1922

Das unendliche Endspiel

Warum der HSV einmal auf seinen Meistertitel verzichtete

Vier Stunden und 54 Minuten – so lange dauerte 1922 das Meisterschaftsfinale zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg. Nach dem Abpfiff gingen die Hanseaten als Sieger vom Platz. Sechs Wochen später erkannte man ihnen den Titel wieder ab. Dann sprach man ihn ihnen wieder zu. Schlussendlich aber blieb das Jahr 1922 gar meisterlos.

Doch von vorn: Es ist der 18. Juni 1922, allein sechs Sonderzüge müssen eingesetzt werden, um die Hamburger Anhänger nach Berlin zu bringen: Zum ersten Mal steht der HSV im Finale einer Deutschen Meisterschaft. Vor 30.000 Zuschauern geht es gegen die fränkischen Fußballkünstler, die Titelverteidiger, den Favoriten, den „Club“. Schiedsrichter ist der spätere DFB-Präsident Peco Bauwens.

1:0 geht der HSV in Führung, Torschütze ist Hans Rave. Doch Nürnberg gleicht postwendend aus, und schon wenige Minuten später fällt das 1:2. Erst fünf Minuten vor Abpfiff gelingt dem HSV noch der Ausgleich. Hoffnung keimt auf: Verlängerung. Doch die bleibt ohne Treffer, und so einigt man sich darauf, so lange weiterzuspielen, bis ein Tor fällt.

Nach mehr als drei Stunden in torloser Gluthitze bricht Bauwens das Spiel schließlich ab: Es ist schlicht zu dunkel, Flutlicht gibt es nicht. Doch auch im Wiederholungsspiel, sechs Wochen später in Leipzig, will vor 50.000 Menschen keine Entscheidung fallen. Der HSV hält dem 1. FC Nürnberg mit sechs Nationalspielern stand. Nach dem Schlusspfiff der ersten Verlängerung bricht Luitpold Popp, einer der verbleibenden acht Nürnberger zusammen. Doch sieben Spieler sind zu wenig – Bauwens bricht ab.

Und der Spielausschuss erklärt den HSV gemäß § 111 Abs. 4 der DFB-Satzung zum Sieger. Der Club erhebt Einspruch: Abbruch während einer Pause sei regelwidrig. Die Juristerei beginnt. Nach langem Hin und Her erklärt HSV-Präsident Henry Barrelet schließlich den Verzicht auf den Titel. Die Saison 1921/22 findet daher keinen eindeutigen Sieger, irgendwie aber auch zwei: Auf der Meisterschale werden beide Vereine eingraviert. Ein Jahr später holt sich der HSV den Titel – ohne Wenn und Aber.