HSV

Van der Vaart will Calhanoglu Freistöße schießen lassen

Nachdem der Niederländer in der vergangenen Spielzeit keinen einzigen direkten Freistoß verwandeln konnte, setzt HSV-Trainer Thorsten Fink nun seine Hoffnungen auf Supertalent Calhanoglu.

Hamburg Viel wollte Hakan Calhanoglu am Dienstagabend nicht gelingen. Beim zweiten WM-Spiel der türkischen U20-Nationalmannschaft gegen Kolumbien in Rize (0:1) versuchte sich der Neu-Hamburger in der ersten Halbzeit als hängende Spitze, in der zweiten Halbzeit war er vorrangig in einem Fünfmeterradius rund um den Mittelkreis zu finden. In Szene setzen konnte sich der 19-Jährige nicht – bis zur 47. Minute. Nachdem der Schiedsrichter auf Freistoß entschieden hatte, legte sich Calhanoglu den Ball halb links 27 Meter vom Tor entfernt zurecht, nahm fünf Meter Anlauf und drosch ihn mit Vollspann auf das Tor der Kolumbianer. Der Ball flatterte nach links, dann nach rechts, wieder nach links und konnte erst im letzten Moment von Kolumbiens Torhüter Cristian Bonilla per unorthodoxer Faustabwehr entschärft werden. Es war ein echter Kunstschuss, der – und das ist die gute Nachricht – alles andere als Zufall war.

Gleich sieben direkt verwandelte Freistoßtore erzielte der Techniker in der vergangenen Saison für den Karlsruher SC, was in Deutschlands drei Profiligen genauso wenig übertroffen werden konnte wie seine Gesamtausbeute an Toren nach sogenannten Standardsituationen – 14! Denn der Karlsruher verwandelte auch seine sieben Strafstöße allesamt. Zum Vergleich: Bester Freistoßschütze der Bundesliga war vergangene Saison nach einer Untersuchung von Castrol Edge Dortmunds Marco Reus mit drei Treffern, es folgten Wolfsburgs Diego und Gladbachs Juan Arango (je zwei). Dem HSV gelang bei nur 16 Versuchen kein einziges Freistoßtor.

Und genau dies soll sich nun ändern. „Ist doch klar, dass man auch ins Tor treffen will, wenn man sich den Ball zum Freistoß hinlegt“, sagt mit Rafael van der Vaart derjenige, der bislang verantwortlich für das Ressort Freistöße war. Zwölf der 16 direkten Freistöße schoss der Niederländer, traf dabei aber kein einziges Mal. „Ich habe das Gefühl, dass die Torhüter auch immer stärker werden. Man muss den Ball schon extrem gut schießen, um einen Freistoß direkt zu verwandeln“, sagt van der Vaart, der insgesamt immerhin schon fünf direkte Freistoßtore für den HSV in der Bundesliga erzielte – zuletzt jedoch im September 2007.

Die spannende Frage, ob es nach der Verpflichtung von Spezialist Calhanoglu bereits in der kommenden Saison einen Generationswechsel der Freistoßschützen gibt, beantwortet van der Vaart salomonisch. „Klar kann Hakan auch Freistöße schießen. Da hat er doch große Qualitäten. Es wäre ja schlimm, wenn wir die nicht nutzen würden“, sagt der 30-Jährige, der freiwillig bereit ist, auf den einen oder anderen Standard zu verzichten, „Hakan hat ja eine andere Art zu schießen als ich. Er nimmt die Bälle meistens mit Vollspann und schießt auch aus größeren Distanzen direkt aufs Tor. Dabei flattern seine Bälle richtig. So ähnlich hat auch Trochowski geschossen beim HSV.“

Tatsächlich reifte der heutige Sevilla-Profi in Hamburg zum echten Freistoß-Experten. Immerhin sechsmal traf Trochowski für den HSV per direkt ausgeführten Freistoß – und erinnerte dabei in seiner Schusstechnik sehr an Real Madrids Cristiano Ronaldo. Der Portugiese ist zusammen mit dem legendären Olympique-Lyon-Freistoßschützen Juninho Pernambucano natürlich auch das Vorbild von Calhanoglu. Nach fast jeder Trainingseinheit übt der Deutschtürke Standardsituationen und Schusstechnik. „Man kann das gar nicht genug trainieren“, sagt der Ex-Karlsruher, der von Juninhos Fabelrekord aus der Distanz noch aber nur träumen kann. Der Brasilianer hat 44 seiner 100 Treffer für Lyon per Freistoß erzielt.

Das Kernproblem des HSV besteht darin, sich zu wenig Standardsituationen in guter Position zu erspielen. „Je mehr Freistöße es in Strafraumnähe gibt, desto größer ist natürlich die Chance, Tore zu erzielen“, sagt van der Vaart, der immerhin drei Tore durch Freistöße vorbereiten konnte. Insgesamt erzielte der HSV vier Treffer aus Freistoß-Situationen, was nur Fürth, Freiburg (je drei), Hoffenheim (zwei) und Mainz (eins) unterboten.

Trainer Thorsten Fink hat das Problem erkannt und will es proaktiv angehen. So ist auch die Verpflichtung von Basels Jacques Zoua eine Reaktion auf die Tatsache, dass HSV-Profis zu selten rund um den Strafraum zu Fall gebracht wurden. Der pfeilschnelle Kameruner soll dies ändern. Wer dann den fälligen Freistoß schießt, will Fink nicht vorab entscheiden. Unabhängig vom Standardproblem ist sich der Trainer aber sicher, mit Calhanoglu einen guten Griff getätigt zu haben. „Hakan ist ganz sicher ein Spieler, der die Rolle von Rafael irgendwann spielen kann“, sagt Fink. Offen bleibt lediglich, wie lange dieses „irgendwann“ hin sein wird.