Wie gegen ein Spitzenteam auftreten

Der nächste HSV-Kontrahent Hertha BSC gehört zur Kategorie schlagbar – doch ausgerechnet gegen solche Mannschaften taten sich die Hamburger in der Vergangenheit schwer

Hamburg. Man nehme einmal an, am Wochenende folgte erst der vierte Spieltag, und der HSV hätte bisher die Partien gegen die Bayern (0:0), Borussia Dortmund (1:0) und die TSG Hoffenheim (1:1) absolviert. Ganz Hamburg wäre euphorisiert: gegen die übermächtigen Bayern gut mitgehalten, der Millionen-Truppe aus Dortmund den Schneid abgekauft und den Geheimfavoriten aus Hoffenheim teilweise an die Wand gespielt. Das Ziel muss jetzt Europa League heißen, mindestens.

Doch am Sonnabend folgt mit der Partie in Berlin bei der Hertha (15.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt. de) leider schon der neunte Spieltag, und – aus HSV-Sicht muss man es fast bedauern – vier der fünf weiteren, bisher bespielten Gegner gehörten eher zu der Kategorie Mittelmaß bis Abstiegskandidat. Und gegen diese, vom Papier her leichteren Kontrahenten, tut sich der HSV seit geraumer Zeit schwer.

Seit dem Amtsantritt des Ex-Trainers Mirko Slomka im Februar dieses Jahres konnten die Hamburger beim 2:1-Heimerfolg gegen Nürnberg genau einen einzigen Bundesliga-Sieg gegen einen Gegner einfahren, der personell eher schwächer aufgestellt war als der HSV. Auch in dieser Saison setzte es Niederlagen gegen Paderborn, Hannover und Frankfurt, das torlose Unentschieden gegen Köln zählte schon zu den Höhepunkten. Selbst im Pokal gegen Drittligaclub Energie Cottbus kam der Bundesliga-Dino im Elfmeterschießen nur mit einem blauen Auge davon. Für Verteidiger Heiko Westermann gibt es in der Bundesliga allerdings kaum noch Begegnungen, in denen ein Team der deutliche Favorit ist. „Spiele gegen vermeintlich kleine Gegner sind ganz schwere Spiele. In der Bundesliga kann von Platz zwei bis Platz 18 jeder jeden schlagen“, sagt der HSV-Profi.

Auch die Hertha ist nicht bei den übermächtigen Gegnern einzuordnen, selbst wenn HSV-Trainer Joe Zinnbauer standesgemäß warnt: „In Berlin sagt sicherlich niemand, obacht, der HSV kommt, wir geben die Punkte ab. Das wird ein enges Spiel, in dem Tagesform, Taktik und vor allem der Wille entscheiden werden.“ Doch ein kurzer Blick auf den Kader verdeutlicht, dass der HSV mit einem Lizenzspieleretat von rund 50 Millionen Euro eigentlich zu größeren Taten fähig sein müsste als die Berliner, die sich das Team trotz der Stareinkäufe von Salomon Kalou und Valentin Stocker etwa 13 Millionen Euro weniger kosten lassen, momentan auf Tabellenrang 13 aber noch drei Plätze über den Hamburgern platziert sind.

Für Westermann haben solche Zahlenspiele nur geringen Wert. Zumal der 31-Jährige der eben aufgezeigten Tendenz kaum zustimmen mag. „Es ist ja nicht ganz richtig, dass wir gegen die Kleineren immer schlecht aufgetreten sind. Gegen Frankfurt waren wir zum Beispiel die bessere Mannschaft, das war das einzige Spiel seit Zinnbauer gegen einen Kleineren. Und für mich hat die Saison erst mit Zinnbauer so richtig begonnen“, sagt der 31-Jährige.

In der Tat war der HSV unter dem neuen Coach nur in Mönchengladbach, dem derzeitigen Bayern-Jäger Nummer eins, die klar unterlegene Mannschaft. Zinnbauers Schützlinge zeigen seit dem Trainerwechsel Fortschritte in allen Mannschaftsteilen, vor allem erspielt sich das Team mehr Torchancen, ohne dabei defensiv völlig den Faden zu verlieren wie noch in der Vorsaison. Selbst der Ausfall von Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier (Muskelquetschung) löste gegen die offensivstarken Hoffenheimer kein Abwehrchaos aus, Nachrücker Ashton Götz wusste taktisch zu gefallen. Umso erstaunlicher, dass Zinnbauer am Donnerstag deutlich zu verstehen gab, wer für ihn auf dieser Position die Nase vorn hat: „Dennis wird alles tun, um am Sonnabend spielen zu können. Ashton hat auch diese Woche gut trainiert, aber Dennis bleibt die Nummer eins. Er hat sich gerade erst reingefressen in meine Philosophie.“

Zinnbauers Gegenüber Jos Luhukay hält den HSV mittlerweile für „unberechenbar“ – insofern wäre es an der Zeit, in Berlin gegen alle statistische Wahrscheinlichkeit einen Gegner der Kategorie „schlagbar“ auch mal wieder zu besiegen. Dafür fordert der HSV-Coach ein genauso engagiertes Auftreten wie gegen ein Spitzenteam und eine „noch erfrischendere Spielweise nach vorne“, vor allem aber die bessere Ausnutzung der Torchancen.

Da ist in erster Linie der ehemalige Berliner Pierre-Michel Lasogga gefragt, der das erste Mal als Gast im Olympiastadion auflaufen wird. Auch die Formkurve des zuletzt kritisierten Stürmers zeigt nach oben, dementsprechend sind seine Ansprüche hoch. „Ich habe die letzte Partie der Berliner auf Schalke im Fernsehen gesehen. Obwohl das ein gutes Auswärtsspiel war und die Hertha sich generell gut verstärkt hat: Wenn wir zeigen, was in uns steckt, müssen wir punkten, am besten dreifach.“ Und falls das nicht klappt, kommen die nächsten Gegner Bayern (Pokal) und Leverkusen ja glücklicherweise wieder aus höheren Tabellenregionen.