Ein kleiner Kämpfer für den HSV

Erneut ist Peter Knäbel in der alten Heimat fündig geworden: Der HSV hat Marcelo Diáz für 2,5 Millionen Euro gekauft

Hamburg. Wenn man sich etwas länger mit Peter Knäbel unterhält, dann hört man ihn immer noch heraus: diesen Schweizer Zungenschlag. Der HSV-Sportchef ist zwar auf dem Papier ein Kind des Ruhrgebiets, geboren in Witten, wo der größte Wirtschaftszweig noch immer die Stahlindustrie ist. Doch während seiner insgesamt 16 Jahre als Spieler und Verantwortlicher im Land der Eidgenossen hat Knäbel sich irgendwann auch diesen typischen Singsang angewöhnt, den er sich auch nach knapp einem halben Jahr zurück in Hamburg noch immer nicht abgewöhnen konnte. „Ich war ja sehr lange in der Schweiz, was man mitunter noch hören kann. Ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, wie ich beispielsweise auf Schwyzerdütsch sage: Der Entscheid war nicht gut“, berichtet Knäbel.

Der Entscheid, oder besser: die Entscheidung, den defensiven Mittelfeldmann Marcelo Diáz kurz vor dem Ende der Transferfrist aus der alten Wahlheimat vom FC Basel zu holen, war aus Knäbels Sicht dagegen die einzig richtige. „Marcelos Qualitäten hat man besonders bei der WM gesehen. Er will immer den Ball haben, versteckt sich nicht, und er kann auch mal richtig laut werden“, lobt Knäbel seinen chilenischen Neuzugang, der nach seinem Medizincheck am Sonntagmittag im UKE noch letzte Vertragsdetails mit dem Manager zu besprechen hatte. 2,5 Millionen Euro war der 1,66 Meter kleine Kampfzwerg dem HSV wert – und das, obwohl Diáz nach einer guten WM keinen Stammplatz mehr in Basel hatte.

„Wir hätten Marcelo gern behalten. Dass er zuletzt nicht so viel spielte, hatte vor allem taktische Gründe“, sagt Basels Sportdirektor Georg Heitz dem Abendblatt. Diáz, der in seiner Heimat auch als „chilenischer Iniesta“ oder als „Xavi Südamerikas“ bezeichnet wird, sei ein technisch begabter Mittelfeldspieler, der sich nicht alleine auf seine Defensivaufgaben konzentriere.

„Er hat die Qualität, in der Champions League zu spielen. Am Ende wollte er unbedingt den Schritt in eine größere Liga machen“, sagt Heitz, der betont, dass der Transfer nur durch die guten Beziehungen zwischen Basels Verantwortlichen und Knäbel möglich gewesen wäre: „Nach Diáz’ guter WM gab es im Sommer Anfragen aus Spanien und England, die wir abgelehnt haben. Peter war nun aber sehr überzeugend – und Marcelo wollte unbedingt wechseln.“

Dabei ist es wenig verwunderlich, dass Knäbel ausgerechnet in seiner einstigen Wahlheimat fündig geworden ist. Fast alle potenziellen Neuzugänge, mit denen sich der HSV in diesem Winter ernsthaft beschäftigte, haben einen Schweizer Bezug: Neben Nationalstürmer Josip Drmic, den Leverkusen nicht ziehen lassen wollte, hatte Knäbel auch bei den einstigen Wahl-Schweizern Zdravko Kuzmanovic (früher FC Basel, jetzt Inter Mailand) Mohamed Sala (ebenfalls früher Basel, jetzt FC Chelsea), Brown Aide Ideye (früher Neuchatel, jetzt West Bromwich) und dem eingebürgerten Nationalstürmer Innocent Emeghara (früher Zürich, jetzt San José Earthquakes) angefragt. Wirklich geholt hat er dann aber „nur“ Diáz, der am Sonntag um 11.30 Uhr in Fuhlsbüttel landete und direkt von Betreuer Jürgen Ahlert ins UKE kutschiert wurde.

Dass der HSV im Internet schon ein wenig spöttisch als Helvetischer Sport-Verein bezeichnet wurde, stört Manager Knäbel nicht wirklich. Schon bei seinem ersten Interview mit dem Abendblatt gab der Sportdirektor ehrlich zu, dass er sein Netzwerk nach all den Jahren als Schweizer Verbandsfunktionär erst reaktivieren müsse. Und Diáz habe er ja nicht geholt, weil der in der Schweiz gespielt habe, sondern „weil er ein ganz anderer Spielertyp ist als die, die wir schon haben. Er ist so eine Art Jarolim, der passen kann.“

Kurzfristig soll Diáz vor allem den langzeitverletzten Valon Behrami – natürlich ebenfalls ein Schweizer – ersetzen. Mittelfristig könnten die beiden laut Knäbel aber auch gut zusammenspielen: „Sie sind komplementär.“

Dabei wollte Knäbel nicht verhehlen, dass aus der mittelfristigen eventuell nur eine langfristige Lösung werden könnte: „Man muss schon die Frage stellen: Was kann man von Valon in der Rückrunde noch erwarten? Er wird nach acht bis zehn Wochen Pause nicht alles in Grund und Boden spielen.“ Ob aber Dauerläufer Diáz, der in der Schweiz 13 Kilometer im Schnitt lief, Behrami bereits am Mittwoch in Paderborn ersetzen kann, ist zumindest fraglich. Zunächst müssen heute sowohl Arbeits- als auch Aufenthaltsgenehmigung für den Nicht-EU-Bürger, der bis 2017 bleiben soll, geregelt werden. „Es wird eine echte Challenge“, sagte Knäbel auf neudeutsch. Verständigungsprobleme erwarte er im Übrigen nicht. Diáz spreche fließend Englisch, würde Deutsch verstehen – und nach zweieinhalb Jahren in Basel soll sogar sein Schwyzerdütsch recht passabel sein.