Hamburger SV

Willkommen im Club, Ivica Olic

Auch mit dem neuen Hoffnungsträger verliert der HSV 0:2 gegen den 1. FC Köln und rutscht in der Bundesliga auf Relegationsplatz 16 ab. Die Darbietungen etlicher Spieler dürften Zinnbauer ins Grübeln bringen.

HIER GEHT´S ZUR MOBILEN VERSION FÜR „MATZ AB LIVE“

Hamburg. Die ersten Gedanken galten seinen Söhnen. „Ich habe meine beiden Jungs auf der Tribüne entdeckt. Die waren schon ganz schön enttäuscht. Aber sie sind alt genug, dass sie auch mit Niederlagen umgehen können“, schilderte Ivica Olic seine Eindrücke nach dem Abpfiff. Nach dem ernüchternden 0:2 gegen den 1. FC Köln und dem Abrutschen auf Bundesliga-Rang 16 war man versucht, Olic zu entgegnen: Den Beweis hierfür werden Luka und Toni in der Rückrunde noch häufiger antreten müssen, als ihnen lieb ist. Spätestens jetzt dürfte dem aus Wolfsburg verpflichteten Stürmer bewusst geworden sein, dass er von einem Champions-League-Anwärter zu einem ernsthaften Abstiegskandidaten gewechselt ist.

Willkommen im Club, Ivica.

90 Minuten genügten, um die während der Winterpause mühsam aufgebauten, zarten Hoffnungen der HSV-Anhängerschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen zu lassen und den Fans die Vorfreude auf die Rückrunde zu nehmen, nachdem die Profis fast nahtlos an das letzte Heimspiel 2014 (0:1 gegen Stuttgart) angeknüpft hatten. Zutiefst enttäuscht verließen die Hamburger Zuschauer das Stadion mit vielen Fragezeichen im Gesicht: Woran haben Trainer und Spieler eigentlich die ganzen Wochen gearbeitet? Und wie soll in dieser Verfassung der Klassenerhalt geschafft werden? Den Ernst der Lage verdeutlichte Sportdirektor Peter Knäbel: „Die Partie gegen Paderborn am Mittwoch ist ein Schlüsselspiel der ganzen Rückrunde.“

Fans zelebrieren Olic

Dabei fing am Sonnabend gegen Köln alles so vielversprechend an. Die stimmungsvolle Atmosphäre trieb Rückkehrer Olic („ein sehr emotionaler Moment“) die Tränen in die Augen, doch der anfängliche Schwung verpuffte schnell. Nach dem Torschuss des Kroaten in der 21. Minute mussten die HSV-Fans bis zur Schlussphase der Partie auf den nächsten Abschluss warten. Während sich der HSV wieder einmal für den Titel des behäbig-zaghaftesten Aufbauspiels aller Zeiten bewarb, zeigten die Kölner, was sie zur zweitbesten Auswärtsmannschaft der Bundesliga gemacht hat: aus einer stabilen Abwehr heraus schnelle Konter zu fahren.

„Ich würde es gerne ändern und konkret erklären können“, war auch Trainer Joe Zinnbauer rat- und fassungslos über den Leistungseinbruch vor allem in der zweiten Halbzeit. Nimmt man dieses Spiel zum Maßstab, ist es dem HSV-Coach nicht gelungen, die Negativerlebnisse des vergangenen Jahres aus den Köpfen zu vertreiben. Anders ist dieser Angsthasenfußball nicht zu begründen. „Wir müssen lernen, mit Drucksituationen umzugehen“, gab Marcell Jansen zu, „wir haben keine Lösungen gefunden.“

Natürlich – nach den vielen Ausfällen in der Vorbereitung (Behrami, Holtby, Diekmeier, Cléber, Lasogga), der fehlenden Spielpraxis der Langzeitverletzten Rajkovic und Beister sowie der späten Verpflichtung Olics war Zinnbauer zu etlichen Umstellungen gezwungen. Niemand durfte ernsthaft erwarten, dass sich das HSV-Team als homogene Einheit präsentieren würde. Die Darbietungen etlicher Spieler dürften den Trainer aber im Nachhinein ins Grübeln gebracht haben. War es richtig, mit Heiko Westermann (32 Prozent seiner Pässe kamen nicht an) und Petr Jiracek (70,6 Prozent verlorene Zweikämpfe) gleich zwei Zerstörer ins Mittelfeld zu beordern? Warum durfte sich der völlig überforderte Mohamed Gouaida so lange auf dem Platz quälen? Wieso spielte der indisponierte Nicolai Müller (25 Ballkontakte) Verstecken?

HSV gleicht einem abbruchreifem Haus

So war die Niederlage am Wochenende hausgemacht. Fast logisch, dass ein kapitaler Fehlpass Westermanns das 0:1 durch Marcel Risse (62.) einleitete und dieser vor dem 0:2 (78.) locker Rajkovic davonlaufen konnte. Dieser HSV gleicht einem abbruchreifem Haus, in dem nach jeder Stützungsmaßnahme ein neuer Riss sichtbar wird. Wie laut waren die Freudenschreie nach den Verpflichtungen von Dietmar Beiersdorfer, Joe Zinnbauer und zuletzt Ivica Olic. Doch der Weg aus der Misere bleibt beschwerlich, weiß auch Knäbel: „Wir hatten den Didi-Effekt, den Joe-Effekt, und nun den Ivi-Effekt, am Ende aber hilft uns nur harte Arbeit.“

Eine schnelle Besserung ist nicht zu erwarten. Mit Marcelo Diáz (siehe Bericht Seite 20), der womöglich bereits gegen Paderborn seine Premiere feiern wird, muss der nächste Neuzugang integriert werden. Vor allem Zeit benötigt Zinnbauer, doch die hat weder der HSV noch er selbst. Nach der englischen Woche – dem Gastspiel in Paderborn folgt das Hannover-Spiel – warten die Bayern und Gladbach, die Lage kann schnell dramatische Züge annehmen.

„Trotz der Niederlage bin ich froh, wieder hier zu sein. Und ich bleibe optimistisch“, stemmte sich Olic gegen den Negativtrend. „Ich glaube weiterhin an diese Mannschaft.“ Der Angreifer steht dabei selbst unter Erfolgsdruck. „Olic ist sicherlich derjenige, von dem wir uns am meisten erwarten, weil er die Umgebung, den Verein und die Liga kennt“, bestätigte Knäbel, und auch Jansen ist sich sicher: „Ivi hat sich reingehauen, weite Wege zurückgelegt. Er tut uns gut, wird uns weiterhelfen.“

396 Minuten wartet der HSV nun bereits auf einen Treffer. Dass in Paderborn erstmals Olic mit Lasogga im Angriff auflaufen wird, ist unwahrscheinlich. Knäbel: „Pierre ist einfach noch nicht bei 100 Prozent.“ Wenig Hoffnung für Olics Söhne Luka und Toni.