Beim Heimdebüt des Niederländers bietet der HSV gegen Stuttgart nach dreimaligem Rückstand ein begeisterndes 3:3. Auf einmal wird der „herausragende Charakter des Teams“ hervorgehoben.

Hamburg. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Bert van Marwijk am frühen Sonntagabend den Weg zur offiziellen Pressekonferenz im ersten Stock der Imtech Arena gefunden hatte. Bereits direkt nach dem spektakulären 3:3-Unentschieden zwischen seinem HSV und dem VfB Stuttgart hatte der Niederländer den verschiedenen TV-Sendern immer wieder das Unerklärliche erklären müssen, das sich da in den vorangegangenen 93 Minuten vor seinen Augen abgespielt hatte. „Mit der Art und Weise, wie wir heute gespielt haben, kann ich sehr zufrieden sein. Wir haben Fußball von hinten heraus mit viel Mut gespielt, und haben uns so auch einige Chancen erarbeitet. Aber am Ende des Tages bin ich ein Trainer, der dann doch lieber gewinnt“, sagte van Marwijk, der aber trotz des unglücklichen Punktverlustes auch nach seinem dritten Spiel als HSV-Trainer ungeschlagen bleibt.

Das 3:3 im ersten Heimspiel van Marwijks, da dürften sich die 53.167 Zuschauer einig gewesen sein, war nach den durchaus begeisternden Auswärtsspielen – 2:2 in Frankfurt und 5:0 in Nürnberg – eine Art Superlativ der Fußball-Unterhaltung. In den Niederlanden spricht man bei derartigem Spektakel-Fußball gerne von „Voetbal totaal“, also vom totalem Fußball, den besonders Johan Cruyff in den 70er-Jahren geprägt hat. „Man kann schon langsam die Handschrift des Trainers erkennen“, lobte auch Fließband-Torjäger Pierre-Michel Lasogga, der in seinen sechs Pflichtspielen für den HSV nun schon sechs Treffer erzielen konnte. „Man sieht eine Struktur in unserem Spiel. Wir spielen auch nach Rückständen ganz in Ruhe weiter“, sagte der von Hertha BSC ausgeliehene Stürmer, der Stuttgarts erste Blitzführung nach nur 197 gespielten Sekunden 20 Minuten später nach feiner deutsch-türkischer Doppelvorarbeit durch Hakan Calhanoglu und Tolgay Arslan verdientermaßen egalisierte. „Wir haben uns ganz einfach den Arsch aufgerissen“, formulierte es Lasogga ähnlich rustikal, wie er zuvor auf dem Platz zu Werke gegangen war, „so kann man dann auch erklären, dass wir gleich dreimal einen Rückstand aufgeholt haben.“

Die allgemeine Freude über den „herausragenden Charakter des Teams“ (Calhanoglu) ist insofern verständlich, als dass es noch gar nicht so lange her ist, dass die Mannschaft in schöner Regelmäßigkeit nach Rückständen eingebrochen ist. „Das zeigt, dass die Mannschaft aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das war ein bisschen wie das Hoffenheim-Spiel. 0:1 zurück, 1:1, 1:2 zurück, dann sind wir gegen Hoffenheim ins Verderben gelaufen“, erinnerte Sportchef Oliver Kreuzer, der am Sonntag spätestens nach dem 2:2-Ausgleich durch den eingewechselten Maxi Beister (55.) wusste, dass an diesem Tag keine erneute 1:5-Klatsche drohen würde: „Diesmal haben wir Ruhe bewahrt, haben weiterhin versucht, Fußball zu spielen – und wurden auch belohnt.“

Calhanoglus Gefühlspremiere

Die Belohnung für den Hochgeschwindigkeits-Fußball, den die Hamburger insbesondere nach dem 2:2 boten, ließ allerdings zunächst ein wenig auf sich warten. Denn trotz hochklassiger Chancen im Minutentakt waren es erneut die Schwaben, die durch ein unglückliches Eigentor Johan Djourous in Führung gegangen sind (64.). Stuttgarts Freude wehrte aber nur drei Minuten, nachdem Calhanoglu und Beister den in der ersten Halbzeit abgetauchten Rafael van der Vaart mit einem herrlichen Zuspiel wiederbelebten. Van Marwijks Landsmann ließ sich nicht lange bitten und setzte mit seinem fünften Saisontreffer den Schlusspunkt unter eine Partie, die das Prädikat „extrem unterhaltsam“ verdiente. „So ein Spiel habe ich überhaupt noch nie erlebt“, sparte auch van der Vaarts kongenialer Mittelfeldpartner Calhanoglu nicht mit Lob.

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Trotz all der Glückshormone, die das Spektakel im Volkspark verursachte, übernahm Marcell Jansen nach Spielende die Rolle der Stimmungsbremse, die mahnend daran erinnerte, dass gegen den defensiv anfälligen VfB durchaus auch mehr drin gewesen wäre. „Es ist schon ein wenig enttäuschend, dass wir die Partie nicht erwachsen genug zu Ende gespielt haben“, sagte der Linksverteidiger, der sich insbesondere über die Schlussphase ärgerte, als der HSV kein Kapital aus dem späten Platzverweis gegen Antonio Rüdiger (84.) schlagen konnte: „Da haben wir den Kopf verloren und waren zu naiv.“ Ähnlich dürfte sich auch die Erklärung für die drei Gegentore anhören, die weiterhin aus der anfälligen HSV-Defensive nach insgesamt 22 Gegentreffern die „Schießbude der Liga“ machen. Aber, und das ist die gute Nachricht ganz zum Schluss, auch Offensivliebhaber van Marwijk hat das Problem erkannt: „Wir werden daran arbeiten.“

PS: Voetbal totaal bedeutet im Übrigen, dass die ganze Mannschaft nach vorne und nach hinten arbeitet.

Statistik

Hamburg: 15 Adler - 4 Westermann, 28 Tah, 5 Djourou, 7 Jansen - 14 Badelj, 18 Arslan - 31 Zoua (ab 46. Beister), 23 van der Vaart, 9 Calhanoglu - 20 Lasogga. - Trainer: van Marwijk

Stuttgart: 22 Kirschbaum - 2 Sakai, 3 Schwaab, 24 Rüdiger, 15 Boka - 4 Kvist, 20 Gentner - 7 Harnik (ab 65. Werner), 44 Maxim (ab 86. Haggui), 16 Traore (ab 90. Sararer) - 9 Ibisevic. - Trainer: Schneider

Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden)

Zuschauer: 52.000

Tore: 0:1 Maxim (3.), 1:1 Lasogga (23.), 1:2 Gentner (37.), 2:2 Beister (55.), 2:3 Djourou (64./ET), 3:3 van der Vaart (67.)