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Fernduell gegen Frankfurt - ein gutes Omen

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Kai Schiller und Florian Heil

Obwohl der HSV am letzten Spieltag auf Leverkusen trifft, ist der wahre Gegner die Eintracht. Diesen Kampf hat Hamburg schon zweimal gewonnen.

Hamburg. Wer in den vergangenen Tagen versucht haben soll, noch eine Karte für das Duell des HSV gegen Eintracht Frankfurt zu ergattern, der dürfte nur ungläubiges Kopfschütteln geerntet haben. Karten für ein Heimspiel in der kommenden Saison sind noch nicht zu haben. Und an diesem Wochenende ist - anders als es zuletzt den Eindruck hatte - Leverkusen und nicht Frankfurt der direkte Gegner.

So ist das in der Theorie. In der Praxis ist Bayer zwar der direkte Gegner am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky), Frankfurt im Fernduell um den letzten Europa-Platz aber der Hauptkonkurrent. Und das ist trotz der tabellarisch begründeten Unwahrscheinlichkeit auf ein europäisches Wunder am letzen Spieltag vor allem eines: ein ziemlich gutes Omen.

Schaut man in die jüngere HSV-Historie, dann ist die Eintracht so etwas wie der Lieblingsgegner des HSV im Kampf um einen internationalen Startplatz auf der Zielgeraden. Sowohl 1996 als auch 2009 schafften die Hamburger die nicht mehr für möglich gehaltene Überraschung, in dem sie Frankfurt am 34. Spieltag schlugen und alle Konkurrenten zugunsten des HSV spielten. Vor vier Jahren war es Piotr Trochowski, der mit seinem Tor in der Nachspielzeit für den umjubelten 3:2-Sieg und die damit verbundene Qualifikation für die Europa League sorgte. 13 Jahre zuvor war es Hasan Salihamidzic, der den Weg für den damals sensationellen Einzug in den Uefa-Cup mit zwei Treffern zum 4:1-Sieg gegen die Eintracht ebnete.

"Wir hatten am drittletzten Spieltag nur 1:1 im eigenen Stadion gegen St. Pauli gespielt, damit die Qualifikation für Europa eigentlich schon verpasst. Doch mit den beiden Siegen gegen Stuttgart und Frankfurt haben wir das Unmögliche doch noch geschafft", erinnert sich Salihamidzic an das spannende Saisonfinale, in dem der HSV auch von mehreren Ergebnissen auf anderen Plätzen abhängig war: "Wir waren uns sicher, dass wir unsere Partie gegen Frankfurt gewinnen, hatten ja auch das Hinspiel schon hoch gewonnen. Doch der Rest war Hoffen auf Ausrutscher von Karlsruhe und Rostock." Zur Erinnerung: Der HSV zog nur darum in den Uefa-Cup ein, weil zeitgleich zum Sieg gegen Frankfurt weder der KSC (1:3 in Stuttgart) noch Hansa Rostock (0:1 gegen Köln) punkten konnten.

Salihamidzic, der seit seiner Zeit bei Bayern München mit HSV-Trainer Thorsten Fink befreundet ist, gibt zu, dass die Spieler schon damals auf dem Platz sämtliche Zwischenergebnisse zugerufen bekommen haben. "Wir haben mitbekommen, wie es bei den anderen Partien stand, das hat uns auch nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich der Frankfurter noch mal beflügelt", sagt der 36-Jährige, der zuletzt vor zwei Wochen mit Kumpel Fink telefoniert hat.

Hauptgrund für das damalige Wunder war aus Salihamidzics Sicht der unbändige Wille des Teams: "Eine solche Aufholjagd ist ja immer auch eine Mentalitätsfrage. Der Zusammenhalt war damals riesig und - ähnlich wie heute beim HSV - haben wir zuvor viele Möglichkeiten liegen lassen." Gleiches gilt auch für die Saison 2008/09, als der HSV lange Zeit sogar von der Qualifikation zur Champions League geträumt hatte. Letztendlich zog der HSV nur durch Trochowskis Tor in der Nachspielzeit zum 3:2 in Frankfurt und Dortmunds gleichzeitig verpassten Sieg in Gladbach (1:1) in die Europa League ein.

"Da ich kurz vor Schluss eingewechselt wurde, wusste ich genau, dass wir für Europa noch ein Tor brauchten", erinnert sich Trochowski, der nach seiner Einwechslung merkte, dass auch seine Kollegen auf dem Platz Bescheid wussten: "Die Spieler wussten das." Trotzdem mahnt der frühere Hamburger, der seit zwei Jahren in Sevilla spielt, am Sonnabend zu sehr auf das Spiel der Eintracht gegen Wolfsburg zu achten: "Man muss sich nur auf sich selbst konzentrieren. Das Schlimmste wäre, wenn Wolfsburg tatsächlich gegen Frankfurt gewinnt, der HSV dann aber gegen Leverkusen patzt."

Noch immer verfolgt Trochowski, der weiterhin seinen Schienbeinbruch und Knorpelschaden im Knie auskuriert, die Spiele seines früheren Vereins ganz genau. Dass der HSV überhaupt am letzten Spieltag um den Einzug in die Europa League mitspielt, ist aus Sicht des 29-Jährigen schon ein Erfolg. "Vor der Saison hatte damit doch niemand gerechnet. Leider hat insgesamt die Konstanz ein wenig gefehlt", sagt Trochowski, der seine Reha im Juni in Hamburg fortsetzen will, ehe er im Juli zur Nachuntersuchung in die USA nach Colorado reist. Fußballspielen wird der Wahl-Spanier erst wieder in ein paar Monaten können - dann am liebsten in der Europa League gegen den HSV.

Damit das Wunder tatsächlich gelingen kann, erwägt Trainer Fink sogar einen überraschenden Taktikwechsel. Am Mittwoch ließ er im Training ein 3-5-2-System einstudieren, das bei Ballbesitz des Gegners zu einem 5-4-1 wurde. "Wir müssen Leverkusen überraschen", sagt Fink, der keine Angst davor hat, ausgerechnet im vielleicht wichtigsten Spiel der Saison zu experimentieren: "Ich bin mutig." Wird der Mut belohnt, dürfte Europa ganz nah sein. Denn auf den Faktor Frankfurt konnte sich der HSV noch immer verlassen.

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