Deutschlands Torhüterin im Porträt

Nadine Angerers Motto: von den Männern lernen

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Deutschlands beste Torhüterin trainiert einmal in der Woche in Nürnberg mit Raphael Schäfer. Die 32-Jährige will ihren dritten WM-Titel.

Berlin. Man muss früh aufstehen, um Nadine Angerer auf dem Fußballplatz anzutreffen. Stets eine halbe Stunde früher als der Rest der Mannschaft beginnt Deutschlands Nummer eins mit ihren beiden Torhüterkolleginnen Ursula Holl und Almuth Schult sowie dem Torwarttrainer Michael Fuchs mit der Trainingseinheit.

Was heute so selbstverständlich aussieht, war bei der 32 Jahre alten Bundesligaspielerin des 1. FFC Frankfurt zu Beginn ihrer Karriere noch anders. Ganz anders sogar. Sie sei viel unterwegs gewesen, erzählt Angerer. „Discos, Reisen uns so.“ Ihr unsteter Lebenswandel während der Saison führte dazu, dass sie bisweilen zu spät zum Training erschien oder sogar Lehrgänge verschlief.

Dass sie begabt war, begabter als viele andere Torhüterinnen in ihrem Alter, bestritt niemand. Auch die damalige Bundestrainerin Tina Theune nicht. Dennoch stellte sie Nadine Angerer vor die Wahl: Entweder sie werde die beste Torhüterin der Welt und beginne jetzt ernsthaft mit dem Training oder sie fliege aus der Nationalmannschaft!

Das kam an. „Für eine 18-, 19-Jährige war das ein ganz schöner Schlag auf den Kopf“, hat Angerer vor ein paar Jahren der Wochenzeitung „Die Zeit“ erzählt. „Ich war sauer und dachte mir: Was willst du, ich bring doch meine Leistung! Aber sie hatte erkannt, dass noch viel mehr Potenzial in mir steckte.“

Und diese Einschätzung ist sogar noch untertrieben. Sie darf sich seither nicht nur zweimalige Weltmeisterin nennen. Sie hat wohl auch noch einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt. 2007 in China musste sie während der WM nicht einmal den Ball aus dem Netz holen. Zudem wurde sie zur besten Torhüterin des Turniers gekürt. „Noch mal zu null zu spielen werde ich wohl ein zweites Mal nicht schaffen“, sagt Angerer. Doch wer die Frau kennt, die gebürtig aus Franken kommt, weiß, dass sie nichts anderes anstrebt, als zum zweiten Mal ohne Gegentor zu bleiben. Sie hat das Motto des früheren Schalke-Trainers Huub Stevens „Die Null muss stehen“ zu ihrem eigenen Anspruch erhoben. Sie sieht jedes Gegentor als persönliche Kränkung an.

Der letzte Treffer, den Angerer mit der Nationalmannschaft hat hinnehmen müssen, liegt lange zurück. Am 22. Mai 2010 in Cleveland war das, als Deutschland beim Gold Cup der USA 0:4 unterlag.

Dieser Umstand beunruhigt sogar die Bundestrainerin Silvia Neid. Nach dem letzten von vier Testspielen vor der Weltmeisterschaft in diesem Jahr in der vergangenen Woche in Mainz gegen Norwegen (3:0) sagte die Fußballlehrerin: „Ein Gegentor haben wir jetzt nicht getestet.“ Augenzwinkernd fügte sie hinzu: „Leider.“

Sie will sich darüber nicht beschweren, sagt Angerer. Sie hat die Position der Torhüterin weltweit auf ein neues Niveau gehoben. Sie trainiert auch viel als Feldspielerin, um Spielsituationen zu erkennen. Ihr Training findet inzwischen viele Nachahmer. Was ihre besonderen Fähigkeiten in der Sprungkraft, in der Strafraumbeherrschung und auch ihre Reflexe auf der Linie ausmachen, führt sie auf das Training mit Michael Fuchs, dem früheren Trainer von Andreas Köpke, zurück.

Einmal die Woche fährt sie deshalb auch von Frankfurt nach Nürnberg und trainiert dort mit Raphael Schäfer. „Das Training mit den Männern bringt mir unheimlich viel“, sagt Angerer, die das Privileg hat, seit einigen Jahren nicht nur für, sondern auch vom Fußball leben zu können. Gut sogar, wie sie sagt. „Es ist ganz wichtig, dass man ausgeruht zum Training kommt und auch hinterher regenerieren kann“, sagt sie über das Leben als professionelle Fußballerin.

Dass ihr Horizont dennoch nicht an den Grenzen des Sechzehnmeterraums endet, zeigt ihre ausgefallene Freizeitbeschäftigung. Nadine Angerer wird auch nach dreizehn, vierzehn Jahren nie eine Spielerin werden, die sich an die Kasernierung während eines Turniers oder in der Vorbereitung gewöhnen wird. Sie liebt die Freiheit. Sie muss das Hotel auch mal verlassen dürfen. Sie fotografiert gerne Häuser und stöbert auf dem Sperrmüll nach Möbeln. „Ich muss Spaß am Leben haben.“

Aber auf dem Platz versteht sie keinen Spaß. Mit ernster Miene verrichtet Nadine Angerer dort ihre Arbeit – auch im Training. Und in der Regel länger als alle ihrer Mannschaftskolleginnen.

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