HSV

Nur ein Punkt fürs Überleben

Bis zur 92. Minute führte der HSV gegen Gladbach. Trotz des späten 1:1 gab es Lob für kampfstarke Hamburger – auch von VfL-Trainer Favre.

Hamburg. Der Frust musste raus. Sofort. Nach dem Last-minute-Ausgleich von Mönchengladbach rannte Joe Zinnbauer in den Spielertunnel, ballte die Hände und schrie: „Nein! Verdammte Sch...!“ Danach besann sich der HSV-Trainer, ging wieder zurück auf die Trainerbank, um die letzten Sekunden der Nachspielzeit zu verfolgen.

Es wären drei so wertvolle Punkte für die Hamburger gewesen, um sich von der Abstiegszone abzusetzen. Als Spieler und Betreuer nach dem Abpfiff den obligatorischen Kreis bildeten, war die Stimmung geknickt, fast wie nach einer Niederlage. Doch wenige Minuten später überwog wieder der positive Gesamteindruck: „Ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen“, sagte Zinnbauer, „es war nicht einfach angesichts der vielen verletzten Stammspieler. Sie hat gegen eine Top-Mannschaft eine sehr gute kämpferische Leistung gezeigt. Wer arbeitet, wird belohnt. Daran müssen wir anknüpfen.“

Wenn man so will, waren die HSV-Akteure die „Comebacker“ des Wochenendes. Wer hätte nach dem 0:8 bei den Bayern darauf setzen wollen, dass man eine Woche später das Gladbacher Spitzenteam an den Rand einer Niederlage bringen könnte? Und wer hätte gedacht, dass sich der erneute Mut Zinnbauers dieses Mal auszahlen sollte? Vor einer Woche war der HSV-Coach ob seiner Aufstellung und taktischen Ausrichtung noch heftig kritisiert worden. Doch es zeichnet ihn aus, dass er weiter seinen Weg geht und notfalls auch unbequeme Entscheidungen trifft.

So war es mutig, Gojko Kacar, der kaum über Spielpraxis verfügte, neben Petr Jiracek ins Zentrum zu stellen und dafür Kapitän Rafael van der Vaart auf die Bank zu setzen, genau wie Heiko Westermann, der für Slobodan Rajkovic weichen musste. Außerdem tauschte Zinnbauer die linke Seite, brachte Matthias Ostrzolek und Mohamed Gouaida. Und auch Dennis Diekmeier (kam für Ashton Götz) war wegen seiner Verletzung lange ausgefallen. Sieben Wechsel, wie sollte sich der HSV da als Einheit präsentieren?

Extralob für die „Staubsauger“ Jiracek und Kacar


Und in den ersten Minuten sah es ganz danach als, als ob der HSV für die Borussia leichte Beute sein würde. „Wir haben gut angefangen“, spielte Trainer Lucien Favre auf die beiden guten Chancen durch Max Kruse (4., Außennetz) und Patrick Hermann (5., Pfosten) an. Doch der HSV fing sich schnell. „Die Hamburger waren besser, sie waren engagiert in den Zweikämpfen, am Boden und in der Luft“, analysierte Favre, „wir konnten das Spiel nicht kontrollieren, weil der HSV gut organisiert agierte, gutes Pressing nach Ballverlusten zeigte.“ Ein Extralob für die „Staubsauger“ Jiracek und Kacar.

So deutlich der Wille zur Wiedergutmachung bei Zinnbauers Team hervorzuheben ist, so half sicher auch, dass bei den Gästen nach dem Europa-League-Spiel in Sevilla trotz der sechs Wechsel Favres etwas die Frische fehlte, der Offensivgeist lahmte. Wie schon so häufig in dieser Saison. Achtmal konnte die Borussia nach einem Europacupspiel zuvor nicht gewinnen (sechs Remis, zwei Niederlagen). Aber auch die Torabschlussversuche des HSV waren, nun ja, eher kümmerlich.

Dabei musste Zinnbauer früh umbauen, weil Ivica Olic wieder Probleme im Oberschenkel verspürte. „Seine Auswechslung war eine Vorsichtsmaßnahme, ich hoffe, dass er nicht länger ausfällt“, sagte der HSV-Trainer. Der nach 25 Minuten eingewechselte Artjoms Rudnevs vergab in der ersten Hälfte die beste Chance kläglich, als er nach schöner Vorlage des umtriebigen Zoltan Stieber den Ball nicht richtig traf (37.).

Nach Bayern-Debakel wollte es der HSV allen beweisen


Als sich die Spieler vor Beginn der zweiten Hälfte noch einmal im Kreis formierten, sprach Johan Djourou seinen Kollegen neuen Mut zu – und fand offenbar die richtigen Worte. Tatsächlich kontrollierte der HSV in der zweiten Hälfte überwiegend das Geschehen, ließ keine Torchancen zu, ohne allerdings selbst gefährlich werden zu können – bis zur 73. Minute. Nach einer Balleroberung leitete Rajkovic einen schnellen Konter über Rudnevs und vor allem Stieber ein, der den Ball aus 18 Metern ins linke Eck schlenzte.

Doch dass dem gerade noch umjubelten Offensivduo nicht noch das durchaus mögliche 2:0 gelang (87.), rächte sich in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Eine zweifelhafte Ecke (Jiracek beschwerte sich massiv bei Schiedsrichter Felix Zwayer) in der zweiten Minute der Nachspielzeit konnte Branimir Hrgota einköpfen. „Ich glaube daran, dass das Leben fair ist. Beim nächsten Mal ist der liebe Gott vielleicht wieder auf unserer Seite“, sagte Stieber. Und auch Zinnbauer hatte den Frust abgehakt, freute sich über die fast gelungene Wiedergutmachung nach dem Bayern-Debakel: „Heute wollten wir allen etwas beweisen.“

Das gelang – zumindest fast.