ist gut für uns. Wir alle müssen dem Trainer die Entscheidung schwermachen.

Das Kapitänsamt ist offen. Würden Sie es übernehmen?

Djourou : Ich habe das ja schon im vergangenen Jahr gemacht, wenn Rafael van der Vaart fehlte. Jetzt kenne ich die Mannschaft noch besser. Wenn der Trainer sich für mich entscheidet, mache ich es sehr gerne.