HSV gegen KSC

Bangen um Lasogga: „Es wird ein Wettlauf mit der Zeit“

Vor einem Jahr: Pierre-Michel Lasogga, Torschütze des einzigen Hamburger Tores der Relegation, lässt sich nach dem Rückspiel in Fürth feiern

Vor einem Jahr: Pierre-Michel Lasogga, Torschütze des einzigen Hamburger Tores der Relegation, lässt sich nach dem Rückspiel in Fürth feiern

Foto: Daniel Karmann / dpa

Während Olic das Training abbrechen musste, entscheidet sich Lasoggas Einsatz erst am Spieltag. Das Sorgenkind beißt auf die Zähne.

Bad Malente. Pierre-Michel Lasogga hatte am Dienstagvormittag seinen Spaß. Vergnügt wie ein kleines Kind fing er beim Aufwärmtraining in Bad Malente den Ball auf, warf ihn zu seinem Nebenmann, um nicht mal eine Sekunde später den nächsten Ball aufzufangen und weiter zu werfen. „Und hepp, und hepp“, rief er fröhlich, ganz so, als ob er zeigen wolle, dass es keinen Grund zur Sorge gibt.

Doch den gibt es. Und wenn man es ganz genau nimmt, dann gibt es zwei Tage vor dem Relegationshinspiel gegen den Karlsruher SC (Do., 20.30 Uhr/ARD, Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) keine andere Kleinig- oder Großigkeit, die den HSV-Verantwortlichen derart ernsthafte Sorgen bereitet wie Lasoggas rechte Schulter. „Bei Pierre wird es ein Wettlauf mit der Zeit“, sagte am Vormittag Sportchef Peter Knäbel, auf dessen Stirn sich tiefe Sorgenfalten abzeichneten. „Pierre und unsere medizinische Abteilung machen alles für seine Genesung. Aber die Intensität dieser beiden Spiele und die emotionale Belastbarkeit wird derartig im Grenzbereich sein, dass man keine Restzweifel haben darf.“

Olic plagen weiterhin große Rückenschmerzen

Dabei sind die Restzweifel groß. Denn ausgerechnet die Schulter, auf der schon in der vergangenen Saison bei den beiden Relegationsspielen gegen Fürth der größte Druck lastete, ist kaputt. Passiert ist es bereits vor zehn Tagen in Stuttgart, als der 88 Kilogramm schwere Torjägerbrocken mit seinem ganzen Gewicht auf seine rechte Schulter fiel. In der Halbzeitpause wurde das Gelenk wieder eingerenkt, doch nach 59 Minuten musste der Angreifer mit schmerzverzerrtem Gesicht ausgewechselt werden. Und obwohl auch die Bänder im Schultergelenk beschädigt wurden, meldete sich Lasogga vor dem überlebenswichtigen Saisonfinale gegen Schalke 04 wieder fit. Doch zu früh gefreut. Ein zweiter Sturz, wieder die Schulter, Auswechslung nach diesmal nur 27 Minuten. Und die bange Frage: Wird der Retter der vergangenen Relegation bis zur diesjährigen Relegation rechtzeitig fit?

Eine endgültige Antwort will Bruno Labbadia erst am Spieltag geben. „Bei Pierre müssen wir schauen, wie er in den zwei Tagen bis zum Spiel zurechtkommt“, sagte der Trainer, der sich immerhin darüber freuen durfte, dass sein Sorgenkind am Dienstag alle Übungen bis zum Ende absolvieren konnte. Ganz im Gegenteil zu Lasoggas Offensivpartner Ivica Olic, den noch immer Rückenschmerzen plagen und der das Vormittagstraining vorzeitig abbrechen musste. „Ich kann heute noch nicht sagen, wie wir am Donnerstag auflaufen“, sagte Labbadia, „aber wenn einer nicht spielen kann, dann muss eben ein anderer einspringen.“

Wenn das nur so einfach wäre. Bereits in der vergangenen Saison war der HSV von nichts und niemandem derart abhängig wie von Lasoggas maladem Körper. Von 34 möglichen Spielen absolvierte der Stürmer gerade mal 20 Partien, weil ihn immer wieder der Oberschenkel schmerzte. Doch die wenigen Spiele reichten aus, um zunächst 13 Saisontore zu erzielen und dazu noch den einzigen Treffer der Relegation gegen Fürth. „Held Lasogga“, titelte die „Bild“ am nächsten Tag, „Lasogga rettet den HSV“, schrieb die „Berliner Morgenpost“. Weniger später folgte, was folgen musste: Um den Klassenerhaltshelden bloß nicht zu verlieren, boten die Hamburger Hertha BSC beinahe schon aberwitzige 8,5 Millionen Euro Ablöse, Lasogga erhielt einen mit 3,5 Millionen Euro dotierten Fünfjahresvertrag. „Ich habe gespürt, dass mich die Leute in Hamburg unbedingt haben wollten“, sagte Lasogga dem Abendblatt, als der Deal nach wochenlangem Poker Anfang Juli schließlich perfekt war.

„Lasogga ist wieder der HSV-Hoffnungsträger“

Nimmt man Lasoggas Performance in dieser Saison, kann man im Nachhinein wohl kaum von einem Schnäppchen sprechen. In 26 Spielen konnte der gebürtige Gladbecker gerade mal vier Törchen erzielt. Und erneut musste er verletzt Großteile der Sommer- und der Wintervorbereitung verpassen. „Pierre hat ein schwieriges Jahr hinter sich – und trotzdem ist er wieder der große HSV-Hoffnungsträger für die Relegation“, sagt Ex-Sportchef Oliver Kreuzer, der allerdings einschränkt: „Die Voraussetzung für eine erneute Rettermission ist aber, dass er körperlich topfit ist. Nur wenn ihm die Schulter wirklich keine Probleme mehr bereitet, kann Pierre noch mal zum Relegationshelden werden.“

Kreuzer und Lasogga verbindet ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Nur wegen des früheren Sportchefs, so sagte Lasoggas Mutter Kerstin mal in geselliger Runde, habe ihr Filius beim krisengeschüttelten HSV überhaupt unterschrieben. Mit Kreuzer war Mama Kerstin, neben die sich der Sohnemann am Sonnabend nach seiner Auswechslung auf die Tribüne im Volkspark brav setzte, von Anfang an auf einer Wellenlänge. Der Manager verstand es wie kein Zweiter, den sensiblen Lasogga stark zu reden. Auch jetzt wieder: „Ein fitter Lasogga wäre extrem wichtig für den HSV. Er ist auch deshalb so wichtig, weil ihm diese unmenschliche Drucksituation überhaupt nichts auszumachen scheint. Er lässt den mentalen Druck überhaupt nicht an sich ran, macht sich keinen unnötigen Kopf“, lobt Kreuzer, der auch gegen den KSC auf Lasogga setzt: „Pierre ist der Mann für das 1:0 oder das 2:1. Er spielt nicht für die Galerie, erzielt nicht das 3:0 oder 4:0.“

Mit einem 1:0 oder 2:1 wären am Donnerstag im ersten Spiel gegen den KSC die meisten HSV-Fans sicherlich schon zufrieden. Beim Training am Dienstag sollte es noch nicht ganz so weit sein. Das Abschlussspiel zwischen der mutmaßlichen A-Mannschaft und dem mutmaßlichen B-Team im Uwe-Seeler-Fußballpark von Malente endete 0:0. Und Lasogga? Der machte sich auch zwei Tage vor dem Heimspiel gegen den KSC keinen Kopf. Genauso vergnügt wie zu Anfang der Einheit schnappte sich der Stürmer zum Abschluss einen Ball nach dem nächsten und schoss sie der Reihe nach auf und in das Tor. Und hepp. Und hepp.

Auch der KSC zittert um seinen Torjäger: Nachdem Rouwen Hennings (Einblutung im Sprunggelenk) das Vormittagstraining abbrechen musste, ist der Einsatz des ehemaligen HSV-Jugendspielers fraglich.