Hamburger SV

„Es wird die zerreißen, die damit nicht umgehen können“

Matz ab nach der Wolfsburg-Pleite

Dieter Matz und Marcus Scholz im Gespräch mit Tobias Homp

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Nach Pleite gegen Wölfe werben HSV-Profis um Geduld. Trainer Knäbel scheint diese verloren zu haben. Auch Beiersdorfer malt schwarz.

Hamburg. Es war noch relativ früh am Sonntagmorgen, als eine Kleingruppe von HSV-Interessierten durch die Katakomben des Volksparkstadions geführt wurde. „Hier ist die Mixed-Zone“, sagte die Gruppenführerin und erklärte: „Hier geben die Profis nach den Spielen ihre Interviews.“ Und als den Touristen dann ein paar Sekunden später auch noch Clubchef Dietmar Beiersdorfer über den Weg lief, war die Tristesse des Vortags, als an gleicher Stelle die erschütternde 0:2-Niederlage des HSV gegen den VfL Wolfsburg mehr oder weniger wortreich erklärt werden musste, für den Moment fast vergessen. „Das ist der Didi“, sagte ein Anhänger mit Schal und schoss mit seiner Digitalkamera begeistert Fotos.

Nur der Didi, der hatte das 0:2 auch nach einer Nacht des Drüberschlafens noch nicht vergessen. „Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, das zu diskutieren“, beantwortete der HSV-Chef etwas mürrisch die Frage eines Medienvertreters, ob sich denn unter Interimstrainer Peter Knäbel irgendetwas verbessert hätte. Eine gemeine Frage. Denn natürlich brauchte man kein Fußballexperte zu sein, um zu wissen, dass sich in den beiden Spielen unter Knäbel gegen Leverkusen (0:4) und Wolfsburg (0:2) nichts, aber auch gar nichts verbessert hatte. Ganz im Gegenteil. Der erneut chancenlose HSV sorgte lediglich mit der Halbzeit-Prügelei zwischen Johan Djourou und Valon Behrami für – im wahrsten Sinne des Wortes – Schlagzeilen. Und Trainer-Manager Knäbel? Der hatte es nicht nur geschafft, Kuno Klötzers Uralt-Negativrekord aus der Saison 1973/74 mit null Punkten und 0:5 Toren zum Trainer-Start um einen Gegentreffer zu überbieten. Der Übergangscoach konnte zudem in Rekordzeit auch allerletzte Optimisten auf den Boden der Tatsachen zurückführen.

„Horror und dämlich“, so bezeichnete Knäbel den Fehler von Abwehrmann Cléber, der das Drama am Sonnabend nach nur zehn Minuten mit einem Ballverlust eingeleitet hatte. Und obwohl der Brasilianer den Ball tatsächlich ziemlich dämlich an Wolfsburgs Kevin de Bruyne, der dann mühelos Guilavoguis Führungstreffer einleiten konnte, verloren hatte, bemühten sich nach dem Spiel alle Hamburger, den untröstlichen Cléber nicht zum alleinigen Sündenbock zu erklären – außer Trainer-Manager Knäbel. „Wenn man den Ball so dämlich und so überflüssig verliert, dann ist das das Schlimmste, was es gibt“, schimpfte Knäbel, der in seiner Einzelkritik nicht lockerließ. Es sei vor allem deswegen selten dämlich, weil er diese Szene in der Woche mithilfe des Dolmetschers Edson Büttner noch explizit angesprochen habe. „Ein Bundesligaspiel ist kein guter Ort, um solche Erfahrungswerte zu sammeln“, maßregelte Knäbel und urteilte: „Aus diesem Loch ist Cléber im ganzen Spiel nicht mehr herausgekommen.“

Nun ist Profifußball bekanntlich kein Kindergeburtstag. Ein paar deftige Worte hier und da dürfen da schon mal fallen. Doch Knäbels harte Einzelkritik überraschte vor allem deshalb, weil gegen den VfL „die ganze Mannschaft versagt“ habe, wie Heiko Westermann später richtig feststellte. „Die zweite Halbzeit war bezeichnend“, übte Westermann Selbstkritik, „keiner hat dem anderen geholfen. Das hatte nichts mit Fußball zu tun. So schlecht waren wir in dieser Saison noch nie.“ Seine schlüssige Erklärung: „Wir liegen doch komplett am Boden. Wir haben Spieler in unseren Reihen, die haben Angst. Die wollen den Ball nicht, die sind langsam. Das ist schon alles ein Wahnsinn.“

Dass der Wahnsinn beim HSV aber längst Methode hat, das ist nicht erst seit diesem Wochenende gewiss. So gab es im Vorfeld der Partie gegen Wolfsburg in Hamburg eigentlich nur das eine Thema: Kommt er? Oder kommt er nicht? Gemeint war Thomas Tuchel, der von einigen etwas übereifrigen Radioreportern sogar am Sonnabend im Stadion gesehen worden sein wollte. „Wenn der Verein in der Ersten Liga bleiben soll und Thomas Tuchel dort Trainer werden möchte, finde ich, heißt es jetzt: Ärmel hochkrempeln, loslegen und den Verein in der Liga halten“, meinte sogar Ex-Trainer Mirko Slomka im „Sport1“-Doppelpass sich zum Tuchel-Thema äußern zu müssen.

Und HSV-Chef Beiersdorfer? Der reagierte am Tag nach der erneuten Niederlage ähnlich genervt auf die Tuchelei wie auf die Frage, ob und was sich unter Tuchel-Platzhalter Knäbel gebessert habe. „Zu dem Thema äußere ich mich nicht“, sagte Beiersdorfer, der auf mehrfache Nachfrage immerhin einsilbig einräumte, dass es trotz acht Spielen in Folge ohne Sieg und fast 500 Minuten ohne Torerfolg keinen weiteren Trainerwechsel in dieser Saison geben wird: „Das schließe ich aus.“

Somit bleibt es also doch Knäbel überlassen, den von vielen kaum noch für möglich gehaltenen ersten Abstieg der Clubhistorie zu verhindern. „Keiner von uns will doch absteigen“, sagte Lewis Holtby, der nach der Partie bei den pfeifenden Anhängern um weitere Unterstützung warb. Unterstützung, die besonders der hart kritisierte Cléber gut gebrauchen könnte. Denn im Nordderby am kommenden Sonntag in Bremen dürfte der Südamerikaner trotz seines Fauxpas gesetzt sein. Der Grund: Als die Niederlage gegen Wolfsburg nach dem zweiten Treffer (Caliguiri/73.) längst besiegelt war, ließ sich Clébers Abwehrkollege Johan Djourou zu allem Überfluss auch noch dazu hinreißen, innerhalb von nur zwei Minuten zwei Gelbe Karten wegen Meckerns zu sehen. Weil der Schweizer also gesperrt ist und Westermann weiterhin den verletzten Dennis Diekmeier rechts ersetzen muss, bleiben nur Slobodan Rajkovic und eben Cléber in der Innenverteidigung übrig. „Über kurz oder lang wird es die zerreißen, die mit dieser Situation nicht umgehen können“, sagte Beiersdorfer.

Sechs Spiele sind noch Zeit. Geht am Ende alles gut, kommt im Sommer Tuchel, und alles könnte, nun ja, wieder gut werden. Und wenn nicht? Dann dürfte es tatsächlich über kurz oder lang den einen oder anderen zerreißen.