Ex-HSV-Star Bernd Dörfel: Nix wie weg!

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Morgen ist es so weit. Dann geht er. Für immer. Er hat die Nase gestrichen voll und lässt seine Heimat hinter sich. So wie er früher als Stürmer der Nationalmannschaft und des HSV war: auf und davon. Bernd Dörfel hat mit Hamburg abgeschlossen, Und mit Deutschland.

Hamburg. Er hat keine Wohnung mehr, er hat alle Zelte abgebrochen, der Frührentner Dörfel, der bis zum Mai in der Druckerei des NDR gearbeitet hat, möchte in eine bessere Welt. Irgendwo. Einen Plan hat er noch nicht, er weiß nur eines: "Hier leben mir zu viele Egoisten. Diese Stadt, dieses Land hat keine Wärme mehr. Es gibt nur Neid und Missgunst, alles wird immer unpersönlicher, es macht mir keinen Spaß mehr. Dieses Land ist mir zu kalt geworden, eiskalt. Deswegen gibt es nur eins für mich: nichts wie weg."

Er macht Ernst. Bernd Dörfel hat sich für 50 000 Euro ein Wohnmobil gekauft und geht damit auf Reisen. Heute hier, morgen dort. Ein Nationalspieler auf vier Rädern. 63 Jahre alt ist der Bruder von Gert "Charly" Dörfel inzwischen, aber er hat immer noch sein "Kampfgewicht" von exakt 72,5 Kilo. "Nur die Proportionen sind anders verteilt: Etwas weniger Oberschenkelumfang, dafür etwas mehr am Bauch", sagt der gelernte Kfz-Mechaniker. Und übertreibt, denn: Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick ist kein Gramm Fett an ihm zu erkennen. Bernd Dörfel hat eisern auf seine Figur geachtet. Er ging regelmäßig ins Fitnessstudio, schwamm viel, fuhr Fahrrad und joggte, so gut es ging. Eine Hüftoperation vor Jahren sorgt heute doch für gewisse Beeinträchtigungen - Tribut des Profi-Fußballs.

"Die Geschichte mit dem Reisemobil hatte ich schon lange im Kopf. Endlich habe ich sie wahr gemacht", sagt Dörfel. "Wenn ich mit dem Auto unterwegs war und die Wohnmobile sah, überkam mich immer das Fernweh. Deswegen fuhr dieser Wunsch immer mit und jetzt ist die Zeit gekommen."

Er will zuerst kreuz und quer durch Deutschland touren, will im Norden beginnen. Alte Freunde besuchen: "Das letzte Drittel meines Lebens hat begonnen, jetzt will ich nur noch genießen. Wie lange ich das durchhalte, das weiß ich nicht, ich lasse mich überraschen. Drei Jahre? Fünf Jahre? Oder weniger?" Ist die Deutschland-Reise beendet, geht es in die Schweiz. Dort, wo er nach eigenem Bekunden seine "beste Zeit als Fußballer" hatte: Genf. Servette Genf. "Dort habe ich viele Freunde, ich bin sicher, dass ich mich da mit etwas mehr Durchsetzungsvermögen lösen muss, denn sonst lassen die mich auf meiner Wiedersehentournee nicht wieder los. Ganz sicher."

Von der Schweiz soll es nach Italien gehen. Der Winter hierzulande ist ihm zu kalt, zu öde. "Und Italien liegt mir sehr am Herzen, ich spreche Italienisch, auch Französisch - ich interessiere mich für die Geschichte des Landes und freue mich auf die Warmherzigkeit im Süden Europas."

Dörfel zieht los, beginnt ein Vagabundenleben. Er geht allein in diese Welt. Ohne Familie, ohne Frau. Er gibt offen und ehrlich zu: "Wenn ich früher einmal in eine gute Familie kam, dann hat mir diese Wärme, dieses Ambiente schon dann und wann gefehlt. Ich habe viele einsame Monate, besonders in der kalten Jahreszeit, erlebt. Vielleicht möchte ich auch deshalb in den Süden." Der gebürtige Büsumer, der in Harburg aufwuchs, war als junger Mann oft verliebt. Der Haken: "Zu oft nur unglücklich. Ich hatte das Pech, immer auf Frauen zu treffen, die zwar super zu mir passten, aber bereits verheiratet waren."

Als er erwachsen wurde, bestimmte der Fußball sein Leben, da war kein Platz für Frauen. Und er war, das gibt er zu, auch "zu schüchtern", um das weibliche Geschlecht anzusprechen. Später wurde er zwar offensiver, aber: "Ich war dann zu anspruchsvoll und auch zu sensibel - was auch immer. Und wenn man dann über die 30 geht, stets allein war, wird es immer schwerer, seine ideale Frau zu finden. Ich glaube, das wird jetzt auch nichts mehr. Das ist mein Schicksal, damit habe ich mich auch abgefunden, obwohl ich längst auf Frauen zugehen kann. Ich bin inzwischen mit vielen anspruchsvollen Damen befreundet, das gibt mir sehr viel."

Bernd Dörfel geht zwar allein, aber er hat viele Bücher dabei. Anspruchsvolle Literatur. "Lesen ist super. Allein an einem schönen Ort zu lesen, ist etwas Wunderbares. Man ist mit der ganzen Welt in sich vereint, das ist faszinierend." Er liest philosophische Bücher, Zeitgeschichte und Dokumentarisches, aber keine Krimis.

In den letzten Jahren hatte sich Bernd Dörfel aufopferungsvoll um seine inzwischen verstorbene Mutter gekümmert. Extra ihretwegen war er damals aus der Schweiz wieder nach Hamburg zurückgekommen: "Sie hatte es verdient, denn unter welchen Umständen haben uns denn unsere Eltern damals nach dem Krieg groß gezogen? Es gab ja nichts. Das war ja Wahnsinn. Die Eltern haben Unglaubliches geleistet, haben alles für uns gegeben und alles für uns getan. Deswegen musste ich mich die letzten Jahre um sie kümmern, sie hatte es ganz einfach verdient."

Dörfel hat immer bescheiden gelebt. Er ist ein Typ, der nie auf den "Putz gehauen" hat. "Ich bin kein Kneipengänger, war auch nie in Discos, war kein Szenekenner - ich habe zurückgezogen gelebt", sagt er. Dabei ist er kein armer Mann, er hat sein Geld gut angelegt. Auch wenn seine Profi-Karriere früh ein jähes Ende fand. Er war 29, als er einen Knieschaden erlitt (Meniskus, Kreuzband). Für ihn stand fest: "Das ist das Ende." Weil auch die erste Operation nicht gut verlaufen war. Doch er gibt auch zu: "Irgendwie nahm ich diese Verletzung zum Anlass, mit dem Fußball zu brechen. Ich empfand den Sport damals - wie übrigens auch heute - als Belastung. Das war modernes Sklaventum. Auch wenn sich das ein wenig naiv anhört, vielleicht auch unglaublich, aber so war das."

Die Dörfels waren ein Fußball-Familie. Vater Friedo (zwei Länderspiele) hatte den Weg vorgegeben, war auch der Manager von Gert (elf Länderspiele) und Bernd (15 Länderspiele), der heute sagt: "Da war uns Jungs wohl schon die Fußballkarriere in die Wiege gelegt worden." Er bestritt mehr Länderspiele als sein Bruder und empfindet das heute als ungerecht. Bernd: "Charly war Weltklasse, er war deutlich der Bessere von uns beiden." Kurios: Bernd Dörfel wurde gelobt, gemocht und hofiert, dennoch verabschiedete er sich innerlich schon früh immer weiter vom Fußball: "Teilweise war man geschmeichelt, wenn man in der Zeitung oder im Fernsehen war. Aber es gibt auch schlechtere Tage, und dann merkt man, wie grausam Profi-Sport sein kann. Ich sehnte mich schon früh nach einem normalen Leben ohne den Leistungsdruck." Und: "Irgendwie fühlte ich mich wie gezüchtet. Die ganze Woche wurde man auf der Wiese getrimmt, um am Sonnabend Höchstleistungen bringen zu müssen. Du hattest zu funktionieren, quasi auf Knopfdruck, das machte mich krank. Die Knieverletzung war ein Wink des Schicksals. Obwohl die Zeit als Fußballer durchaus auch schön war."

Jetzt beginnt er ein anderes Kapitel seines bewegten Lebens. Es wird nicht schlechter sein als das, was er bisher erleben durfte. Bernd Dörfel ist auf der Suche nach seinem inneren Frieden. Und so wie er redet, wird er ihn ganz sicher auch finden.

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