Der HSV hängt weiter durch

Trainer Slomka: „Der Übergang ist zäh“. Calhanoglu-Verkauf für Lasogga-Transfer möglich. Kritik aus HSVPlus-Reihen

Glücksburg. „Teamgeist, guys!“ Andy Totchinks, ein Major von der Royal Navy, der im Rahmen eines Austauschprogramms in der Marineschule weilte, feuerte die HSV-Spieler lautstark an während einer Einheit, die die Fußballprofis in dieser Form wohl noch nie absolviert hatten. Auf einem Drill-Parcours der Marineschule, wo sonst Offiziersanwärter durch Reifen schlängeln, über Wände klettern, auf einem Drahtseil balancieren oder an Metallstangen entlang hangeln, wetteiferten die Profis um Bestzeiten.

Zur Feier des Tages war auch Konditionstrainer Niko Vidovic in Militärkluft angetreten – so sieht wohl eine gelungene Mischung aus Spaß und Arbeit aus. Dass Einheiten wie diese einen Hintergrund haben, ist offensichtlich. Mirko Slomka versucht systematisch, die Gemeinschaft zu fördern. Die bisherigen WM-Spiele haben den HSV-Trainer in seinem Ansinnen bestärkt: „Es geht immer weniger um Alphatiere, wie früher Stefan Effenberg oder Oliver Kahn welche waren, sondern verstärkt darum, dass ein Team gemeinsam nach Lösungen sucht, defensiv wie offensiv.“

Als „Schwarm-Intelligenz“, einer Art kollektiver Intelligenz, bezeichnet Slomka das, was sich beim HSV entwickeln soll. Dass zur Umsetzung seiner Philosophie eine überdurchschnittliche Fitness erforderlich ist, erfuhren die Spieler in Glücksburg mehr als deutlich. Es scheint, als ob – endlich – hart für den Erfolg trainiert wird.

Während die Arbeit mit dem Team reibungslos verläuft, sieht es hinter den Kulissen ganz anders aus, speziell bei der Kaderplanung. „Es läuft noch nicht so flüssig, der Übergang ist schwierig, keiner möchte Entscheidungen treffen“, sagte Slomka offen. Spätestens in der zweiten Phase der Vorbereitung ab dem 21. Juli hätte der 46-Jährige gerne den Kader zusammen. „Es ist ein bisschen zäh, wir stehen in Kontakt mit Spielern, die gerne zu uns kämen, können aber nichts finalisieren.“

Die Lage ist verzwickt, der Club quasi handlungsunfähig, auch wenn der künftige AG-Vorstand Dietmar Beiersdorfer und Sportchef Oliver Kreuzer in intensivem Kontakt stehen. Einen Transfer in der Größenordnung des Augsburgers Matthias Ostrzolek könnte der HSV gerade noch stemmen, derzeit liegen Angebot (2,3 Millionen Euro) und Forderung (drei Millionen Euro) aber noch weit auseinander.

Im Poker um Pierre-Michel Lasogga, der sich derzeit in Düsseldorf bei seiner Familie aufhält, fehlt den Hamburgern dagegen noch das nötige Kleingeld, was heißt: Ohne ein neues Darlehen von Klaus-Michael Kühne oder Transfererlöse kann der Club den Wechsel nicht umsetzen – mal abgesehen davon, dass der HSV auf die von Hertha BSC gewünschte Summe (zwölf Millionen Euro Ablöse, sofort zahlbar) niemals eingehen wird, bisher nur sechs Millionen Euro bietet. Eine Teilverrechnung mit Per Skjelbred (will in Berlin bleiben) lehnt Hertha bisher kategorisch ab. Zwar hat Kühne öffentlich im Abendblatt bekräftigt, bis zu 25 Millionen Euro investieren zu wollen, doch bisher ist dies nicht mehr als eine Absichtserklärung.

Slomka, den Kühne stark kritisiert hatte, forderte den HSV am Freitag auf, zweigleisig zu planen: „Ich weiß nicht, welche Versprechungen es gab. Ich glaube, wir müssen auch aus dem Club heraus Stärke zeigen und sollten nicht darauf hoffen, dass wir über Gönner Geld generieren. Wir freuen uns alle darüber, wenn uns Herr Kühne unterstützt, aber wir müssen die Möglichkeit für uns erarbeiten, mit dem HSV finanziell besser gestellt zu sein, um Transfers tätigen zu können.“

Die wahrscheinlichste Option wäre ein Verkauf Hakan Calhanoglus nach Leverkusen. Sollte Bayer das 12,5-Millionen-Euro-Angebot für den Deutschtürken, von dem Fotos kursieren, die ihn in einem Mannheimer Café zeigen, erhöhen, könnte der Wechsel trotz aller gegenteiliger Bekundungen doch schnell über die Bühne gehen. Das Problem: Kühne will Calhanoglu unbedingt weiter beim HSV spielen sehen und hat damit gedroht, sein Engagement zu beenden, sollte dieser wechseln. Eine Variante, die dem von Kühne stark kritisierten Kreuzer gut gefallen würde.

Von Teamgeist oder einem Neuanfang ist noch nichts zu sehen, auch nicht im HSVPlus-Lager, wo die öffentlichen Äußerungen von Kühne und dessen Generalbevollmächtigtem Karl Gernandt auf Unverständnis stießen. „Nichts mehr ist übrig von der Ordnung, dem Respekt und der Professionalität, die HSVPlus zum Sieg geführt haben“, kritisierte Stephan Rebbe, der die Kommunikation der Kampagne gestaltet hatte, im Magazin „Bilanz“. Kühne und Gernandt seien angetrieben durch die „zerstörerische Kraft persönlicher Eitelkeit“. Und weiter: „Die Köpfe der Initiative haben die Steigbügel erfolgreich gehalten und dürfen nun geräuschlos in der Versenkung verschwinden.“